So ist das unter den Bubblemenschen – Notizen aus Venedig (4)
Eine Parabel über Hybris, die kein Ende nimmt: Einige Jahre lang hatte man nichts mehr gehört von Ilya Khrzhanovskiys megalomanischen, umstrittenen Multifilmwerk. Jetzt läuft im Venedig-Wettbewerb doch wieder ein neuer DAU-Film. Außerdem: Sergei Loznitsas Imperium wird seinen Festivalweg machen – warum auch immer.

„Wie ist denn DAU?“, fragte mich mein russischer Freund vorgestern Nacht noch. Dabei dachte man doch, DAU sei durch, Geschichte – und nun rennt im Wettbewerb Ilja Hržanovskijs DAU, der Mutterfilm, wie er ihn nennt, und bei dem man sich fragt, was er zu tun hat mit dem Werk, dessen Herstellung er vor zwanzig Jahren finanziert bekam, und das dann mitten im Dreh zu etwas... Anderem mutierte.
Als Unterfangen ist DAU eine Parabel über Hybris, was passieren kann, wenn sich das Kino nicht mehr selbst genügen will, wenn es mehr sein soll als eine einfallsreich, sich ihrer Mittel bewußte und sicher erzählte Geschichte. Oligarchenkunst dabei, wenn auch in einem sehr viel komplexeren Sinn, als man vulgo meint, da der Industrielle Sergej Adoniev, dessen Mäzenatentum ab 2008 die Eskalation des Projekts überhaupt erst ermöglichte, eine genuin interessante Gestalt ist. Die Wiedereröffnung des Ėlektroteatr Stanislavskij 2015 unter der Leitung des vor nur wenig mehr als einem Jahr verstorbenen Avantgardekino- wie -theatergenies Boris Juhananov ist nur eine von mehreren relevanten, so absolut gar nicht mehrheitstauglichen kulturellen Initiativen, die von ihm finanziell unterstützt wurden. Elon Musk oder Vincent Bolloré würden bei solchen Unterfangen eher mit der Stirn runzeln…
(Juhananov war für meinen Freund eine ausgesprochen wichtige Leitfigur, eine Inspiration. Er schaute sich zB., wenn er konnte, dessen Theaterproduktionen, die sich über mehrere Tage erstreckten, mehrmals an, versank in deren Welten, Ideenlandschaften. Dass er an Juhananovs Beisetzung nicht teilnehmen konnte, allein mehrere tausend Kilometer entfernt saß und trauerte, hat ihn schwer getroffen. Exil entfremdet einen, sogar vom Tod. Ich kannte Juhananov auch, flüchtig, hab' den schieren Wahnsinn seiner Person geliebt – der Kerl konnte monologisieren... wow –, „seinen DAU“, Videoromana v 1000 kasset Sumasšedšij princ, zwischen 1987 und 2005 gewuchert, nie wirklich vollendet, z.T. verloren, habe ich immer wahnsinnig bewundert.)
Stalinlekt der Emgargoisten

Andoniev war gestern Mittag nicht auf dem Roten Teppich, dafür aber u.a. Marina Abramović, die bejubelt wurde wie's ansonsten den George Clooneys dieser Zirkuswelt vorbehalten ist. Der DAU-Klan gibt sich vorsichtig, verhält sich strategisch, lässt sich von der kurz vor Festivalbeginn digital überreichten Protestnote der ukrainischen Ministerien für Kultur und Auswärtige Angelegenheiten nicht beirren. Ein Stein des Anstoß' war Adoniev, da er 2008, also dem Jahr, da er in DAU einstieg – kuriose Koinzidenz... –, Anteile seiner Telekommunikationsfirma an den Rüstungskonzern Rostec verkauft hatte, weshalb er heute von den USA und der Ukraine als Putinfreund mit Embargos belegt ist (wer will, kann in dem Stalinlekt, dessen sich der Staatsapparat in DAU bedient, Parallelen entdecken zu der Sprache der Embargoisten). 2020, als zwei der insgesamt – den neuen inklusive – fünfzehn DAU-Filme, namentlich DAU. Nataša / DAU-13 (Koregie: Ekaterina Oertel) und DAU. Vyroždenie / DAU-14 (Koregie: Il'ja Permjakov) auf der Berlinale liefen, hat das keinen guten Geist interessiert, obwohl Russland da schon im sechsten Jahr auf der Krim stand.
Und der neue DAU? Ungeheuerlichstes, momentweise stark von der German-Familie inspiriertes Großes-K-Kino, aber auch ein Flickwerk, das dramaturgisch nicht funktioniert, weil die verschiedenen Gestaltungszugänge sich nicht zu einer allen Brüchen und Synkopen zum Trotz geschlossenen Form fügen wollen. Kann man sich als ästhetische Strategie schönreden – Kodrehbuchautor Vladimir Sorokin hat das ja in mehreren seiner Romane gemacht, aber darin eben jenes Maß gefunden, das Hržanovskij fehlt. Besonders toll ist die Theaterikone Anatolij Vasílʹev in einer der Hauptrollen: da finden Schauspielhandwerk und cinégénie zu einer ehrfurchtgebietenden unio mystica der weltlichen Art. Bedauerlich ist, dass das Festival keinen Platz fand für Vasílʹevs eigenen neuen, größtenteils in Venedig (!) gedrehten Film, Rasskaz neizvestnogo čeloveka, aber das hätte wohl zu viel Engagement bedurft, zu verwirrend ausgeschaut – eine Flaschenpost aus einer russischen Verweigerung, die über das Momentane: Putinland, weit hinausgeht.
Schlamperei

Die Auswahl von Serhìj Loznicjas Imperium bedurfte hingegen keines Engagements – Loznicja ist ein Selbstläufer mit derartigen Massen an grotesk unkritischen Fans, dass er sich quasi in jedes Programm wie von selbst reinschreibt. Engagement in diesem Fall hieße kritisch zu sein und nein zu sagen zu Imperium, einer perfekten Verkörperung des russischen Ausdrucks „haltura“, was einerseits Flickwerk heißt, Schlamperei, andererseits Gelegenheitsarbeit, 'was, das man noch so 'mal mitnimmt. Imperium rennt fast drei Stunden und sagt weniger zur Sache: UdSSR als imperialistisches Projekt, als Oleksìj Radynsʹkìjs keine halbe Stunde langer Tam, de zakinčujet'sja Rosija (Where Russia Ends, 2024). Loznicja geht auch fahrlässiger mit seinem historischen Material um als Radynsʹkìj mit den Werken, aus denen er seine Argumentation baut. Aber Imperium wird seine Festivals machen. So ist das unter den Bubblemenschen.
Hier geht's zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3 von Olafs Festivalbericht.
Zu unserem Venedig-Kritikerspiegel geht's hier.














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