Wir sind die Nacht

Louise sucht das Glück: In Dennis Gansels Film ist das Vampirdasein ein zerbrechliches Mitternachtsfest von Konsum und Frauensolidarität.

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Was treiben Vampire des 21. Jahrhunderts eigentlich die ganze Nacht? Unter den verschiedenen Erklärungsmodellen im Vampirfilm der letzten Jahre fehlte meist eine bestimmte Variante, nämlich die der ganz gegenwärtigen und sehr hedonistischen Lebensfreude. Zumindest die Blade-Filme, in denen Vampirhorden sich in geheimen Kellern zu Technomusik unter Blutduschen treffen (und nebenbei zufällig vorbeischauende Menschen verspeisen), versuchten eine Antwort auf diese Frage anzudeuten. Diesem Modell fehlt aber gleichwohl der aristokratische Geist, der spätestens seit „Graf Dracula“ dem Vampirmythos kaum auszutreiben ist.

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Einer adelig-distinguierten Haltung ist das Mitfeiern auf solchen Technoparties womöglich zu vulgär, zu proletarisch. Die Blutsauger in Wir sind die Nacht machen das anders: Denen gehört nämlich der Technoclub. Über dem Eingang hängt eine Kamera zur Gesichtskontrolle, und am Monitor sitzt Louise (Nina Hoss), älteste Vampirin ihrer Gruppe und Chefin des Hauses. (Man sieht sie freilich niemals arbeiten. Auch das gehört dazu.)

Louise sucht nach einem Blick, einem bestimmten Gesichtsausdruck: Vor Hunderten von Jahren ist ihre Geliebte im Sonnenaufgang verbrannt, und sie sehnt sich danach, das Glück wiederzufinden, das sie damals verloren hat. Schon andere Frauen hat sie auf dieser Suche in Vampire verwandelt, und nach einem kurzen Flirt und Gespräch ist nun also Lena (Karoline Herfurth) dran, ein Mädchen aus eher schwierigen Berliner Verhältnissen mit einem Hang zum Taschendiebstahl und anderen Scherereien. Lena wehrt sich natürlich erst einmal gegen ihre Verwandlung, aber der Abschied von ihrem alten Leben fällt ihr dann doch erstaunlich leicht – wäre da nicht der junge, charmante Polizist Tom (Max Riemelt), dem sie kurz vor ihrer Verwandlung knapp entwischt ist.

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Dennis Gansel, der gemeinsam mit Jan Berger auch das Drehbuch geschrieben hat, verbindet hier klassische Szenarien des Vampirfilms mit – wenn schon ein Polizist eingeführt wird – Elementen des Krimis. Letztere stechen allerdings immer wieder spürbar aus dem Material hervor, weil sie weniger in einen Kinofilm zu gehören scheinen denn in einen - allerdings gut gemachten - Tatort. Die Handlung wird durch diesen Erzählstrang und etwas Action flott vorangetrieben, samt veritablem Shoot-Out zwischen Polizei und Vampiren.

Am Anfang freilich knirscht es im Getriebe des Films. Da macht Louise sich an Lena mit Poesiebuchweisheiten ran („In dir steckt etwas Besonderes!“), die jede reale Berliner Göre von Lenas Format sofort das Weite suchen ließen – und darüber hinaus derart desinteressiert von Nina Hoss aufgesagt werden, als habe das alles mit ihrer Figur nicht besonders viel zu tun. Natürlich muss auch die Neuvampirin Lena vor dem Kühlschrank verzweifeln, bis sie ein rohes Stück Fleisch in die Finger bekommt – das muss so sein im irgendwie menschelnden Vampirfilm der letzten Jahre, das muss also auch Gansel so machen.

