Seelen im kosmischen Gleichgewicht – Notizen aus Venedig (5)
Der neue Film von Lav Diaz ist ein perfekter Diamant, geschliffen durch Wut und Formbewusstsein. Stefano Knuchel folgt dem Comicavantgardisten Hugo Pratt bis zu seinem Lebensende am Genfersee. Und dann brennt vor lauter göttlichem Lachen der Scheiterhaufen.

Am Freitag war ich zu ausgelaugt, um am Abend noch, wie eigentlich geplant, ins Stadio Pier Luigi Penzo zu fahren (was gerade mal eine Vaporetto-Haltestelle entfernt liegt, gleich neben den Giardini der Biennale) zwecks rarer Erfüllung meiner Pflichten als Lagunari-Tifoso. Für meine Laune erwies sich das als weise Entscheidung, die Heimmannschaft verlor gegen Florenz, wie bisher alle Spiele der aktuellen Saison; schon sehr trist. Zwei Tage zuvor hatte HJK Helsinki das Böse-An-Sich: Inter Turku gesägt. Mein Freund, mit dem ich in Helsinki immer ins Stadion gehe, schrieb top gelaunt „Die Senftube ist ausgequetscht!“, wohlwissend darum, mit welchem Enthusiasmus ich einen der absurdesten Klubi-Anti-Turku-Spottschmähs immer mitschreie: „Me vihaamme sinun sinappiasi! = Wir hassen euren Senf!“ Gestern hat dann auch noch mein Effzeh unentschieden gespielt, gegen Werder. Und so hat die Fußballseele ihr kosmisches Gleichgewicht gefunden.
Statt calcio gab’s Lav Diaz’ neuen Geniestreich, Makikiraan po (Let Us Through, Dear Ancestors), ein perfekt geschliffener Diamant, eine Abrechnung mit dem spanischen Kolonialismus auf den Philippinen wie auch mit der Kollaboration zwischen der katholischen Kirche und den Eroberern. Die Kürze – der Film ist keine zweieinhalb Stunden lang – steht Diaz gut, sein Erzählen hat mittlerweile eine novellengleiche Schärfe und Eleganz erlangt, schreitet dabei aber narrative Bögen aus, so weit, dass sie auch mehrbändige Romane enthalten könnten. Auch die Inszenierung, die z.T. stark wie Bühnen wirkenden Räume, in denen er seine Darsteller klar konzipierte Choreographien ausschreiten lässt, zeugt von einer mittlerweile atemberaubend selbstverständlichen Meisterschaft. Man staunt über die Art, wie rechtschaffene Wut und formales Bewusstsein hier zu-, ineinander finden.
Ins Labyrinth der italienischen Comicgeschichte

Da ich Symmetrien mag, vollendete ich das Festival für mich mit Il desiderio di essere inutile (Hugo a Venezia), Stefano Knuchels dritter Dokumentation über Hugo Pratt, dem wohl einzigen international immer noch bekannten Mitglied der Gruppo di Venezia, welche nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Magazin Asso di Picche den italienischen Comic revolutionierte (nun gut, wir wollen Damiano Damiani nicht vergessen, wobei der sicherlich nicht für seine Comics erinnert wird oder seinen Anteil an der Erfindung des fotoromanzo, sondern für sein dekadenumspannendes Film- und Fernsehspielschaffen). Will sagen: Von Tinto Brass zu Hugo Pratt, vom Kino- zum Comicavantgardisten, beides Venezianer, die anderswo geboren wurden (in Mailand und Rimini, respektive), jedoch mit familiären Wurzeln im Veneto.
Knuchels Untertitel müsste eigentlich „(Hugo tra Venezia e Grandvaux)“ heißen, da Pratts finaler Lebensmittelpunkt am Genfersee im Kanton Waadt für den Film (mindestens) genauso wichtig ist wie sein Kindheitshort. Allerdings bezieht sich das Venezia mehr auf jenen mythischen Ort, den Pratt mit „Favola di Venezia“ (1977)... schuf? erinnert? Zumindest folgt Knuchel der labyrinthischen Konstruktion des Werks mit seinen Bewegungen vor und zurück in Pratts Leben, mit einem Schwerpunkt auf der Bedeutung von „Le Elvetiche: Rosa Alchemica“ (1987), in dem Corto Maltese Hermann Hesse besucht, und „Mū – la città perduta“ (1991), Corto Malteses Suche nach Atlantis. Ausgelotet wird dabei auch eine künstlerische Bewegung von den sehr harten, z.T. fast expressionistischen Linien des jungen Pratt, die ihre Vollendung vielleicht in „Una ballata del mare salato“ (1967-1969) mit dem ersten Auftauchen von Corto Maltese findet, zu der fast transparenten Leichtigkeit von Pratts aquarellenem Spätwerk – bzw. von „L'Odissea“ (Autorin: Franca Ongaro), wie sie 1963 im Corriere dei Piccoli erschien, zu dessen posthumer Neuinterpretation „Ulisse“ (Autoren: Fabrizio Paladini & Marco Steiner).
Das Gewaltverhältnis zwischen hoher und niederer Kultur

Offiziell jedoch endete das Festival mit Giovanni Veronesis Dio ride (God Laughs), einem ganz schlichten, im 17. Jahrhundert situierten religiösen Film fast wie aus den 1950ern, in dem die Frage des Erzählens, seiner potentiell subversiven Kraft behandelt wird (und der sich auch ganz gut als Meta-Beistellwerk zu Makikiraan po schaut...). Ein Franziskanermönch bringt Episoden aus der Bibel so dar, dass seine Zuhörerschaft aus Bauern und einfachen Handwerkern lachen kann – nicht über Gott und seine Werke und Wunder, sondern mit deren lebensbejahender Herrlichkeit. Ein ambitionierter Adliger denunziert den einfachen Diener Gottes bei der Inquisition, die Kurie beginnt sich auch für den Fall zu interessieren, am Ende brennt der Scheiterhaufen vor einem Haufen Mitbürger, die dreinschauen, als verstünden sie das Unrecht, welches vor ihren Augen passiert.
Institutionen bezeichnen jene als Häretiker, die ihre Macht in Frage stellen, selbst wenn sie das, wie der Mönch hier, gar nicht wollen. Mit seiner Art des Erzählens, die den Geist vieler apókrypha atmet – speziell der Kindheitsevangelien wie etwa dem ziemlich erstaunlichen Thomas und dem eher erbaulichen Pseudo-Matthäus, aber auch des Maria-zentrierten Protoevangeliums des Jakobus – knüpft er implizit an volkstümliche Tendenzen des frühen Christentums an, das versuchte, sich durch solche Erzählungen die Bibel (be)greifbarer, damit akzeptabler zu machen und der Religion anzunehmen. Was nun, da sie ja von der Kirche verwaltet wird, gar nicht die Aufgabe der Massen mehr sein soll, da sie zu funktionieren, aber nicht zu besitzen und zu bestimmen hat. Dio ride offeriert eine ziemlich gute Metapher für das (Gewalt)Verhältnis zwischen hoher und niederer Kultur, und wer deren relative Werte definiert. Ein kluges Finale für so ziemlich jedes A-Festival. Alla prossima.
Hier geht's zu Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4 von Olafs Festivalbericht.
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