Lawless

Junge, drück ab und werd ein Mann! Von der Initiation des Tötens.

Lawless 01

Regisseur John Hillcoat und Drehbuchautor Nick Cave tasten in Lawless die Konventionen des Gangstergenres nicht an. Keine stilistischen Wagnisse wie Michael Mann in Public Enemies (2009), keine melodramatische Heulerei wie in Road to perdition (Sam Mendes, 2002), keine sozialpolitischen Planspiele wie in der Serie Boardwalk Empire (seit 2010). Prinzipiell muss das nichts Schlechtes bedeuteten, doch hatte das australische Regie/Autoren-Duo mit The Proposition (2005) schon einmal gezeigt, dass es mit klassischen Genres raffiniert spielen kann. Damals wanderte der Western nach Down Under und glühte dort in den Weiten des Outback fiebriger und raunte dunkler, als er es in Amerika zuletzt vermocht hatte.

Bedauerlicherweise gehen die beiden in Lawless weit weniger Risiken ein. Sie begnügen sich stattdessen mit kleinen Verschiebungen und Anpassungen, ohne jedoch die Fundamente des Genres auch nur anzukratzen. Nick Cave ist ja bekanntermaßen ein Freund altehrwürdiger Traditionen, die er mit biblischen Untertönen beschwert. Und so zollt er den amerikanischen Mythen vom großen, ehrenvollen Gesetzlosen Tribut, jenes männlichen Urbildes, das seinen eigenen, archaischen Gesetzen folgt und damit außerhalb der Rechtsordnung zum Titanen wird. In Lawless, einer Adaption des Faktenromans The Wettest County in the World von Matt Bondurant, ist es die Bande der drei Bondurant-Brüder (Autor Matt ist Enkel eines der dreien), die in ihrem Zusammenspiel das Panorama der maskulinen Suche nach Ehre und Loyalität aufspannen.

Lawless 02

Thomas Elsaesser hat einmal beschrieben, wie das alte psychoanalytische Paradigma des Ödipuskomplexes mit seiner Vaterfixierung in den letzten 30 Jahren durch dasjenige eines Regimes der Brüder ersetzt wurde, eines Ringens um sexuelle und soziale Vormacht, das zwischen Gleichgestellten ausgefochten wird. In Lawless gibt es keinen Vater, keine Mutter weit und breit, keine Gewalt von oben. Die Brüder müssen unter sich ausmachen, welcher Lebensentwurf am Ende den Sieg davonträgt. Der souveräne, unantastbare Älteste, Forrest (Tom Hardy), der leicht verrückte, trinksüchtige Howard (Jason Clarke) oder das Nesthäkchen, Weichei und Fashion-Victim Jack (Shia LaBeouf)?

Es ist kein allzu komplizierter Kampf, der sich auf der Spielwiese des Alkoholschmuggels im Virginia zur Prohibitionszeit entwickelt, letztlich gibt es nur eine Disziplin: besser Töten als die anderen. Im kurzen Prolog wird diese Achse sofort etabliert und bis zum Ende des Films aufrechterhalten: Der kleine Jack, noch keine zehn Jahre alt, kann das arme Schweinchen nicht abknallen. Forrest und Howard tauschen einen Blick, der Große nimmt dem Kleinen die Waffe aus den Händen. Bumm. 1:0 für Forrest.

Lawless 03

Über die Dauer seiner etwas überlangen 2 Stunden versucht sich Lawless immer wieder etwas von der allzu simplistischen Grunddominante zu emanzipieren, sie um Zwischentöne anzureichern. So doppelt er das Tötungsthema mit einer fein ausgearbeiteten Problematisierung von körperlicher Nähe und sexueller Aktivität. Klar, auch dies ist naheliegend und gehört spätestens seit Bonnie and Clyde (Arthur Potter, 1967) zum Genre wie die Colts und Tommy Guns. Aber Lawless setzt sich sehr ernsthaft damit auseinander, als Spiel mit Ekel und feiner Kleidung. Wie der legendäre Clyde Barrow kann Forrest Bondurant sich zwar gut im Kampf an Männerkörpern reiben, aber Frauen machen ihn, den Gangster-Philosophen, sprach- wie bewegungslos.

