Little Miss Sunshine
Nach American Dreamz (2006) seziert erneut eine Komödie die Oberflächlichkeit eines erfolgsorientierten „Way of Life“. Little Miss Sunshine hat jedoch mehr zu bieten, als bloße Sozialkritik des liberalen Hollywoods an einem fraglichen Wertesystem.

Es sind nicht rüpelhafte Haudegen à la Dukes of Hazard (2005) oder ewig pubertierende „Pie“-Epigonen, die das Komödiengenre Hollywoods im Kinojahr 2006 prägen werden. Stattdessen wird es ein etwas pummeliges Mädchen sein, dessen Ziel es ist, bei einem Schönheitswettbewerb für Kinder zur Königin gekürt zu werden.
Gänzlich unangestrengt lässt der Festivalerfolg Little Miss Sunshine die filmischen Eskapaden in Sachen Brachialhumor der letzten Jahre hinter sich und ist drauf und dran, einem der ältesten Genres Hollywoods neuen Auftrieb zu geben. Um der Ära des Fäkalhumors und Brutalowitzes, die Mitte der 90er Jahre mit den frühen Komödien der Farrelli-Brüder eingeleitet wurde, Paroli zu bieten, bedarf es jedoch nicht eines innovativen Bildersturms, wie man ihn von einer Produktion erwarten würde, die – paradoxerweise – vom Mutterkonzern 20th Century Fox als „Independentfilm“ vermarktet wird. Little Miss Sunshine besinnt sich vielmehr auf die Wurzeln der klassischen Hollywood-Komödie.

Am offensichtlichsten wird dieser Bezug mit dem Rückgriff auf ein von der Filmindustrie bereits unzählige Male durchexerziertes Handlungskonzept: eine Gruppe von ungleichen Außenseitern verschreibt sich einem schier unerreichbaren Ziel, um schließlich, wider allen Umständen, gestärkt und als Einheit zusammengeschweißt zu bestehen.
Die Familie der kleinen Olive Hoover (Abigail Breslin) stellt ein Sammelsurium von gescheiterten oder im Scheitern begriffenen Existenzen dar. Allen voran das deprimierende Oberhaupt Richard (Greg Kinnear), das als Motivationstrainer seiner Lebenslüge aufsitzt und trotz der selbst entworfenen Regeln zum Erfolg den Geschäften vergeblich hinterherjagt. Auch die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander gestalten sich alles andere als reibungslos. Trotz elterlicher Fürsorge stehen Unverständnis und Desinteresse auf der Tagesordnung. So macht sich der sechsköpfige Clan auch äußert widerwillig in einem klapprigen VW-Bus – für die Kosten einer Flugreise war die Familienkasse der Hoovers nicht ausreichend gepolstert – auf die Reise quer durch das Land nach Kalifornien, um Olives Traum vom Schönheitswettbewerb in Erfüllung gehen zu lassen. Konnte die Familie am heimischen Esstisch noch aneinander vorbeireden, brüllen und schweigen, sind sie sich nun selbst ausgeliefert und müssen auf engstem Raum miteinander auskommen.

Das Regiegespann Jonathan Dayton und Valerie Faris, das auch privat ein Paar ist und gemeinsam unzählige Musik-Clips inszeniert hat, darunter das expressionistische Video Otherside (2000) von den Red Hot Chili Peppers, passt die Inszenierung seines Debütfilms gänzlich dem Sujet an. Michael Arndts Drehbuch, das mit nuanciert angelegten Charakterstudien aufwarten kann, nutzen die Regisseure nicht etwa, um synästhetische Kompositionen der Marke Jonze oder Gondry in ein Spielfilmformat zu übertragen. Sie lassen den Figuren Entfaltungsraum und reduzieren Kamerabewegung und Schnitt zugunsten der durchwegs präsenten Schauspieler bisweilen auf ein Minimum. Ohne sich anzubiedern, gelingt es ihnen, im Rahmen des zurückhaltenden Inszenierungsstils komödiantischen Erzählmitteln, die bis in die Kindertage des Kinos zurückführen, besonderes Gewicht zu verleihen. So werden etwa Requisiten, vom Motorradhelm bis zum Minibus, ganz im Keatonschen Sinne fundamentaler Bestandteil der Komik. Sie sorgen nicht nur für absurde Momente, sondern dienen auch der Figurenzeichnung. Folglich kommt die durch einen Defekt permanent quäkende Hupe des VW-Busses einer Erweiterung des Fahrzeugführers gleich. Das erbärmliche Geräusch erscheint wie das Klagelied des ewigen Loser-Dads.

