Darsteller japanischer Gewaltigkeit – Notizen aus Venedig (2)
Wollen die japanischen Filme des Filmfestivals Venedig alle zusammen sein? Jedenfalls läuft geballt an den ersten Tagen Neues von unter anderem Shinya Tsukamoto und Takashi Miike – und erzählt einiges über die Sorgen einer im Schwinden begriffenen Nation.

Sind heuer weniger Leute beim Festival? Aber das fragt man sich irgendwie jedes Jahr, warum weiß niemand. Oder ist es die Abwesenheit der sonst üblichen geballten US-Kinomacht und ihrer Vertreter, die immer wieder für schöne Schübe von Fanergie sorgen? Vor der Premiere ausgerechnet von Mr. Nelson, Did You Kill People?, Tsukamoto Shin'yas Studie einer Selbst- und Mensch(wieder)werdung in Demut, rannte eine Schar aufgeregter junger Damen neben einer Limousine mit verdunkelten Fenstern her und schrie „Mr. Malkovich!, Mr. Malkovich!“ – dabei war die Premiere von Martin McDonaghs katholonihilistischem Politmelodrama Wild Horse Nine schon am Abend zuvor über die Bühne gegangen. Vielleicht meinten sie Geoffrey Rush, der bei Tsukamoto in der Tat mitspielt? Oder vielleicht saß da wirklich Malkovich im Wagen und hat sich zu einem Film, den er sehen wollte, fahren lassen? Egal. Wichtig war die Aufregung – denn davon war bislang nicht viel zu spüren...
Wo wir schon bei Mr. Nelson, Did You Kill People? sind: Es ist etwas eigenartig, daß die japanischen Filme eigentlich alle an den ersten Tagen laufen bzw. liefen, wie ein eigenes Cluster – als ob sie alle zusammen sein wollten.
Japan wird seit Langem umgetrieben von einer Angst vor dem Verschwinden – dass es eines Tages keine Japaner mehr gibt und ihre Kultur sich in Wohlgefallen auflöst. Und es stimmt, die Geburtenrate sinkt konstant, die Unterstützungsangebote des japanischen Staats überzeugen potentiell willige Eltern absolut gar nicht. Entsprechend braucht Japan eigentlich Massen an Immigranten, allein schon wegen des Arbeitsaufkommens – aber das wollen zu viele nicht, weil darunter die nationale Homogenität leiden würde (auf das unerquickliche Thema Japan und Rassismus gehen wir jetzt nicht ein – was, Schleife, auf seine Weise Mr. Nelson, Did You Kill People? noch erstaunlicher macht, da Tsukamoto hier von den Leiden eines schwarzen US-Amerikaners erzählt, eine für japanische Verhältnisse erstaunliche Perspektive, selbst in den Zeiten des großen Suzuki Zion).
Ironische Dimension des Fremden

Andererseits hat man sich doch daran gewöhnt, dass in dem symbolträchtigen Sport sumō seit langem Nicht-Japaner dominieren, siehe etwa den Hawaiʻianer Chadwick Ha’aheo Rowan, oder Fiamalu Penitani aus Amerikanisch-Samoa, ️oder die Mongolen Dolɣorsürüng ün Daɣbadorǰi, Mönqbatin Daɣubaǰirɣal und Suɣarraɣčaɣ-a Yinbimbasürüng – unter japanischen Namen, als, respektive, Akebono Tarō, Musashimaru Kōyō, Asashōryū Akinori, Hakuhō Shō und Hōshōryū Tomokatsu, allesamt yokozuna, also die zum jeweiligen Zeitpunkt ranghöchsten Kämpfer.
Als die Dreharbeiten zu Erik Shirais Sumo: Spirit Weighs Nothing begannen, war einer seiner Protagonisten, Terunofuji Haruo, geboren Ɣantülɣayin Ɣan-Erdeni, noch yokozuna, was sich im Laufe der Ereignisse ändert. Sumo: Spirit Weighs Nothing ist ESPN pur: in prächtigen Bildern, mit viel Sinn für's Traditionelle und frei von allen Verweisen auf Skandale werden drei ineinander verwobene Biographien skizziert, die eine Sportlerkarriere mit ihren möglichen Wegen symbolisch abbilden (Anfänger, scheiternder Hoffnungsträger, alternder Star). Die ironische Dimension des Fremden, der für die Japaner ihre Nationalität performt, thematisiert Shirai seiner Position als Ausländer mit lokalen Wurzeln gemäß ganz beiläufig, darin effizient, so wie man den brutalen Ton in so manchem „heya“ durchaus in den Zwischentönen einiger Gespräche ahnt. Der Aufstieg Ōnosato Daikis (geboren Nakamura Daiki) zum yokozuna, also die Übernahme des Rangs durch einen Japaner, wird als großes Ereignis gezeigt. Wobei: Der letzte Japaner an der Spitze des Sports hielt sich mickrige zwei Jahre. In Ulaɣanbaɣatur wartet schon der nächste Darsteller japanischer Gewaltigkeit auf seine Stunde.
Veränderung und Bestand

Um Veränderung geht es auch in Miike Takashis auf top japanische Manier angenehm konventionelle Dokumentation Shūmei, in dem er die Vorbereitungen zur Namensnachfolgezeremonie von Horikoshi Takatoshi / Ichikawa Ebizō XI zu Ichikawa Danjūrō XIII, Hakuen begleitet. Als Ichikawa Ebizō XI kennt man den kabuki-Superstar auch hier, ob tragender Rollen in Ichimei (2011), Kuime (2014) und Mugen no jūnin (2017), alle von Miike – was auch erklärt, wie er diese Art von teils verblüffend offenen Zugang zu einer derartigen Persönlichkeit des japanischen Lebens bekam. Ichikawa Danjūrō XIII, Hakuen spricht den ganzen Film durch, wieder und wieder, über das Verhältnis von Veränderung und Bestand (auch im Sinne von Repertoire), wie sowohl die Rückkehr zu Kernstoffen als auch deren Umschreiben und Neuerfinden Tradition(en) fördert, (eine) Kultur und Text erhält.
Zu den Höhepunkten von Shūmei gehört eine der letzten Szenen, in denen Ichikawa Danjūrō XIII, Hakuens Interpretation des Benkei in „Kanjinchō“ mit den Benkei-Versionen, -Ideen seiner letzten beiden Namensvorgänger verglichen wird – was anschaulich macht, wie Wandel wirkt. Wie zB. wird Horikoshi Kangen / Ichikawa Shinnosuke VIII, der kleine Sohn von Ichikawa Danjūrō XIII, Hakuen den Benkei verstehen, sollte er ihn denn einmal spielen? Ichikawa Shinnosuke VIII gibt während dieser shūmei seinen offiziellen Bühneneinstand – in demselben Stuck, Uiro-uri, in dem schon sein Vater debütierte. Aus diesen Konstellationen kommt man nicht 'raus, selbst in anderen Medien nicht: als zB. Ichikawa Danjūrō XIII, Hakuen zum ersten Mal im TV auftrat, in dem taiga drama für das Jahr 1994, Hana no ran, tat er das an der Seite seines Vaters. Texte und Inszenierungen ändern sich, Familien bleiben.
Zur ersten Folge von Olafs Festivalbericht geht's hier.











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