The Drop – Bargeld

Schöne neue Welt: In den USA gibt es keine Amerikaner mehr!

Prolog

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Lange ist uns nichts aufgefallen. Vielleicht waren wir zu beschäftigt mit der Wiedervereinigung, mit dem Aufbau der EU. Zunächst war da dieser Wodka trinkende Amateurtennisspieler Boris Jelzin. Eher belustigend denn beängstigend. Dann kam Wladimir Putin, mehr als nur ein verlässlicher Partner, ein regelrechter Freund, versicherte uns Gerd, der seinerseits endlich den ewigen Helmut abgelöst hatte. Es hat gedauert, bis wir unseren Blick nach dem Ende des Kalten Krieges wieder sorgenvoll gen Russland gewandt haben.

Inzwischen, so verriet uns zunächst die internationale Serienlandschaft – die zuletzt bekanntlich so viel näher am Geschehen war als das Kino, zumindest wenn man Hollywood als Weltmarktführer damit analog setzt –, inzwischen ist die russische bzw. Russland umgebende Bedrohung so virulent wie eklatant. Die Nordosteuropäer haben damit die Südosteuropäer abgelöst – nach den Gräueln des Kosovo-Krieges waren eine ganze Weile lang Ex-Jugoslawen die miesesten medialen Fieslinge weit und breit. In The Shield (2002-2008), wo sich das Strike-Team doch eigentlich im Kerngeschäft mit mittel- und südamerikanischen Drogendealern auseinandersetzen muss, erweist sich ein Armenier als das absolut Böse. Schauspieler Mark Ivanir, geborener Sowjet-Ukrainer, hat den Typus (mehr oder weniger) russischer Gangster gleich in zwei europäischen Ausnahmeserien beeindruckend verkörpert: in Dominik Grafs epischem Im Angesicht des Verbrechens (2010) sowie in Olivier Marchals Policier Braquo (seit 2009). Im amerikanischen Erfolgsformat The Blacklist (seit 2014) hat er das Triple perfekt gemacht. Mittlerweile hat die große Leinwand nachgezogen: In Antoine Fuquas famosem The Equalizer (2014) heißt der Gangster doch tatsächlich Pushkin.

In Marvins Bar

The Drop 07

Auch an Marv (James Gandolfini) und Bob (Tom Hardy) ist die Verschiebung der Machtverhältnisse nicht vorübergegangen. Acht Jahre ist es her, da haben die Tschetschenen ihnen ihr Revier und ihre Bar abgenommen. Sie trägt zwar noch Marvs Namen, und Bob steht weiterhin hinter der Theke, das Geld fließt aber an Chovka. Und wenn der Geldfluss versiegt, gibt es ernstzunehmenden Ärger. Mit diesen Quasi-Russen der Oligarchen-Ära ist nicht zu spaßen.

Dabei ist es die vom mittlerweile verstorbenen Gandolfini porträtierte Figur des Marv, die sich mit dem Wandel nicht abfinden kann. Marv – und hier spielt Gandolfinis Vergangenheit als Darsteller von Toni Soprano eine Rolle – wünscht sich zurück in eine ursprünglich italienisch und irisch geprägte Unter-, Nacht- und Schattenwelt. Er ist so regressiv wie reaktionär.

Bob hingegen – den Hardy faszinierend zurückhaltend anlegt, um mit der Verschiebung eines einzelnen Gesichtsmuskels schließlich die Ambiguität des Charakters aufbrechen zu lassen – ist eine archaische, von Dingen wie Herkunft losgelöste Figur. Dabei ist die Fähigkeit der Anpassung nur auf den ersten Blick eine Facette von Opportunismus. Bobs Zugehörigkeitsdenken kennt keine ethnischen Grenzen. In ihm schlummert eine – im weitesten Sinne den Genreregeln und dem archaischen Typus geschuldete, selbstredend begrenzte und mit Abgründen versehene – Tendenz zum Humanismus, durchaus anschlussfähig auch an Tierliebe. Ein Philanthrop, zumindest fast. Der etwas unnahbaren und undurchschaubaren Nadia (Noomi Rapace), ihrem Hund, Marv, Chovka und den Kunden der Bar gegenüber nimmt er die Rolle des barmherzigen Samariters ein. Nur Detective Torres – offensichtlich auch kein waschechter WASP, dafür fleißiger Kirchgänger – nimmt Bob diesen Part nicht wirklich ab.

