The Testament of Ann Lee – Kritik

Wie seine Titelfigur ist auch Mona Fastvolds The Testament of Ann Lee stets auf der Suche nach Entrückung und Ekstase. Das Historienepos um eine kämpferische Predigerin der Shaker-Freikirche wird so zu einem Spektakel aus Tanz und Gesang, aus körperlichem Schmerz und funkelnder Natur.

Nachts von seltsamen Geräuschen geweckt, beobachtet die kleine Ann, wie ihre Eltern keuchend und selbstvergessen ihre Körper aneinander reiben. Für das Mädchen besteht kein Zweifel daran, dass dieser Vorgang schändlich ist. Dementsprechend selbstbewusst und vorwurfsvoll faucht sie dem Vater ihre Empörung am nächsten Tag beim gemeinsamen Abendmahl entgegen. Die kräftige Watschen, die sie sich dafür einfängt, wird sie nicht von ihrer Überzeugung abbringen, dass selbst ehelicher Sex sündhaft ist und die Menschen sich von den Irrwegen des Protestantismus abwenden müssen, um sich auf die Wiederkunft Christi vorzubereiten. Als erwachsene Frau wird Ann (Amanda Seyfried) für ihren immer radikaleren Glauben verspottet, gedemütigt und in den Kerker geworfen. Doch jeder Rückschlag festigt sie nur weiter in ihrer Entschlossenheit.

Die im frühen 18. Jahrhundert in Manchester aufgewachsene Ann Lee war die Gründerin der Shaker, einer heute nur noch zwei Mitglieder zählenden christlichen Freikirche, die vor allem für ihre Enthaltsamkeit und gewissenhafte Arbeitsmoral bekannt ist. In drei Kapiteln zeichnet Regisseurin Mona Fastvold in ihrem ausladenden Historienepos The Testament of Ann Lee nach, wie die kämpferische Predigerin, die sich von ihren Glaubensbrüdern und -schwestern „Mutter“ nennen lässt, zunächst Anschluss bei den Quakern findet, sich von ihnen emanzipiert, staatlich verfolgt wird und schließlich mit ihrer eigenen Gemeinde in die Neue Welt flüchtete – wie auch andere religiöse Strömungen, die der damaligen Staatskirche zu rigoros und versponnen waren.

Von Fleischeslust zum religiösen Happening

Im Film läutet Anns Hinwendung zum absoluten Zölibat ihre endgültige Wandlung zur entrückten Führerin ein. In ihrer noch vor dieser Entscheidung geschlossenen Ehe mit dem eher weltlich orientierten Abraham (Christopher Abbott) litt sie zunehmend unter dessen Leidenschaft für Sex und Sadomasochismus. Erst gelang es ihm noch, ihr auf abenteuerliche Weise zu mansplainen, dass es Gottes Wille sei, wenn er sie auspeitscht und von hinten nimmt. Die vier zutiefst traumatischen Totgeburten, die Amanda Seyfried mit vollem Körpereinsatz und qualvollem Gefühlsexzess darbietet, sprechen für Ann jedoch eine andere Sprache.

Sämtliche Energie, die davor in die Fleischeslust floss, soll von nun an umgeleitet und die Ekstase anderweitig gesucht werden: Bei rituellen Zusammenkünften, bei denen man seine Sünden beichtet, bringt sich Ann mit ihrem ganzen Leib ein. Ihren Oberkörper krümmt sie nach vorne und lässt die Arme am Boden kreisen, um sie plötzlich ruckartig gen Himmel zu werfen. Die anderen tun es ihr bald gleich, worauf ein völlig entfesseltes, von Klatschen und Schreien befeuertes Tanz-Happening entsteht, das geradezu sinnlich erotisch wirkt.

Eine leidenschaftliche Umarmung der eigenen Widersprüche

Auf dem Papier ist The Testament of Ann Lee ein klassisches Biopic, das sich der Lebensgeschichte und Geisteshaltung seiner Titelheldin widmet. Dabei mag es für den Zuschauer naheliegend sein, die Protagonistin für mehr als nur ein bisschen verrückt zu halten. Amanda Seyfried vermittelt mit ihrer inbrünstigen Performance, die nah am Camp ist, ohne sich jedoch ganz dem Unsinn hinzugeben, dass Kraft aus Schmerz geboren wird und dass Willensstärke und Wahn nah beieinander liegen. Fastvold umarmt ihre Hauptfigur mit ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, an Wundern wie Anns Levitation im Gefängnis zweifelt sie nicht.

Der Pazifismus der Shaker, ihre strikte Ablehnung der Sklaverei und die von ihnen praktizierte Gleichberechtigung der Geschlechter lassen die Glaubensgruppe in mancher Hinsicht progressiv erscheinen, ihre Sittenstrenge ist dagegen reaktionär und weltfremd. Die Besonderheit des Films besteht darin, dass er sich weder an einem zeitgeistigen Update versucht, das Lee zur feministischen Pionierin stilisiert, noch dem im Kino gegenwärtig populären Trend erliegt, bei kontroversen Themen mit Ironie auf Sicherheitsabstand zu gehen. The Testament of Ann Lee ist in jeder Hinsicht ein immersives Spektakel, das uns ganz in die Glaubenswelt der Shaker wirft. Ob das nun alles stimmt oder moralisch vertretbar ist, spielt dabei glücklicherweise nicht die geringste Rolle.

Auf dem Weg zu einer zarten, außerweltlichen Schönheit

Nicht unwesentlich für die raumgreifende Wirkung des Films ist, dass es sich bei ihm auch um ein Musical handelt. Daniel Blumenberg – der bereits die Musik für das ähnlich monumentale (wenn auch fiktive) Biopic Der Brutalist von Fastvolds Ehemann und Ko-Drehbuchautor Brady Corbet schrieb – verbindet in seinen Songs überlieferte Shaker-Hymnen mit eigenen Liedern. Die neuen Kompositionen wirken mitunter ein wenig musicalhaft affektiert, ansonsten bestechen die Songs aber mit ihrer schlichten, von sich hypnotisch wiederholenden Melodien geprägten Struktur und ihrer zarten, außerweltlichen Schönheit. Kameramann William Rexer liefert dazu zunächst noch erdverbundene, dann zunehmend transzendentale Cinemascope-Bilder, die sich von der Ekstase der Gläubigen mitreißen und die Natur Neuenglands wundersam funkeln lassen.

Mit jeder neuen Siedlung, die sie errichten, perfektionieren die Shaker auch ihre Handwerkskunst weiter, was The Testament of Ann Lee in einer Montagesequenz berücksichtigt. Es entstehen reduzierte, streng symmetrisch aufgebaute Häuser, sorgfältig gefertigte, nach heutigen Maßstäben ziemlich stylische Haushaltsgegenstände sowie technische Neuerungen wie ein Apfelschäler (dem einflussreichen Design der Shaker widmete u.a. das Vitra Museum im letzten Jahr eine Ausstellung). Auch die Tänze (Choreographie: Celia Rowlson-Hall) werden geordneter und kontrollierter, verdichten sich zu synchronen Line-Dancing-Anordnungen oder ornamentalen Kreisformationen. Nun könnte man kritisch einwenden, dass so ein weihevoll und mit großer Geste inszenierter Film vielleicht nicht zu einer Religion passt, die im Verzicht zu sich findet. Entscheidender ist aber, dass Fastvold der Allumfassendheit der Shaker-Glaubenswelt Tribut zollt, die sich in jedem Lebensaspekt widerspiegelt.

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