Trotz des sicheren Gebrauchs dieser filmischen Erzählmittel begibt sich Little Miss Sunshine auf Glatteis. Das Porträt der kantigen Figuren mit weichem Kern hätte leicht zum einlullenden Feel-Good-Movie werden können. Durch Arndts souverän konstruiertes Drehbuch erfahren die Charaktere jedoch immer wieder leichte Verschiebungen, so dass ihnen eine mal mehr, mal weniger offenkundige Ambivalenz eigen ist. Dass die Figuren somit nicht in eindeutige Schubladen gesteckt werden können, ist das Resultat einer Figurenzeichnung, die sich jenseits von leichter Familienunterhaltung bewegt.
Die Inszenierung dieser Doppelbödigkeiten zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film und untermauert das eigentliche Herzstück von Little Miss Sunshine, die schauspielerische Präsenz des Ensembles. Neben den etablierten Charakterschauspielern Arkin, Kinnear und Toni Collette ist insbesondere Steve Carell in der Rolle des ehemals suizidalen Onkels mit akutem Liebeskummer eine wesentliche Bereicherung für die Besetzung. Carell, der seit 2005 mit dem US-Ableger der britischen Serie The Office (2001-03), dem Pendant zu Stromberg (seit 2004), große Erfolge feiert, konnte bereits mit der Komödie Jungfrau (40), männlich, sucht ... (The 40 Year Old Virgin, 2005) seine schauspielerischen Fähigkeiten in Form einer Verquickung von dramatischem Spiel mit Comedy unter Beweis stellen. Dank seiner Darstellerleistung in Little Miss Sunshine reiht sich Carell nun auch in die Riege der hochkarätigen Charakterschauspieler ein. Ironischerweise brauchte es dazu eine der gelungensten Komödien des Jahres.
Filmkritik von David Gaertner
Veröffentlicht am 09.11.2006
Kommentare zu Little Miss Sunshine
Martin Z. 10.07.2009 12:45
Die Oscars für diesen Film verstehe wer will. Die schrägen Typen in der Familie wären eine gute Basis für eine Komödie, aber Chance vertan. Wie kann man der sinnfreien Handlung, deren Ende von der ersten Einstellung vorhersehbar ist und in der nur Loser sich unentwegt ohne Sinn und Verstand anschreien irgendetwas Komisches abgewinnen? Wie kann man sich daran ergötzen, es sei denn, die da im Film sind noch skurriler und eindimensionaler als die Zuschauer? Das ist doch keine Komödie sondern ein bemitleidenswerter Trauerevent, in dem die Akteure weder Charme noch Esprit versprühen, keinerlei Sympathie gewinnen und ach wie schön in der Ferne endlich verschwinden. Hoffentlich auf nimmer wiedersehen.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Little Miss Sunshine
USA 2006
Laufzeit: 101 Minuten
Regie: Jonathan Dayton, Valerie Faris
Drehbuch: Michael Arndt
Produktion: Albert Berger, David T. Friendly, Peter Saraf, Marc Turtletaub, Ron Yerxa
Darsteller: Greg Kinnear, Toni Collette, Steve Carell, Alan Arkin, Abigail Breslin, Paul Dano
Kinostart: 30.11.2006
DVD-Angaben
Titel: Little Miss Sunshine
Vertrieb: 20th Century Fox
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 98 Minuten
Extras: Kommentar von Regisseur Jonathan Dayton und Valerie Faris; Alternative Enden mit optionalem Kommentaren
Verleih ab: 07.05.2007
Verkauf ab: 14.05.2007
Copyright Little Miss Sunshine
Fotos: © 20th Century Fox
BERLINALE 2012

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