Pulverisierte Identitäten

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Es geht hier nur scheinbar, nur an der Oberfläche, um Herkunft. Tatsächlich entwirft der Film ein Szenario, das immer wieder die Frage nach Zugehörigkeit aufwirft. The Drop inszeniert eine ménage à trois von Außenseitern, die sich fast zwanghaft nähern und doch immer wieder abstoßen müssen. Schnell nämlich zeichnet sich ab, dass die jeweils gelebten sozialen Identitäten nur brüchige Konstrukte sind. Um zueinander finden zu können, müssen Nadia und Bob sich einander und vor sich selbst offenbaren. Gleichzeitig treiben Bob und Eric (Matthias Schoenaerts), der ebenfalls um Nadias Gunst buhlt, einer gemeinsamen Wahrheit entgegen, die ihre jeweiligen Identitäten pulverisiert.

Die Identität des Films ist ihrerseits geprägt von einem internationalen Cast (Hardy ist Brite, Rapace Schwedin, Schoenaerts Belgier) und dem belgischen Regisseur Michael R. Roskam. Was The Drop von den meisten Produktionen der Studios, Unterstudios und großen unabhängigen Verleihfirmen abhebt, ist sein asketischer Ansatz. Er verzichtet auf die gesamte für ein Effektspektakel zur Verfügung stehende Palette technischer Möglichkeiten. Roskam und sein Kameramann Nicolas Karakatsanis führen ihren im hierzulande sträflich übersehenen Bullhead (Rundskop, 2011) etablierten Stil der präzisen Beobachtung und langsamen Eskalation fort. Ihre Bilder sind pure auf 35mm gebannte Wahrhaftigkeit und Gegenständlichkeit. Das von Dennis Lehane verfasste, auf seiner eigenen Kurzgeschichte basierende Drehbuch nutzen sie für eine kongeniale Studie über Angst, Isolation und Wandel. Sie nehmen sich alle ihnen zur Verfügung stehende Zeit, um den Plot und die Figuren sich langsam, manchmal kaum merklich, entwickeln zu lassen. Ihr Gestus ist der des Beobachtens. Es gibt keine Reduktion auf schematisierte Versatzstücke, sondern einen niemals ausschweifenden, sondern exakten Blick auf die Lebensumstände des Personals. Sobald dieser Rhythmus einmal etabliert ist, entwickelt The Drop einen faszinierenden Sog.

Zum Weltkino

The Drop 02

So sagt sich The Drop frei von der Eintönigkeit zumindest des durchschnittlichen gegenwärtigen US-amerikanischen Studio-, Genre-, Unterhaltungsfilms sowie dessen Beschleunigungsästhetik und Stereotypisierung. Während sich in den vergangenen Jahren so unterschiedliche internationale Talente wie Christopher Nolan, Alfonso Cuarón, Neill Blomkamp, Gareth Edwards und meinetwegen auch Florian Henkel von Donnersmarck, um nur einige zu nennen, dem Oberflächenkino auf Blockbusterlevel assimiliert haben, scheint Roskam (wie im vergangenen Jahrzehnt etwa auch seine Kollegen Alejandro González Iñárritu und Fernando Meirelles) ein ganz eigenes Programm zu verfolgen. Was ihn und Letztgenannte verbindet, ist die Idee eines integralen Weltkinos, nicht als Festivallabel, sondern als grenzenloses Modell von Filmerzählungen, das somit auch die amerikanische Produktion in all ihren Möglichkeiten weg von Kategorisierungen wie Independent versus Mainstream, hin zu ästhetischen Definitionen führen kann. Womöglich zu einem Weltkino von Weltformat.

Trailer zu „The Drop – Bargeld“


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Kommentare


xxy

Was soll man zu einem Tom Hardy-Film sagen. Wo Tom Hardy draufsteht, ist Tom Hardy drin, und das bedeutet hervorragende, faszinierende, kurzweilige Unterhaltung mit Tiefe. Und in diesem Fall der besten Begründung für einen (Film-)Mord ever: Weil er dem Hund wehgetan hat! So sieht seelenvolle und zugleich spannende Unterhaltung aus - weiter so!!






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