Wenn ich doch nur eine Kerze im Dunkeln wäre – Notizen aus Venedig (3)

Erkenntnis- und Reueschübe, die abwesende russische Kritikerblase sowie Worte vor und für Taten. Über neue Filme beim Filmfestival Venedig von Julia Loktev und Amos Gitai.

Wenige Tage bevor ich nach Venedig aufbrach, schickte mir ein lieber russischer Freund ein paar Filmfragen und eine solide Ladung Traurigkeit – das Leben im südeuropäischen Exil geht ihm langsam, aber sicher immer mehr an die Seele, auch weil die Aufenthaltsgenehmigung für einen absolut brutalen, jede berufliche Entscheidung beeinflussenden Konformismusdruck sorgt. Er denkt dauernd über die Rückkehr nach Moskau nach, im Wissen darum, wer da auf ihn wartet: das Kreiswehrersatzamt, weshalb diese Gedanken zu nicht mehr führen als noch tiefere Depressionen.

Zwei, drei Tage danach schickt mir ein russischer Filmemacher, der genau wie mein Freund im Frühjahr '22 seine Heimat verlassen hatte, seinen neuen Film: Nostalgie, gewoben aus beiläufigen Szenen des Sommers 2020 – also als Covid-19 tobte, wovon man im Film nichts sieht und worüber auch niemand groß spricht zwischen Strand und Hütte. Eine verlorene Jugend, eine verlorene Welt und Kultur, aber auch ein weiteres Dokument der Selbstblendung, des Ignorierens akuter Gefahren und sich abzeichnender Katastrophen.

Unsicherheit frisst Filmzeit

Eine der Protagonistinnen von Julia Loktevs My Undesirable Friends: Part II — Exile hält eben darüber einen langen Monolog, wie sehr alle, die nun ins Exil gehen, zu lange weg- und nur auf den eigenen Komfort geschaut hatten. Solche Erkenntnis- wie Reueschübe tauchen immer wieder in diesem Fresko einer jeunesse dorée maudite auf, die man Kennenzulernen vermeint über die sechs Stunden Laufzeit, nur um dann wieder und wieder zu merken, wie wenig man in Wirklichkeit von den meisten erfährt, wie flüchtig die Begegnung mit ihnen ist. In My Undesirable FriendsPart I — Last Air in Moscow (2024), den die Berlinale letztes Jahr nachspielte, kam man diesem Personenkreis näher, was unter den gegebenen Umständen einfacher war. Das andauernde Auf- und Abbrechen ihrer Existenzen, die Unsicherheit alles Kommenden frisst Filmzeit, so wie sie den Menschen in My Undesirable Friends: Part II — Exile an die Substanz geht, was man sehen kann, ganz direkt.

Zur offiziellen Premiere war nur ein einziges Mitglied der russischen Kritikerblase aufgetaucht, und dieser eine verließ sein Land schon, als es noch zur UdSSR gehörte. Der Rest? – Wer weiß. Vielleicht wollten sie einen Vierteltag Film, über den sie wahrscheinlich sowieso nicht ernsthaft schreiben oder contet providen können, sinnvoller nutzen; vielleicht hatten sie den Film schon in der Pressevorführung gesehen, auch um eine Begegnung mit den Protagonisten zu vermeiden. Keine Ahnung, und fragen will man nicht, aus einer Art Anstand, der natürlich fehlgeleitet sein könnte.

Mit Furor in der Stimme

Hätte Venedig den Film gezeigt, wenn ihn Menschen gemacht hätten wie zB. die im Zentrum von My Undesirable Friends? Hätte Venedig das Collageessay haMasśāʿ lîrîḥô (The Road to Jericho) ins Programm genommen, käme es nicht von ʿĀmôs Gîtay, einem Stammgast am Lido mit mittlerweile fast zwei Generationen italienischen Verehrern? Zu Beginn der Pressevorführung strolchten drei Polizisten einmal für alle sehr gut sichtbar an der Leinwand der Sala Perla vorbei, der Rest war Schweigen; wäre aufschlußreich zu wissen, wie das bei den restlichen Vorführungen war. haMasśāʿ lîrîḥô besteht fast zur Gänze aus Szenen früherer Filme Gîtays, mit einem Fokus auf zwei gemeinhin wenig geliebte, (kurioserwiese) beide in Venedig uraufgeführte Werke: ad (2001) und Ṣ′îlî (2014), plus natürlich Rābîn, hayyôm hāʾaḥărôn (2015), dem Anker seines Schaffens, sowie Mîlîm (1996), in dem Samuel Fuller aus Perì toû I’oudaïkoû polémou bzw. De bello Iudaico von (zuerst, vermutlich) Yôsēp ben Mattityāhû, später (sicherlich) Flaúios I’ṓsīpos bzw. Flavius Josephus  mit Furor in der Stimme vorliest.

Wie immer geht es Gîtay um etwas, das mittlerweile zu vielen, die sich guten Willen glauben, egal ist: Verständnis als Basis eines Dialogs, der zu einer Lösung führen möge – Worte vor, für Taten. Evoziert wird die Geschichte einer Landschaft und der Menschen, die in ihr lebten, leben, leben werden. Die einzige größere neu gedrehte Szene des Films zeigt eine palästinensische Schule, die Juden und Palästinenser gemeinsam gegen die Siedler zu verteidigen versuchen. Zum Ende hin zitiert Gîtay Maḥmūd Darwīš, dessen um die Millenniumswechsel herum verfasstes Gedicht Fakkir bi-ġayrika im Film in Hebräisch zu hören, hier in Deutsch zu lesen: „Wenn du dein Frühstück zubereitest, denke an die anderen. / (Vergiss nicht die Körner für die Tauben). / Wenn ihr eure Kriege führt, denkt an die anderen. / (Vergesst nicht jene, die Frieden suchen). / Wenn du deine Wasserrechnung bezahlst, denke an die anderen, / (an jene, deren Wasserbedarf von Wolken gestillt wird). / Wenn ihr nach Hause zurückkehrt, in euer Haus, denkt an die anderen. / (Vergesst nicht die Menschen in den Flüchtlingslagern). / Wenn du schläfst und die Sterne zählst, denke an die anderen, / (an jene, die keinen Ort zum Schlafen haben). / Wenn du dich im übertragenen Sinn befreist, denke an die anderen, / (an jene, die das Recht verloren haben, ihre Stimme zu erheben). / Wenn du an die anderen denkst weit weg, denke an dich selbst. / (Sprich: ‚Wenn ich doch nur eine Kerze im Dunkeln wäre‘).“

Hier geht's zu Teil 1 und Teil 2 von Olafs Festivalbericht. 

Zu unserem Venedig-Kritikerspiegel geht's hier

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