Redoubtable

Man muss ihn fürchten, diesen Godard, und ihn gleichzeitig ins Herz schließen. Ein Film mit Godard, gegen Godard, als Mimikry und Hilfeschrei.

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Michel Hazanavicius ist ein Poser. Er tut so, als ob. Das ist Methode und eine gar nicht mal so erfolglose. Nicht weil The Artist (2011) überwältigenden Zuspruch erfahren hat, sondern weil dieses So-tun-als-ob eine der schönsten Seiten des Bewegtbilds ist, die Lüge, die aussieht wie Wahrheit, 24 Mal in der Sekunde. Dass also dieser moderne Angeber, der im alten Kino schwelgt, nicht des Kinos, sondern des Schwelgens wegen, eine Biografie über Jean-Luc Godard verfilmt hat, das ist erst einmal mindestens interessant. Schon allein weil Godard, einer der wichtigsten und einflussreichsten Regisseure jemals, der Kino als Denken über das Kino mit den Mitteln des Kinos wie kein anderer geprägt hat, auch eine öffentliche Persona ist, die in Gesprächen über das Kino immer irgendwann auftaucht. Ich würde sogar behaupten, es gibt überhaupt in der Welt keine Frage, zu der sich kein Zitat von ihm finden ließe. Die Sloganhaftigkeit seiner Äußerungen gehört zu seinem Charme, genauso wie die Frechheit, dass die Regeln, die sonst im Diskurs über Kino gelten, für ihn außer Kraft gesetzt scheinen: Denn er kann, wenn er will, das eine und dessen Gegenteil behaupten.

Immer schon meta meta und ein bisschen gaga

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Redoubtable (Le redoubtable), oder der, den man fürchten muss und, wenn man ihn schon fürchtet, ihn dadurch auch ehrt, weil man ihn nicht fürchten kann, ohne ihn zu respektieren: Ob das wohl Godard ist? Hazanavicius stellt solche Fragen nicht, sondern ist immer schon meta meta und auch ein bisschen gaga. Wenn Jean-Luc zum Fürchten ist, dann für Anne im Film von Michel, aus der Perspektive von Anne, die der Film manchmal simuliert. Klar, der Film ist die Adaption der Biografie, die Godards zweite Ehefrau Anne Wiazemsky über ihre gemeinsame Zeit verfasst hat. Das aber ist nur ein Trichter, durch den der Film zu etwas anderem vordringen will: einem Gefühl oder einer Attitüde Godard. Haltung wäre schon zu viel gesagt, auch wenn sich Hazanavicius inhaltlich damit beschäftigt.

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Es ist die große Umbruchphase in Godards Leben und nicht nur in seinem: Mai 68 steht vor der Tür, er hat gerade Die Chinesin (La Chinoise, 1967) gedreht, der, zu seinem großen Unglück, von Maoisten abgelehnt wird, und von anderen für ihn respektablen Menschen ebenso. Wie politisch leben, wie politisch arbeiten? Diesen Ausschnitt aus seinem Leben zu nehmen, das ist zwar vielleicht etwas offensichtlich, aber fruchtbar für jemanden, der Lust hat auf Turbulenz, der neugierig ist auf eine Zeit, die besonders Frankreich geprägt hat. Vor allem sind es Bonmots, die diese Turbulenz bedeuten, wie Bonmots alles bedeuten können in diesem Film.

Unbekümmert bekümmerte Figuren spielen

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Von der Schriftart der Eröffnungscredits über die knallbunten Farben bis hinein in ganze Einstellungsfolgen reiht der Film Zitat an Zitat. Die Figuren stehen vor einer Wand und sprechen frontal in die Kamera. Sie laufen an einer Wand vorbei, die Kamera folgt ihnen lateral, und in großen Lettern erscheint im Hintergrund ein Kommentar zum Film. Ein Gespräch wird mit möglichen Gedanken der Figuren untertitelt. Diese Zitate zu erkennen hat eher geringen Wert, nicht nur, weil sie unablässig und penetrant sind, sondern vor allem, weil sie in keiner Spannung zum Erzählten stehen. Sie sind eher so etwas wie ein Habitus: Redoubtable ist ein Pastiche, der daran glaubt, dass in der schlichten Imitation schon eine Respektsbekundung steckt. Am besten gelingt dem Film das im Schauspiel, weil die beiden Hauptdarsteller Louis Garrel und Stacy Martin auf eine vielleicht nur im französischen Kino mögliche Weise schön unbekümmert bekümmerte Figuren spielen.

