Flight

Ikarus gegen Gott, oder von zwei Helden, die einmal einer waren.

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Zuerst muss die Fallhöhe bestimmt werden: Der Pilot Whip Whitaker (Denzel Washington) wacht neben einer splitternackten Stewardess (Nadine Velazquez) im  grauen Morgenlicht zwischen leeren Flaschen und vollen Aschenbechern auf. Noch liegend wird der letzte Schluck Bier gekippt, dann zwei Lines Koks geschnupft, ein paar Züge vom Joint genommen. Nun, wieder hergestellt, stolziert er in Richtung Cockpit. Eine Figur auf solch wackligem Thron muss stürzen.

Und wie tief sie zu stürzen droht. Was nun folgt, zeigt schon der Trailer zu Robert Zemeckis Flight: Ein technischer Defekt zwingt Captain Whips Maschine in den Sinkflug, durch ein Husarenmanöver gelingt ihm jedoch die Bruchlandung, bei der er mit dem Flügel nochmal eben den Kirchturm einer Baptistengemeinde, die sich gerade zum Taufen im nahe gelegenen Teich versammelt hat, zertrümmert. In diesem etwas groben, aber durchaus treffsicheren Bild hat Zemeckis alle den Film dominierenden Achsen eingeführt: ein Crash zwischen dem menschlichen Ikarus und dem christlichen Gott, der Absturz nach einem realen wie metaphorischen High, die Ununterscheidbarkeit von Heldentat und Zerstörungsakt.

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Die Exposition von Flight gehört zum stärksten, was Zemeckis je inszeniert hat. Er etabliert dort auf für ihn ungewohnt raue und verschattete Weise eine Ausgangssituation, die sich gleichermaßen in Richtung Charakterstudie wie Mediensatire weiterspinnen ließe. Denn wenn der saufende Captain Whip später im Krankenhaus wieder erwacht, feiert ihn die Öffentlichkeit als amerikanischen Helden wie zuletzt den Wunderpiloten vom Hudson River. Schade nur, dass sich Zemeckis ganz und gar für die Beobachtung des Einzelschicksals und gegen eine tiefere Untersuchung der sozialen Aufgeregtheit entscheidet.

Denzel Washington dominiert diesen Film, bei dem alle anderen Figuren wie jene nervigen, aber manchmal gefährlichen Gänse erscheinen, die nun in der ständig heißer laufenden Turbine seines Tanzes mit dem Alkohol zerfetzt werden. Alle Linien, seien sie emotional wie in der blass bleibenden Beziehung zu Entzugspatientin Nicole (Kelly Reilly), die er nach seinem Crash im Krankenhaus trifft, seien sie sozial wie der Medienzirkus um den Pilotenhelden oder juristisch wie die Fragen nach den Verantwortlichen, strömen mit mal mehr, mal weniger Widerstand durch ihn hindurch.

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Washington wankt und lallt also, er lügt und droht, er grinst hinter Sonnenbrillengläsern und weint, wenn niemand zuschaut, er spielt mit maximaler Intensität all jene Facetten, die man von einem per Zufall zum Helden gewordenen Widerling erwarten dürfte. Aber dies ist reines, vorhersehbares Repräsentationsschauspiel, vor allem weil Washington der dunklen, zentralen Frage seiner Figur ebenso ausweicht wie das Drehbuch: Was wäre, wenn Whip nicht trotz, sondern aufgrund seines Rausches die Maschine retten konnte?

Nicht, dass diese Vorstellung in realitas wünschenswert wäre. Aber im Kino darf man solcherlei Alternativwelten zumindest nachspüren. Captain Whip ist eine extrem überzeichnete Figur, die von Zemeckis jedoch wie eine realistische behandelt wird, er ist eine Karikatur in einem Film, der nuanciert sein möchte.

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Die Drogensucht Whips ist die unglückliche äußere Eigenschaft eines wesenhaft guten Menschen und fähigen Piloten. Seine Selbstfindung muss also über die Abtrennung der Eigenschaften vom Wesen funktionieren, er muss sein wahres Ich jenseits der Drogen entdecken, so wie die anderen den reinen Helden vom echten Schurken unterscheiden können wollen. Aber da Washingtons Darstellung genau von diesem Vertrauen in den guten Kern getragen ist, bleibt sie manierlich, ohne echte Abgründe und reicht zu keinem Zeitpunkt an die Agonien beispielsweise eines Nicolas Cage in Leaving Las Vegas (Mike Figgis, 1995) heran, der sein Ich im Alkohol selbst suchte und nicht in der Abstinenz.

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Da wir unsere Helden also nicht mehr schmutzig haben wollen, bekommen wir nun zwei sauber voneinander unterscheidbare: einen arschigen, unausstehlichen Helden der Tat und einen hilflosen, aber geläuterten der Moral. Die Frage nach der Handlungsmacht ist in Flight von derjenigen der Ethik nicht zu trennen, denn Captain Whip muss für genau jene Taten, für die er verehrt wird, auch verdammt werden dürfen. Wenn gegen Ende des Filmes im Untersuchungsausschuss die Schuldigen bestimmt werden sollen, dann gibt es letztlich zwei Verdächtige: den Drogenjunkie und Gott. Denn entweder war hier menschliches Versagen verantwortlich oder höhere Gewalt („An act of God“ im Juristenenglisch) am Werk. So begegnet uns hier eine der großen Verwerfungslinien der amerikanischen Gesellschaft, die sich über das letzte Jahrzehnt – spätestens seit den vier berühmtesten Flugzeugcrashs ihrer Geschichte – in die graue, menschelnde Welt des Kompromisses, der Möglichkeit des Handelns und damit auch derjenigen des Scheiterns (tendenziell demokratisch) und das schwarzweiße Reich des gottergebenen, gewaltsam alles Widersprüchliche bereinigenden Moralfundamentalismus (tendenziell republikanisch) aufgespalten hat.

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Wie so oft bei Zemeckis öffnet sich ein reichlich komplexes und philosophisch brisantes Feld, nur um schließlich auf vorhersehbare, maximal unbefriedigende Weise abgelaufen zu werden. Ob er die ödipalen Martern in Zurück in die Zukunft (Back to the future, 1985) am Ende in einem schiefen Familienidyll befriedet oder rassistisch diskriminierende, zerstörerische Stadtplanung in Falsches Spiel mit Roger Rabbit (Who Framed Roger Rabbit, 1988) in zuckersüßer Multi-Kulti-Utopie auflöst: Die Fragen sind bei Zemeckis immer spannender als die Antworten. Woher seine Scheu rührt, das wirklich Problematische nicht nur im Hintergrund klassischer Charakterdramen zu verhandeln, das bleibt auch in Flight rätselhaft. Captain Whip wimmert zuletzt vor seinem allumfassenden Geständnis: „God Help Me“ und entscheidet sich damit gegen die menschliche Welt der Tat und für die tatenlose Welt göttlicher Moral. Darauf ein Prosit.

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