The Grandmaster

Pirouetten im Dunkel der Zeit: Wong Kar-Wai leidet am Verlust der Gegenwart.

The Grandmasters 01

Wenn sich Wong Kar-Wai mit The Grandmaster nostalgieschwer in die Vergangenheit chinesischer Kampfkunst stürzt, dann beginnt alles mit einer Loslösung der Bewegung vom Raum. Sinnlichkeit, Stimmung, Sehnsucht sind hier die wahren Hintergründe für Schläge und Tritte, gekämpft wird in Gefühlsräumen und nicht in der physischen Welt. Wong Kar-Wai macht Martial Arts in seinen filmischen Gedächtniskammern, die Präzision der Manöver liegt dort in ihren emotionalen, beizeiten auch metaphorischen Qualitäten und nicht in der Beherrschung von Physik.

Zwei Schriftzeichen bilden den Begriff Kung-Fu: ein horizontales, ein vertikales. „Du verlierst liegend oder gewinnst im Stehen“: So beschreibt der Wing-Chun-Großmeister Ip Man (Tony Leung) seine Philosophie. Zweidimensionales Bewegen also, das Wong Kar-Wai in tiefenlose Bilder überführt, in Montagen, die fast nur Großaufnahmen zu kennen scheinen und bei denen die Umgebung meist ohne Farben und Konturen unscharf verschwimmt. Gesichter, Füße, Hände tanzen umeinander, die Feinmechanik des Kung-Fu wird dargelegt. Aber Wong Kar-Wai bleibt in seinen Inszenierungen trotzdem genauer und nachvollziehbarer, also näher am klassischen Kampffilmgenre als noch in seinem komplett vom echten Prügeln transzendierten Ashes of Time (1994).

The Grandmasters 02

Im Gegensatz zu dessen endlosen Wüstenpanoramen herrscht in The Grandmaster eine Stimmung hermetischer Innerlichkeit. Außenräume werden selten gezeigt, und wenn, dann scheinen sie fast unwirklich durch eine streng schwarzweiße Farbdramaturgie. Aber auch die Innenräume werden so gut wie niemals überschaubar, mit Glasperlenvorhängen, Spiegelungen und halbtransparenten Papierwänden fasern sie stattdessen um die Körper und Gesichter aus. Oberflächen hinter Oberflächen sind das, flach gestaffelt und ineinander geschoben. Das wichtigste Element der Mise-en-scène sind daher auch die Kostüme, die letzte Oberfläche vor dem nackten Körper. Reiche Ornamente, Stickereien, aufgesetzte Nähte, fellbesetzte Kragen und Ärmel markieren verschwenderisch diese Grenze zum Geheimnis der fehlenden Räumlichkeit, das auch ein sexuelles Rätsel ist.

Aber es gibt doch eine dritte Dimension in The Grandmaster, die eigentlich wichtige und zugleich die, welche keiner der Meister wirklich zu kontrollieren vermag: die Zeit. So gut wie keine Einstellung, die nicht in Zeitlupe ablaufen würde oder vor Leerstellen stotterte: Wie ein Muskel erschlafft und spannt sich hier der Zeitfluss. Und dieser Muskel heißt Erinnerung.

The Grandmasters 04

The Grandmaster kann nur dann nicht wie eine ermüdende Stilübung in Wong-Kar-Wai-Standards erscheinen, wenn man ihn von Anfang an als Gedächtnisfilm betrachtet. Denn trotz seines Rufes als visueller Poet beherrscht der Kantonese letztlich nur ein sehr begrenztes Repertoire an Bildtypen: Großaufnahmen vor allem, mal in Dunkelheit getaucht, mal ornamental zergliedert, mit dynamischer Geschwindigkeit und meist gleitender Kamera. Der Film und seine Figuren erinnern sich an die große Zeit der chinesischen Kampfkunst, bevor die Invasion der Japaner eine Wunde in die Kollektivgeschichte riss. Aber diese Erinnerungen sind schon verzerrt von schadhaftem Vergessen, sie kommen in Schüben oder Blöcken, schleppen sich, ohne auf die Chronologie zu achten, durch die Jahrzehnte. Ganz am Ende erinnern sich die beiden von Tony Leung und Zhang Ziyi gespielten unglücklich verliebten Kampfkünstler an ihre Kindheit, an ihre ersten Trainingsstunden bei Vater und Meister. Die stärkste Technik der Schule der „64 Hände“ besteht darin, so lernen wir, sich vor dem finalen Schlag umzuwenden. Und so prügeln sich die Unglücklichen mit jedem Schlag weiter in die Vergangenheit zurück.

The Grandmasters 03

Wong Kar-Wais beizeiten schöner, aber überlanger und emotional überraschend unraffinierter Streifen leidet an seinem selbstmitleidigen Schwelgen in Trauer. Alles Wichtige ist ohnehin schon vorüber, und die Gegenwart ist nur ein anderes Wort für rückwärtiges Sehnen. Diese Verachtung für die Gegenwart wandert wie ein Virus auch zurück in die aktuellen Geschehnisse von The Grandmaster: Kein Moment ist wirklich ganz präsent, stattdessen verweist immer alles nur von sich, tiefer in die Zeit und weiter weg von Handlungsmacht. Der Katalog an Emotionen ist so schlicht wie derjenige der Bildtypen: Es geht um Großes und Vages wie Stolz, Ehrgeiz, Rachsucht. Aber so kräftig die emotionale Färbung auch erscheint, so ärmlich ist die konkrete Realisierung. Es gibt hier keine Situationen mit echten Handlungsoptionen, sondern einzig ausufernde Stimmungen. Alle Kämpfe enden wie schon vorher abgemacht. Fast jede Dialogzeile referiert auf einen Ausspruch der Meister, auf alte Sprichwörter oder Metaphern. Im Modus des Erinnerns gibt es keine Überraschungen, keine Möglichkeit, Einfluss auf das Schicksal zu nehmen.

The Grandmasters 05

Dieser Traditionsterror ist problematisch, weil er ein sehr konservatives Zeit- und Gedächtnisverständnis verrät: Sich erinnern heißt begreifen, dass etwas vergangen ist. Dabei geht es ums Gegenteil, nämlich zu erkennen, dass das Vergangene einmal gegenwärtig war. Darin liegt seine Ewigkeit, und seine Verbindung zum Heute. Doch diese Gegenwart der Entscheidungen gibt es für Wong Kar-Wai nicht, sondern nur nostalgisch eingefärbte Geschichte. Das heißt im schlimmsten Fall: Legitimationsgeschichte für den Status quo Chinas, weshalb The Grandmaster auch selbst irgendwie altbacken erscheint und fast so, als hätte er keinen wirklichen Platz in unserer heutigen Kinolandschaft.

Trailer zu „The Grandmaster“


Trailer ansehen (3)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.