August – Kritik

Lost in Translation: Eine deutsche Autorin recherchiert in Hiroshima zur kollektiven Erinnerung und bleibt dabei ein Fremdkörper. Die Katastrophe von Fukushima verleiht Mieko Azumas semi-dokumentarischem Film ungeplante Aktualität.

August  4

„Es gibt hier keine Strahlung mehr“, versichert Johanna (Sylvana Krappatsch) einer Freundin am Telefon. Dieser Satz einer nach Japan gereisten deutschen Schriftstellerin wäre vor einem Jahr nicht weiter aufgefallen, heute wirkt er unweigerlich wie ein Kommentar zum Zeitgeschehen. Dabei wurde August, ein Beitrag zur ZDF-Reihe Das kleine Fernsehspiel, vor der nuklearen Katastrophe von Fukushima gedreht – und spielt auch nicht im aktuell verstrahlten Gebiet, sondern in Hiroshima. Gerade durch diese von der Tragödie noch unbefleckte Perspektive sieht man den Film – wie auch die AKW-Doku Unter Kontrolle (2010) oder das Tschernobyl-Drama An einem Samstag (V Subbotu, 2010) – mit ganz anderen Augen und sucht beständig nach unbeabsichtigten Parallelen und prophetischen Anzeichen.

Allerdings geht es in August von Mieko Azuma, einer Studentin der HFF München, gar nicht so sehr um die Folgen nuklearer Verseuchung, sondern vielmehr um Fremdheit und Erinnerungen. Die Autorin Johanna kommt nach Hiroshima, um an diesem Ort des Gedenkens über die gesellschaftliche Verarbeitung von Tod, Krieg und Leid zu schreiben. Schon in den ersten Sekunden sehen wir sie allein und verlassen durch ein leeres Einkaufszentrum wandeln – die Szene wird später von einer anderen Blickachse aus wiederholt werden. Ihr Hotelzimmer ist klein, sie kennt niemanden in der Stadt und versteht kein Wort Japanisch. Das Verhältnis zu ihrem Übersetzer (Hirota Otsuka) erweist sich als rein geschäftlich – zwischen den beiden entsteht keinerlei Chemie, dafür aber umso mehr physische Distanz. Bei den Interviews mit Opfern des Atombombenabwurfs von 1945 baut sich nur ein indirekter Kontakt auf – jede Frage, jede Antwort muss erst verzögert übermittelt werden.

August  3

Dieses Gefühl der Fremdheit, das vom entsprechend betitelten Drama Lost in Translation (2003) bereits speziell auf Japan bezogen wurde, vermittelt August auf geschickte Weise. Wenn die (authentischen) Interviewpartner erzählen, wird der Zuschauer in Johannas Perspektive versetzt. Es gibt keinerlei Untertitel, während die Betroffenen oder deren Nachfahren reden – sowohl die Schriftstellerin als auch das Publikum erfahren den Inhalt der Monologe erst mit der Übersetzung des japanischen Begleiters. Die Kamera wiederum blickt – nach einigen Aufnahmen des teils abwesend, teils verständnislos wirkenden Gesichts der deutschen Besucherin – minutenlang starr, mit Johannas Augen, auf die Interviewten, statt das Berichtete per Re-Enactment nachzustellen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, was hier passiert ist“, stellt die Protagonistin an einer Stelle desillusioniert fest und streift damit das zentrale Problem jeglicher historischer Aufarbeitung. Wie kann man etwas Vergangenes, nicht mehr Erlebbares so vermitteln, dass es greifbar wird und aktuell wirkt? Johanna mag verstehen, dass die Menschen immer noch unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs leiden, wie sie darunter leiden, bleibt hingegen jedem fremden Zugriff entzogen. Um es mit dem amerikanischen Philosophen Thomas Nagel zu sagen: Wir können noch so viel über Fledermäuse wissen, wir werden dennoch nie erfahren, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.

August  5

Der Zugang gelingt Johanna erst über selbst Erlebtes, über eigenes Leid. „Ich bin deine Tochter, Mama!“, ruft sie verzweifelt ihrer weit entfernten, demenzkranken Mutter zu, mit der sie einst in Hiroshima gelebt hat. Die Erforschung der kollektiven Erinnerung wird zu einer Suche nach der eigenen Vergangenheit, wenn Johanna mittlerweile gänzlich veränderte Teile Hiroshimas nach alten Häusern durchforstet und sich an eine Zeit der physischen und emotionalen Nähe zur Mutter erinnert. Diese Verbindung von gesellschaftlicher und individueller Vergangenheitsbewältigung zieht August auch explizit, wenn sowohl Johanna als auch ihr Übersetzer das schambesetzte Thema der Kriegsschuld ihrer Großeltern-Generation anreißen.

Die Kamera von Mieko Azuma und Yoshihito Takahashi folgt den Figuren geduldig und schweift dabei gelegentlich zu Nebencharakteren ab. In einer mehr als zehnminütigen Plansequenz begleitet die Kamera Johanna auf ihrem Weg zur jährlichen Gedenkfeier in Hiroshima und zieht das Publikum so mit in die Atmosphäre des Orts hinein. Wir beobachten, wie Johanna das Geschehen, von dem sie sich getrennt fühlt, beobachtet. Dann soll sie plötzlich selbst einmal aktiv werden, eingreifen, schafft es aber nicht – zu groß ist die Distanz aus ihrer Außenperspektive. Sie bleibt verschlossen, wortkarg, nahezu abwesend – ein Fremdkörper in ihrer Umgebung.

August  1

Zu der Vermischung von Fiktion und Dokumentation, die August übergangslos betreibt, passt, dass vor kurzem mit Lucy Fricke tatsächlich eine deutsche Schriftstellerin nach Japan gereist ist, um Eindrücke über eine nuklear traumatisierte Nation zu sammeln. Anders als Johanna ging es Fricke jedoch um Fukushima statt Hiroshima, 2011 statt 1945 – eine Zeit, die auch einmal der historischen Vermittlung bedürfen wird.

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare


wes.walldorff

iA so irritierend wie gelungen...
Die letzte Viertelstunde fand ich dann aber doch zu langatmig......






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.