Auguste Rodin

So kann man auch scheitern: Jacques Doillon dreht ein antiklimaktisches Biopic über einen Bildhauer, der sich abmüht, der wahren Gestalt seiner Modelle nahe zu kommen.

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Schon wieder ein Biopic, mögen die Kollegen gedacht haben, denn selten war die Pressevorführung eines Wettbewerbsfilms in Cannes so leer wie diese. Oder sie hatten die Franzosen über, denn französische Filme über französische Kultur gab es in diesem Jahr so viele wie vermutlich nie zuvor. Nach Godard à la Hazanavicius, Barthes à la Denis, Barbara à la Amalric, Jeanne d’Arc à la Dumont, und Desplechin à la Desplechin war das vielleicht einer zuviel. Obwohl oder gerade weil Jacques Doillon ein so eigenartiger Regisseur ist, der sowohl einen ins Rohe und Körperliche kippenden Film wie den schönen Love Battles (Mes séances de lutte, 2013) drehen kann, als auch einen Film der Zurückhaltung und kleinen Gesten wie den merkwürdigen Le premier venu (2008).

Arbeit, Erde, Liebe

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Auguste Rodin nun, man sieht es ihm formal nicht auf den ersten Blick an, ist ein konzeptueller Film. Einer, der verwischt, was er da tut, und der sich der titelgebenden Figur auf eine so offene Weise zuwendet, dass man denken könnte, es handele sich um eine Elegie. Doch das Gegenteil ist der Fall: Es ist der Prozess der Arbeit, es ist die Erde, die der Bildhauer zum Gesicht, zur Büste oder zum ganzen Körper formt, und es ist das Ineinandergreifen von amourösen und künstlerischen Bereichen, die ihn interessieren. Der Film steigt ein, als der Erfolg Rodins (Vincent Lindon) bereits besiegelt ist. Längst hat er große und prestigeträchtige Aufträge und nun zum ersten Mal auch einen vom Staat: Die Tore zur Hölle, angelehnt an Dantes Göttliche Komödie, soll er gestalten. Und dann trifft er Camille Claudel, seine Schülerin, Geliebte und Muse für die nächsten zehn oder fünfzehn Jahre. Schon bald beginnen die Konflikte, aus denen sich Geschichten fürs Kino stricken lassen, doch Doillon folgt dieser Fährte nicht – jedenfalls höchstens halb.

Kein Platz für Auguste und Camille

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Zwei Männer werden einander vorgestellt: „Sie haben einige Absagen gemein. Sie wurden dreimal von der Kunsthochschule abgelehnt, Cézanne zwei Mal.“ Das mag Koketterie sein, aber so wird sie nicht betont. Denn der Erfolg hat diese Künstler durchaus zu Lebzeiten erreicht. Stattdessen nimmt Doillon vielmehr die Position eines Danach ein: Die Kämpfe wurden schon ausgefochten, sie sind bereits Geschichte, sie nachträglich neu zu durchleben, das ist nicht sein Ding. Tatsächlich hat der Regisseur mit Auguste Rodin einen Film gedreht, der immer ein bisschen zu spät kommt und selten im Jetzt ist, es sei denn, um ein paar Momente des Schaffens und des Liebens zu erhaschen. Besonders für die zwischen Auguste und Camille interessiert er sich, es ist der Teil der Geschichte, der die größte Zeitspanne einnimmt, und doch hat er ein seltsames Verhältnis zu dieser Liebe.

Selten sind die amourösen Szenen, die nicht primär dem Vektor der Kunst gehorchen, geschweige denn sich ganz einem affektiven Regime verschreiben. Einmal, die beiden scheinen sehr glücklich, sitzen Auguste und Camille zusammen in einem kleinen Ruderboot. Er rudert, sie breitet sich vor ihm aus, legt die Beine über Bord, reckt und streckt sich, als suche sie eine Position, um für ihn Modell zu liegen. Die Kamera sieht ihr dabei zu, während er im Off einen Kuss einfordert, den sie ihm neckisch verweigert. Wie sie sich zueinander verhalten, trotz des großen Drangs eines Zusammenseins, um sie herum nur die Natur, es könnte nicht romantischer sein, und doch scheinen sie getrennt, jeder auf seiner Seite, mit einer Schwere, die zum leichten Spaß des Augenblicks nicht so recht passen mag: Als sei die Zukunft schon in der Gegenwart bekannt – als säßen da nicht nur Auguste und Camille, sondern immer schon Rodin und Claudel mit ihrer ganzen Geschichte, längst dem Unglück geweiht. Nein, Doillon lässt nicht nacherleben, wie das eine zum anderen kam oder es mal gewesen sein könnte. Kausalitäten lässt er durch gezielte Auslassungen nur in der Erzählung, nicht aber im Bild entstehen. Das Wesentliche war schon.

Keine Konfrontation, keine Widerrede

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„Es ist meine Schuld. Es steckt zu viel Leben in meinen Skulpturen.“ An Eitelkeit mangelt es Rodin nicht, und an Selbstvertrauen ebenso wenig. Neben den vielen Liebschaften, den vielen schönen nackten Frauen, die sich vor ihm räkeln und der stattlichen Bediensteten zu Hause, deren Sohn er nicht anerkennen will, von der er sich aber auch für Camille nicht trennen wird, neben Lust und Liebe also, ist es die Konfrontation mit dem Blick anderer, die immer wieder als Motiv in Rodin aufflammt. Doillon kostet den Widerstreit, der sich daraus ergibt, nicht aus: weder Konfrontation noch Widerrede.

In Rodins Atelier, in dem der Film die allermeiste Zeit verweilt, kommt die Welt zwar schon einmal hereingeschneit, doch findet sie sich genauso schnell auch wieder herauskatapultiert. Nur eine Kränkung sitzt tief: Die breite Ablehnung, auf die Rodins ikonoklastische Balzac-Skulptur stößt, nimmt den Künstler mit. Wollte er ihn zeigen, wie er war als älterer Mann – dick, fast ohne Hals, unförmig, vielleicht sogar verwandt mit einer Kröte –, wollten ihn weder die Auftraggeber noch andere so sehen. Rodin à la Doillon wiederum, den Schürzenjäger, dem alles zufliegt, der die Frauen benutzt und der zwar irgendwie schon nett, aber auch feige und ziellos erscheint, auch ihn werden wohl die wenigsten so sehen wollen, allein schon, weil der Film so angenehm wenig die Erwartungen an ein dramatisches Biopic erfüllt.

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Kommentare


Sütterlin, Ch.

Einfach ein großartiger epischer Film, der einem die Zeit läßt, über die Prozesse nachzudenken, die in den Dargestellten - sehr eindrucksvoll und authentisch gespielt - vorgehen, Ein Kunstwerk in Bildregie, Requisite, Atmosphäre, Licht.






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