Tabu - Eine Geschichte von Liebe und Schuld

Diskontinuität als Prinzip. Zwischen Portugal und seinen ehemaligen afrikanischen Kolonien, zwischen Gegenwart und Vergangenheit siedelt Miguel Gomes seinen magischen neuen Film an. 

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Bei dem portugiesischen Regisseur Miguel Gomes weiß man nie so genau, woran man ist. Seine zwei bisherigen Spielfilme sind stilistisch wie qualitativ sehr unterschiedlich. Während der Erstling, The Face You Deserve (A Cara que Mereces, 2004), ein Musical mit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ vereinte und mit seiner kalkulierten Skurrilität gehörig auf die Nerven ging, war der Nachfolger, Our Beloved Month of August (Aquele Querido Mês De Agosto, 2008) ein großartig sinnlicher Sommerfilm, in dem die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion aufgehoben wurden.

Schöne Erinnerungen an die Kolonialzeit

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Die Brüche bleiben bei Gomes Prinzip. Sein dritter Film Tabu markiert im Grunde genommen schon wieder eine neue Herangehensweise. Das sonst so Verspielte, fast ein wenig Überdrehte weicht hier einem ruhigen und geschmeidigem Erzählfluss. Die Aufspaltung in zwei Teile, die bereits die Struktur der beiden Vorgänger bestimmte, findet sich aber auch hier. Nach einem kurzen Prolog bringt uns die erste Hälfte mit dem Titel „Das verlorene Paradies“ in eine Lissabonner Wohnsiedlung, wo sich die Handlung um drei Frauen dreht, die in einem unfreiwilligen Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen.

Die Rentnerin Pilar (Teresa Madruga) geht ihrem Drang, Gutes zu tun, als praktizierende Christin und auf nicht näher definierten politischen Demonstrationen nach. Ihre ausgeprägte Empathie weiß auch die spielsüchtige Nachbarin Aurora (Laura Soveral) auszunutzen, die ihrer kapverdischen Haushälterin Santa (Isabel Cardoso) das Leben schwer macht und in Träumen und Erinnerungen an die Kolonialzeit schwelgt. Als Aurora ins Krankenhaus kommt, wird ein weiteres, unbekanntes Kapitel ihrer Vergangenheit freigelegt.

Auf den lethargisch agierenden Figuren in Tabu scheint eine erdrückende Melancholie zu lasten. Die bei Gomes sonst so grell bunten Farben sind verblasst und schwarzweißen Bildern gewichen. Die irreale und schwerelose Atmosphäre ist geblieben. Mal wandeln die Figuren nur als Silhouetten durch die Bilder, dann werden sie wieder von einem Licht monumentalisiert, das an holländische Barockgemälde denken lässt. Bleischwer oder erhaben wird der Film dabei keineswegs. Das weiß der lakonische Humor zu verhindern.

Ein Stummfilm, der nicht stumm ist

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Im zweiten Teil von Tabu, „Paradies“ genannt, geht es dann in ein nicht näher benanntes afrikanisches Land in den späten 1950er Jahren. Erzählt wird von einer Liebe, die nicht sein darf. Die junge, frisch verheiratete Aurora (Ana Moreira), die zu dieser Zeit Besitzerin einer Teeplantage ist, beginnt eine Affäre mit dem Schürzenjäger Gian Luca Ventura (Carloto Cotta). Die Geschichte endet 1961 mit einer gebärenden Aurora und dem Einbruch des Portugiesischen Kolonialkrieges.

Den Filmtitel hat sich Gomes bei Friedrich Wilhelm Murnaus Abenteuerfilm Tabu (1931) abgeschaut. Dabei setzt er nicht nur wie Murnau auf eine tragische Liebesgeschichte und einen exotischen Schauplatz, sondern spielt auch mit der Ästhetik des Stummfilms. Die gesamte zweite Hälfte von Tabu sehen wir Menschen reden, ohne zu hören, was sie sagen. Diese Leere füllt schließlich ein Voice-over vom alten Gian Luca (Henrique Espírito Santo), der lediglich durch einige Popsongs von damals unterbrochen wird. Seine raumlose Stimme sorgt für eine ungemeine Intimität.

Dadurch bleibt der Blick in die Vergangenheit stets als Erinnerung gekennzeichnet. Statt einer auf Realismus ausgerichteten Perspektive sehen wir eine fantastische Dschungelwelt, in der es neben verzweifelten Liebenden auch Monster und traurige Krokodile gibt. Die Abgrenzung zu den meisten zeitgenössischen Filmen geschieht in Tabu schon durch die Verwendung des in der Handlungszeit verbreiteten Seitenverhältnisses 1:1,37, das im Zeitalter von 16:9-Fernsehern ungewöhnlich quadratisch wirkt. Streckenweise erinnert diese Art der nostalgisch verfremdeten Inszenierung auch ein wenig an Raya Martins Independencia (2009) oder die Filme von Guy Maddin.

Robinson Crusoe als Sprachlehrer

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Obwohl die beiden Teile des Films eigenständig funktionieren, korrespondieren sie immer wieder durch inhaltliche Motive miteinander. Da wäre etwa die alte Aurora, die ihr früheres Leben als Kolonialherrin mit ihrer Haushälterin im Portugal der Gegenwart weiterführt, oder Santa, die wiederum aus einer portugiesischen Kolonie stammt und die Sprache des einstigen Besatzers mit dem Entdecker-Schinken Robinson Crusoe lernt. Je näher dann der zweite Teil rückt, desto mehr verwandelt sich auch das Lissabon der Gegenwart in einen Dschungel, bis irgendwann Gian Luca mit Safari-Hut auftritt und in einem tropischen Gewächshaus beginnt, von früher zu erzählen.

Tabu ist in Gomes’ Filmografie wieder ein Neuanfang, ein hypnotisch schöner Film, der an den Ecken eines Melodramas die Geschichte Portugals einfließen lässt und sich dabei regelmäßig die Freiheit für kleine Spinnereien nimmt. Gerade jetzt darf man gespannt sein, wohin die Reise von Herrn Gomes als Nächstes gehen wird. 

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