Luxus des Ephemeren – Notizen aus Venedig (1)

Unser Kolumnist ist mit dem Filmfestival Venedig zusammen alt geworden. Im ersten Teil seiner diesjährigen Notizen geht es um ein Kino der behaupteten und eines der ausgelebten Freiheit. Und um Danny Boyles Ink, einen Film, den selbst vollgekotzte Klos und versifft fickende Paare nicht retten können.

„Wie lange kennen wir uns schon?, fragte mich letztes Jahr der Inhaber des Waschsalon La Solerte, wo ich am letzten Festivaltag immer Ordnung in meinem Koffer schaffe. - „22 Jahre. Oder doch 23? - Wir sind zusammen alt geworden“. Das hätte auch der Einlasser des Sala Giardino sagen können, der mich heute Mittag mit dap und breitem Grinsen begrüßte; er sieht immer noch wahnsinnig gut aus, wie der peplum-Centurio per se oder ein undurchschaubarer verdeckter Ermittler im Mittelgrund eines poliziottesco, doch milder, schalkhafter als damals, vor Dekaden, da er an der Tür des winzigen Retro-Kinos die filmgeschichtswilden Massen bändigen musste. Tempi passati.

Retrospektiven gibt’s in Venedig nicht mehr seit Alberto Barbera Direktor des Festivals wurde, nur noch Venezia Classici, die dieses Jahr allein aus Digitalrestaurationen bestehen – vielleicht, weil man mit Joeng4 Faan4s Lebensbilanz-als-Lokalfilmgeschichte Zung1 coeng4 jau1 sik1 (Intermission) und Luca Guadagninos XXL-titeligen 7h+-Bernardo-Bertolucci-Biopöe Joie de Vivre. Appunti, pensieri, parole, riflessioni, volti, visioni su Bernardo Bertolucci e la cinefilia del 20° secolo che non esiste più zwei thematisch passende Riesenwerke im Programm hat, die den Rahmen des Üblichen gesprengt hätten? Stattdessen gibt’s heuer eine Fuori concorso-Subsektion „Films on Films“, in der die zwei grad Genannten rennen und sonst nur wenig mehr. Eine der festivalweltweit geläufigen Cannes-Angleichungen, wo's eine Slottranche gibt, die genauso heißt, funktioniert, und ähnlich wenige Werke enthält? Schaunmermal, wie's 2027 aussieht – kleinere Umbenennungen von Sektionen wie Verschiebungen in der Programmstruktur gehören zum Direktoratenalltag, wie auch das völlig depperte neue Fuori concorso-Präfix „Venice Open“ zeigt.

In tiefster Verachtung für die Idee einer Handlung

Früher gab's am Tag Null schon allerhand zu schauen, meistens Filme aus dem aktuelle Programm (für gewöhnlich Nebensektionsware, von der man sich zu oft wünschte, sich ihr nie ausgesetzt zu haben), ab und zu aber auch mal Retroschätze, deren Genie gern den Rest des Festivals überschattete (2006 konnte man sich zB. in The Secret Story of Russian Cinema versenken).

Kam man gestern früh am Lido an, gab's bis zum Abend nichts zu sehen – endlose Strandzeit. Seit einigen Jahren schon ist der Tag davor exklusiv der Pre-Apertura gewidmet, wo eine Venezia Classici-Restauration zu sehen ist. Die Veranstaltung ist im Prinzip für die Einheimischen, Gratistickets gibt’s via einer Tageszeitung, schon angereiste Stargäste geben sich ab und an die Überraschungsauftrittsehre. Dieses Jahr wurde mit Tinto Brass ein Wahlvenezianer geehrt, es lief der vergleichsweise selten gezeigte Col cuore in gola (1967), es sprachen u.a. die Hauptdarstellerin, Ewa Aulin, die zweite Gattin des gesundheitsbedingt abwesenden Meisters, Caterina Varzi, sowie Barbera, der sich etwas sehr peinlich darum bemühte, den frühen spottbürgerlichen vom späten volkstümlichen Brass zu unterscheiden, und sich dabei auch nicht schämte, dessen Schaffen ab den 1980ern banal zu heißen.

Brass hat etwas Bemerkenswertes geschafft: Er hat sich von Col cuore in gola bis sagenwirmal Monella (1998) gestalterisch um 180° gedreht, seine Lust an der Provokation nie verlorene – ist aber mit den Jahren erst genuin subversiv geworden. Col cuore in gola, eine Collage wie das von Umberto Eco bestellte Kurzfilm-Diptychon Tempo Libero & Tempo Lavorativo (1964), allerdings mit Figuren, denen 'was passiert oder die 'was tun, damit 'was passiert, stets in tiefster Verachtung für die Idee einer Handlung, ist pures formalistisches Herumgespiele, dabei letztlich, als Satire auf den Zeitgeist, opportunistische Subversion – Monella hingegen ist spätpasolinisches Arbeiter-Bauern-Soldaten-Sexkino, ein von allen Regieäußerlichkeiten erlöster, subversiver Opportunismus; kurz: von der Dekadenz behaupteter zur Demut ausgelebter Freiheit.

Originalitätsplansollerfüllung

Danny Boyle hat sich offenbar Col cuore in gola sehr genau angeschaut für den etwa zeitgleich situierten, den Aufstieg der Sun unter Rupert Murdoch und Larry Lamb dramatisierenden Ink – und dabei nichts für sein Erzählen mitgenommen. Will sagen: Wenn bei Boyle nach etwa zwanzig Minuten eine Figur auftaucht, dann kommt die irgendwann auch noch einmal – den Luxus des Ephemeren leistet sich heute so niemand mehr. Col cuore in gola konnte einem mit seinem Gestaltungsfreiheitsgedusel, seiner mal Pete Walker'ianischen pulpiness, mal Andy Warhol'schen Pop-Seligkeit schwer auf den Nerv gehen, aber dafür kracht es dann auch so richtig, wenn zB. Ewa Aulin hinter einem mild transparenten Papierbogen strippt, während sich Jean-Louis Trintignant das Schattenspiel anschaut und dabei grenzgeil-hysterisch ein Schlagzeug verprügelt. Wenn in Ink mal wieder ein Boyle'sches Klo vollgekotzt wird und die Kamera über eine Reihe von Toilettenkabinen voller versufft fickender Paare dronet, wirkt das hingegen arg nach Originalitätsplansollerfüllung.

Dafür kann man sich bei Ink darüber freuen, wie viel Mühe sich die Kreativbeteiligten mit Rupert Murdoch als Figur gegeben, wie subtil und eigentlich relativ quasi fast positiv sie ihn gezeichnet haben – oder liegt das nur daran, dass er noch lebt und so reich ist, dass er die Produktion zur Hölle klagen könnte, ganz im Gegensatz zu den Nachfahren des verstorbenen Larry Lamb, der in die Kiste Eitler Narr gestopft wird? Dass der Film seine Geschichte als Versuch über die Ursprünge der heutigen Medien-, Politik-, Dasein-an-sich-Misere versteht, hinderte Boyle nicht daran, mit einer Montage zu enden, die das alles noch einmal illustriert und ins Jetzt zieht – Schlussapotheke nannte Gert Berghoff selig das. Damit ward die 83ª Mostra internazionale d'arte cinematografica di Venezia ganz offiziell und ohne Pre und aber eröffnet.

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