Brutalität ist, wie in Cronenbergs Tödliche Versprechen (Eastern Promises, 2007) auch immer Intimität, ist dreckig, blutig, nah. In beiden Filmen ist die dominante Waffe nicht die Knarre, Messer und Fäuste sind es. Jack, der nicht zuschlagen und nicht abdrücken kann, versteckt sich hinter ständig wechselnden Anzügen, Westen und Krawatten, seine Angst vor Schmerzen übersetzt sich in Furcht, die Kleider schmutzig zu machen.

Lawless 04

Genau darum ist Special Agent Charlie Rakes (Guy Pierce), ein guter Filmbösewicht, denn er steht mit allen wichtigen Motiven des Films in Verbindung. Mit dem vielleicht beeindruckendsten Mittelscheitel der Filmgeschichte sieht der schmierige Sadist noch gelackter aus als Jack. Doch dank seiner stets aufs Outfit abgestimmten Lederhandschuhe kann er problemlos quälen und verprügeln. Selbst ein Millimeter Stoff bewahrt die notwendige Distanz zwischen Opfer und Folterer.

Diese Verquickung von Nähe, Gewalt, Sexualität und Kleidungsstil wird noch erweitert um die Opposition Stadt/Provinz. Die Hillbilly-Brüder Howard und Forrest geben einen Scheiß auf ihr Aussehen: ein schmutziges Hemd, mausgraue Wollwesten, Schlapphüte, das reicht. Die Helden kommen hier aus dem Hinterland der Bootlegger und Moonshiner, Agent Rakes aus Chicago, der Stadt Al Capones und Hauptstadt der Alkoholkriminalität. Eine kleine, aber effektive Verlagerung: Der professionelle, mondäne Verbrecher aus dem Norden, Urbild des amerikanischen Kinos, findet seine Hölle bei den Hinterwäldlern im alten Süden, die keinen Anstand haben, keinen Stil, keine Distanz. Sie sind hier die Helden, Helden des Drecks.

Aber diese komplexe Motivik bleibt die einzig erwähnenswerte Kontribution zum Gangstergenre, und sie ist wirklich nicht mehr als ein Seitenstrang. Essentiell geht es, wie immer schon, um die Männer, die Stärke und die Ehre. Wer daran zweifelt, muss nur auf den letzten Schuss warten, der alle Feinheiten, alle subtilen Andeutungen wieder zu Kleinigkeiten degradiert. Wenn es ums Leben geht, um den Tod und um den stärksten Bruder. 

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Kommentare


Ulle

Danke für die gute Kritik. Ich möchte es etwas schärfer formulieren: Dieser Film ist klischeebeladen und dünn, zwanghaft auf Hollywood getrimmt und vollends gescheitert, gerade weil Hillcoat alles möglich abkupfert ohne es wirklich zu können. " The Proposition" war möglicherweise eine totale Ausnahme seiner Möglichkeiten. Ein Zufall. Ein wirklich guter Film von Hillcoat war das. Und danach kam dann u.a . "The Road". Allein dafür möcht ich Hillcoat ohrfeigen, denn hier darf Hillcoat seine absolute Beschränktheit und Einfallslosigkeit präsentieren , die in "Lawless" nun ihren Referenzgrad erreicht : Plump , faul, ohne jeglichen Ehrgeiz , ohne Einfall.
What a waste !


Frank

"Wie der legendäre Bonnie kann Forrest Bondurant sich zwar gut im Kampf an Männerkörpern reiben, aber Frauen machen ihn, den Gangster-Philosophen, sprach- wie bewegungslos." - Wer, bitteschön, soll denn "der legendäre Bonnie" sein? Gemeint ist wohl eher Clyde Barrow, der (wohl aufgrund eines Missbrauchstraumas) Probleme mit Intimität hatte. Redigiert denn keiner mehr irgendetwas, bevor es ins Netz gestellt wird?


Frédéric

Wie man sieht, sind wir auf aufmerksame Leser angewiesen. Vielen Dank! Trotz Lektorat lassen sich Fehler nie ganz vermeiden. Dieser ist nun jedenfalls korrigiert.


Frank

Okay, die zügige und transparente Korrektur versöhnt mich wieder.
Interessante Seite übrigens, auf die ich erst kürzlich gestoßen bin.






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