7 Tage in Havanna

7x24 in Kubas Hauptstadt: So viel mehr als Rum, Zigarren und heiße Rhythmen?

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Jim Jarmuschs Night on Earth (1991) ist der Urvater des modernen Stadt-Episodenfilms. Die fünf Geschichten in verschiedenen Großstädten der Welt spielen ausnahmslos in Taxis. Im universalen Fortbewegungsmittel entwickelt sich das Geschehen aus Zufallsbegegnungen und der speziellen Situation jeder Großstadt. In 7 Tage in Havanna (7 días en La Habana, 2012) veranschaulicht Pablo Trapero diesen Mikrokosmos aus Lokalkolorit und Globalisierung in seiner Episode mit einem feierwütigen Emir Kusturica. Vom Nachtclub zur Preisverleihung beim Havanna Film Festival, von der nächtlichen Amateur-Jam-Session zum Flughafen. Bei jeder Fahrt nimmt derselbe kubanische Fahrer eine andere Beziehung zu seinem ausländischen Fahrgast ein: vom Chauffeur zum Babysitter, vom musikalischen Seelenverwandten zum Geschäftspartner und guten Freund.

Größtenteils von Regisseuren mit Wurzeln in der hispanischen Welt gedreht, ist jede der sieben Folgen einem Tag in der Hauptstadt Kubas gewidmet. Und das Taxi ist der favorisierte Ort, um die ausländischen Gäste (von Montag bis Donnerstag: USA, Serbien, Spanien, Palästina) mit Havanna und seinen Bewohnern bekannt zu machen.

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Dabei kramt man gerne in der Klischee-Kiste: die Ausländer, die dem Rum, den Zigarren sowie den schönen kubanischen Frauen zugeneigt sind (Josh Hutcherson in der Montagsepisode von Benicio del Toro). Die Geld haben, in luxuriösen Hotels wohnen und aufgrund ihrer Obsession für die musikalischen Talente Kubas mit Plattenverträgen locken (Dienstag: Kusturica und ein Trompeter, Mittwoch: Daniel Brühl und eine kubanische Sängerin). Die Kubaner dagegen sind zwar arm, haben aber ihre Musik, ihre Leidenschaft und ihre Lebensfreude. Die meisten Episoden retten sich jedoch mit mehr oder weniger unvorhersehbaren Wendungen am Ende vor der Ausreizung dieser Diskrepanzen. Kritik ist dabei höchstens unterschwellig zu finden. Politisches wird lediglich gestreift. Zum Beispiel wenn Kubas totalitäres System durch die ununterbrochenen Reden Fidel Castros versinnbildlicht wird, die im Hotelzimmer von Elia Suleiman (Donnerstag) als Dauerschleife im Fernsehen laufen.

Die ersten vier Wochentags-Episoden sind lediglich Außenansichten, in denen die ausländischen Protagonisten stellvertretend in verschiedene kubanische Milieus eindringen. Diese vier wirken wie die unaufhaltsame Globalisierung der Welt (Tourismus) und der kubanischen Gesellschaft (Emigration), die unweigerlich die inneren Probleme Kubas offenlegen. Zugespitzt wird dies in der Sonntags-Episode von Laurent Cantet. Ästhetisch analog zu seiner Doku-Fiktion Die Klasse (Entre les Murs, 2008) observiert er eine bitterarme Hausgemeinschaft, die, angeleitet von einer despotischen Hausherrin und Hellseherin, das afroamerikanische Santería-Fest für die Fruchtbarkeitsgöttin Oshun ausrichtet.

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Autos, die nicht anspringen oder aufgrund eines leeren Benzintanks liegen bleiben, Kubaner mit Zweit- und Nebenjobs, Stromausfälle und materielle Versorgungsengpässe sind an der Tagesordnung (Samstag/Juan Carlos Tabío). Und doch ist 7 Tage in Havanna vor allem eine Liebeserklärung an die kubanische Hauptstadt. Solch eine lieferte der Kubaner Fernando Pérez bereits 2003 mit Suite Havanna: Indem er darin facettenreich das Leben einer Handvoll durchschnittlicher Kubaner 24 Stunden lang begleitet, evoziert Pérez mosaikhaft ein poetisches Porträt der Stadt. Ohne Dialog, lediglich durch rhythmisch montierte städtische Eindrücke zu Lebensmomenten. Doch mittlerweile kann Topophilie nur mehr als explizite Collage aus einzelnen Episoden bestehen. Zu komplex ist das städtische Chaos, die urbane Diversität. Zu fragmentiert sind bereits alle Lebensbereiche. Das zeigt etwa auch die von Emmanuel Benbihy produzierte Episodenfilm-Serie Cities of Love. Mit Paris (Paris je t’aime, 2006) und New York (New York, I Love You, 2009) wählte er dafür bereits zwei genuin filmische Städte.

Auch in Havanna zollt man Tribut an die cineastischen Institutionen des Landes: Josh Hutcherson will auf die von Gabriel García Márquez gegründete Internationale Hochschule für Film und Fernsehen, Kusturica erhält einen Ehrenpreis auf dem Havanna Film Festival. Nicht alle Episoden sind dabei gelungen. Wie immer übertreibt es Julio Medem mit seinen surrealistischen Anleihen aus Begehren heraufbeschwörenden Wind und Wolken, zu viel Gelbfilter und Hotelsex. Die besten Beiträge begegnen dem Land mit Humor, in dem subtile Kritik mitschwingt. So wie Elia Suleimans komödiantische und mimische Reaktionen, die einen Jacques Tati oder Buster Keaton heraufbeschwören, auf landestypische und touristische Kuriositäten. Oder Laurent Cantet in seinem bisweilen ernsten, aber eigentlich zutiefst ironischen Porträt über die Hausherrin, die vorgibt, im Auftrag der Religion und Nächstenliebe zu handeln, und doch aus reiner persönlicher Gier agiert.

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Zwar gelingt es 7 Tage in La Havanna zumindest in Ansätzen, die widersprüchliche kubanische Lebensrealität zu transportieren: auf der einen Seite allumgreifender materieller Verfall sowie finanzieller Mangel und auf der anderen Seite ein spezifisches kubanisches Lebensgefühl aus Optimismus und Solidarität. Im Großen und Ganzen bleibt er jedoch ein Feelgood-Movie, nach dem man Lust auf Rum, Zigarren und heiße Rhythmen bekommt.

Trailer zu „7 Tage in Havanna“


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