Hält man sich auf der Ebene auf, in der die Figuren miteinander sprechen und es einem ja dann vielleicht nicht völlig egal ist, was sie sagen und worauf sich das bezieht, dann kriegt man schnell den Eindruck, dass Hazanavicius vergleichsweise erkenntnisfrei an die Sache herangegangen ist. Immerhin geht es Godard, so wird er nicht müde zu behaupten, darum, wie man – es ist zu einem geflügelten Wort geworden – politisch Filme macht. Die Entwicklung, dass er sich mit anderen zur Groupe Dziga Vertov zusammenschließt, um im Kollektiv zu arbeiten, wird eher nebenbei abgehandelt. Die Überlegungen, die dem vorangehen, nehmen dagegen großen Raum ein -–inklusive eines Rants in der besetzten Universität gegen Juden.

Nur ein Poser, und das geht in Ordnung

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Wenn man Redoubtable etwas genauer nimmt, und es gibt zugegebenermaßen wenig Anlass dazu angesichts seiner Beliebigkeit, wenn man das aber doch tut, weil mindestens jeder Film über Godard das verdient, wenn nicht vielleicht eh jeder Film, dann fällt vor allem auf, wie ahistorisch er ist: Unentwegt geht es darum, wie sich Godard zur Geschichte verhält, die Geschichte selbst aber kommt nicht zu ihrem Recht. Kaum eine Position, kaum ein Umstand, auf den Godard reagiert, die durchdekliniert würden. Studentenproteste? Schöne, aufwändige Kulisse. Seine Ablehnung durch Kritiker? Wortfetzen. Der Wunsch, das Festival von Cannes 1968 nicht abzusagen? Zum eitlen, persönlichen Motiv degradiert. Im Kern vollzieht Hazanavizius eine ständige Entkernung der Anliegen seiner Figuren. Die Zusammenhänge, die ihn interessieren, sind formaler Natur.

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Die, wenn man so will, radikale Position, die Redoubtable formuliert, ist, dass Godard selbst nur ein Poser ist und dass das völlig in Ordnung geht. Man muss vielleicht etwas um die Ecke denken und davon Abstand nehmen, von diesem Film eine Godard auch nur im Ansatz gerecht werdende Hommage zu erwarten. Für den Intellektuellen Godard, zum Beispiel den der Histoire(s) du Cinéma (1989), den von Adieu au Langage (2014) oder auch den von Film Socialisme (2010), also vor allem für den späten, hat er nichts übrig. Aber er hat großen Spaß an dem Regisseur, der Agitprop und Liebesgeschichte vermischt, der Knarren und nackte Körper mag, weil sie schöne Reize fürs Kino bieten. Dieser Godard, der Regeln aufstellt und sie selbst gerne bricht, der sich von niemandem sagen lässt, was richtig ist und was sich nicht gehört, der über diesen Film schon meinte, er sei eine sehr dumme Idee, der liegt hier nicht begraben, der ist einfach nicht totzukriegen. Wer Godard mag, der kann auch dieses Vergnügen an den Oberflächen genießen und hoffen, dass sie dazu anregen, das Original immer wieder neu zu entdecken, in seiner Widersprüchlichkeit, seiner Frechheit und unbedingt auch seiner Tollpatschigkeit. Das ist der Hilferuf, der in Redoubtable steckt: Hazanavizius will verehren, was ihm intellektuell so fern ist und was ihm nicht wenige werden absprechen wollen. Darf nicht auch er, soll nicht auch er Godard lieben?

 

Trailer zu „Redoubtable“


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