A Bigger Splash – Kritik

Streaming-Tipp: Auf den ersten Blick ist A Bigger Splash (1973) ein dokumentarisches Porträt des kürzlich verstorbenen Malers David Hockney. Doch Jack Hazans Film geht weit darüber hinaus und verdichtet sich zu einem faszinierenden Cinéma-vérité-plus voller Träume, Spiegelungen und Geheimnisse.

Zunächst besteht kein Zweifel daran, dass dies eine Cinéma-vérité-Dokumentation ist. Der Film folgt dem Maler David Hockney in seinem Alltag und bei den kreativen Problemen, die er nach einer Trennung hat. Hockney redet mit Freunden, versucht zu malen, duscht und besucht Kunst- und Tanzveranstaltungen. Weder Voice-Over noch Untertitel oder talking heads ordnen etwas ein. Offensichtlich versucht A Bigger Splash, die Realität einzufangen und sie dabei selbst möglichst wenig zu beeinflussen.

Aber dann ist da eine Szene, in der sich seine Muse Peter Schlesinger aus dem Haus stiehlt und dabei von dem hinter einer Ecke lauernden Hockney beobachtet wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Kameracrew das zufällig festhalten konnte, ist verschwindend gering. Und dann sind da Traumsequenzen und leicht surreale Szenen – beispielsweise besucht Hockney seinen Freund und Sammler Henry Geldzahler, der wie in einem Gemälde des Malers eingefroren scheint und vielleicht einfach nur das Bild als menschliches Tableau nachspielt, während er sich weigert, mit Hockney zu interagieren. Gegen den ersten Eindruck ist der Film eine bewusst fiktionalisierte Version des Lebens Hockneys, eine Art Cinéma-vérité-plus, die auch das Innenleben einfangen möchte.

Vor allem jedoch hat Regisseur Jack Hazan einen Film über das Anschauen von Kunst und die Darstellung des Lebens in medialer Form gemacht. Ständig wird geglotzt, ständig gibt es Grund zu glotzen. Leute gucken Gemälde an, in denen sie selbst dargestellt sind und die wiederum im Film nachgestellt werden. Wir betrachten Menschen in natürlichen und artifiziellen Habitaten, beobachten, wie andere sie ansehen und wie sie selbst etwas anblicken. Wir begleiten den Enstehungsprozess eines Gemäldes in unterschiedlichen Stadien. Wir sehen Leute in ihrer Wirklichkeit, aber gleichzeitig auch im Fernsehen, gemalt, fotografiert, sowohl ganz als auch fragmentiert. Die Kamera gafft Hockneys Arsch unter der Dusche an. Und überhaupt präsentieren sich Hockney und Co. ziemlich schambefreit und spielen mit dem Bild ihrer selbst.

Statt also mit den Mitteln der Dokumentation dem Künstler oder seinem Werk Geheimnisse zu entreißen, schafft Hazan ein eigenes Kunstwerk voller Geheimnisse. Wer sind diese Leute, die reden, die schauen und (von uns) angeschaut werden? Was sollen all die Swimming Pools? Was passiert hier überhaupt, und wieso ist die Musik zuweilen so bedrohlich? Warum ist Mo McDermott so eine traurige, triste Entität am Rand von Hockneys Leben und scheinbar doch so zentral für den Film? Vor allem ist es ein Vergnügen, wie die Ernsthaftigkeit des Formats immer wieder unterlaufen und das (Zu-)Schauen einfach nur als Lust dargestellt wird.

Den Film kann man bei Netflix streamen. 

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