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Interessant wird der Film aber dann, wenn er seine Protagonistinnen gemeinsam in die Nacht schickt, wenn die vier Damen – neben Louisa und Lena noch Charlotte (Jennifer Ulrich), dereinst ein Stummfilmstar, und Partygirl Nora (Anna Fischer) – sich ganz dem Luxus der Dunkelheit hingeben. Dann wird Wir sind die Nacht zu einer Feier des Nachtlebens und der Großstadt Berlin mit ihren Lichtern und Schatten.

Größtmögliche Entspannung finden die Vampirdamen bei ihrem nächtlichen Einkauf im KaDeWe: Mit einem großen Bündel Geldscheine wird der Wachmann bestochen, ein ebensolches Bündel liegt anschließend an der Kasse. Dazwischen wird geshoppt, anprobiert und ausgewählt, ohne Warteschlangen, ohne gaffende Touristen und nervige Verpflichtungen – ohne Geldsorgen sowieso. Im Konsum – hier und später dann ganz allein im brandenburgischen Vergnügungspark „Tropical Island“ – finden die Untoten die Vorteile ihrer Distanz zu den Lebenden: Aus dem Adel qua Geburt ist aber in dieser gemischten Gruppe die Distinktion des Geldadels geworden, die Leck-mich-am-Arsch-Haltung der Neureichen. Den Reichtum nehmen die Frauen offenbar ihren zahlreichen Opfern ab – der Film beginnt mit einem Flugzeug voller Leichen –, und so erlauben sich Louisa, Charlotte und Nora ein Leben, das vor allem aus Konsum zu bestehen scheint: Drogen, Musik, Autos, Klamotten, Menschenblut.

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Die Gemeinschaftlichkeit der Frauengruppe wird praktisch ausschließlich über diese Äußerlichkeiten hergestellt. In keinem Moment reflektiert die Inszenierung dabei, dass sie Stereotype wiederholt, die als bestimmende Merkmale von Frauen einer dekadenten Oberschicht gelten – Sex and the City lässt grüßen. Das Ende dieser dekadenten und unmoralischen Weiblichkeit, die in Wir sind die Nacht zumindest implizit auch mit weiblicher Homosexualität verknüpft ist, wird im Film von der proletarischen, bodenständigen Novizin Lena in Gang gesetzt, die Morde aus Spaß oder Blutdurst nicht akzeptieren will – und von ihrem heterosexuellen love interest: der Polizei.

Und so bleibt man nach diesem eigentlich erfreulichen, weil ersten nennenswerten deutschen Vampirfilm seit langer Zeit, etwas ratlos verärgert zurück: Weil der Film zwar ästhetisch über weite Strecken durchaus überzeugen kann, in seiner hübsch glänzenden Hülle aber einen mindestens fragwürdigen Unterton, wenn nicht gar eine direkt reaktionäre Botschaft verbirgt.

Trailer zu „Wir sind die Nacht“


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Kommentare


Thomas Novosad

Wer das Buch gelesen hat ist von dem Film maßlos enttäuscht... Die Haupthandlung wurde derart entfremdet dass sie nur noch einen vagen Schatten der Originalhandlung wiederspiegelt. Definitiv ist der Film nur etwas für jene, die die Buchvorlage NICHT kennen.


Dieter Stefan

Der Filminhalt kann in keinster Weise die Spannung des Hohlbein Romanes wiedergeben! Gesamturteil: "sehr DÜNN" mit einem schmalzigen Happyend!!


Graham Santos

Interessant, dass der Film also die Haupthandlung des Romans "entfremdet", wo doch der Roman auf dem Drehbuch zum Film basiert, und nicht umgekehrt...von "Buchvorlage" kann also keine Rede sein.


Miry

hätt den film sehr gern gesehen ihn aber in keinem kino in unserer nähe gefunden schade kann nun nur noch drauf hoffen das er bald in der vidiothek zu finden


Martin

Selten einen so trivialen, faschistoiden und männerfeindlichen Film gesehen! Es ist wirklich zum Kotzen, dass dafür Steuergeld ausgegeben wird.






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