Return to Montauk

Berlinale 2017 – Wettbewerb: Das Versprechen der Zukunft und ihre bittere Enttäuschung: Volker Schlöndorffs Film über eine verlorene Liebe fasst seine Thesen über das Leben gefährlich eng.

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Es beginnt mit einem rotleuchtenden Grafikgewurschtel, aus dem sich schnell das Gaumont-Logo herauspuzzelt. Drunter liest man das zum Slogan verpackte Selbstverständnis der Produktionsfirma: „Seitdem es das Kino gibt.“ Ein Gütesiegel: Seit der Nullstunde der Geschichte sorgt man sich um Güte. So empfiehlt sich das, was nun kommt. Dabei funktioniert die Sache mit der Zeit und der Zukunft gar nicht so einfach, wie uns der skandinavische Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård) gleich aus ein paar Großaufnahmen heraus priesterlich zu verstehen gibt: Zeit hat mit Güte nichts zu tun, sondern mit Reue. Es gebe zwei Dinge, meint er, die wirklich zählen – „jenes, das man irgendwann einmal verbockt hat, und jenes, das man verbockt hat, zu tun“. Beides bereut man dann hinterher. Leben ist Reue. Diesen restlos regressiven und vulgärpoetischen Brei gilt es also zu schlucken – und vorher vermutlich auf der Zunge zergehen zu lassen –, bevor man in die Tragödien von Volker Schlöndorffs Return to Montauk entlassen wird.

Empfohlene Zukunft

Return to Montauk 1

Früher – das heißt, in einer Zeit, in der man noch annahm, dass auf eine Gegenwart eine Zukunft folgte, und dass das Leben auch eine positive Richtung haben würde; in einer Zeit, in der man noch nicht von der Altersweisheit überrascht wurde, dass das Leben ausschließlich Reue ist, ausschließlich negativ zu definieren ist – lebte Max einmal in New York. Dort lernte er Rebecca (Nina Hoss) kennen, die ihm damals ein paar verliebte Blicke im Konzerthaus zuwarf, von denen er, töricht wie er war, dachte, dass sich in ihnen eine Zukunft empfähle. Zu dieser Zukunft kam es sogar, aber notgedrungen nur bedingt, denn die Beziehung, die sie führten, zerbrach dann recht schnell. Max hat anscheinend, so erzählt er es in einer äußerst konfusen Szene am Strand, mit einer anderen Frau ein Kind bekommen und konnte dann keine Briefe mehr schreiben. Was aber tatsächlich und im Einzelnen zu dieser Trennung geführt hat, die das Geschehen von Return to Montauk dominiert, ist dem Film eigentlich hübsch egal, denn das Leben ist schließlich derart absolut aus Reue gezimmert, dass es wenig Sinn macht, die Gründe für die Trennung zu durchmessen: Das Leben selbst ist ihre Ursache und ihre Essenz zugleich.

Vergessene Vergangenheit

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Und trotzdem: Max, von dem wir diesen Käse über die Reue erst haben, ist ein zäher Bursche. Und so ganz vertraut er diesem Käse selbst nicht, denn jetzt, Jahre später, ist er wieder in New York, lässt sich verlegen grinsend in der National Library für seine literarischen Lehren beklatschen und will es doch nochmal wissen. Mal sehen, ob da nicht vielleicht wieder was geht mit Rebecca, denkt er sich; und diese denkt, nachdem Max ihr einen rotzbesoffenen nächtlichen Besuch abstattet, sogar dasselbe. Gemeinsam fahren sie nach Montauk, einem Ort am Ende von Long Island, an dem sie früher ihre Liebe zelebrierten. Rebecca ist in der Zwischenzeit steinreich geworden, hat dafür allerdings ihren Humor verkauft. Irgendwann packt auch sie noch ihr persönliches Drama auf den Tisch und erzählt vom tragischen Tod ihres Expartners, während hübsch der Wind durch ihre Frisur wütet. Max’ ziemlich enttäuschte Frage, ob dieser Schmerz nun der Grund für den gemeinsamen Ausflug an die Küste sei, verneint Rebecca. Das hätte miteinander nichts zu tun, erklärt sie Max, und formuliert damit im Grunde genau das Bauprinzip dieses Films.

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Nichts hat hier wirklich miteinander zu tun. Es geht weder um eine verlorene Liebe noch um Tod und Vergänglichkeit, noch um New York und die Gesellschaft, die diese Stadt hervorbringt, wie man manchmal glauben könnte. Es geht auch nicht um Kunst, wie man angesichts des Milieus, das dieser Film verhandelt, annehmen dürfte. Es geht tatsächlich um eine Art Beliebigkeit des Lebens – und das wundert auch nicht, denn wenn eh nur die Vergangenheit zählt und das, was sie in Form von Reue ihrer Zukunft übergibt, muss ein Leben ja auch gar nicht mehr befragt werden. Einzig: Um Vergangenheit geht es eigentlich auch nicht.

Die verstaubende Kunst

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Aber der Nihilismus, der von Return to Montauk ausgeht, schafft es nicht einmal, jene Klaustrophobie zu erzeugen, die in der haarsträubenden Prämisse über die Geschichte mit der Reue schon anklingt. Das spannendste Dilemma dieses Films betrifft Max’ Outfit. In seinem Sacko fühlt sich der als Autor erkannt werden wollende Autor nämlich nicht so wohl. Mit seiner Assistentin shoppt er deshalb neue Kleidung, die aber leider auch nichts besser macht. In diesem Drama spiegelt sich am ehesten wider, womit Schlöndorff hier nicht zurecht kommt. Vielleicht ist die These dieses Films schon zu ungestalt, als dass man ihr einen passenden Film anziehen könnte. Am Ende findet man sich in der Wohnung eines nervigen französischen Kunstsammlers ein. Der lässt seine über die Jahre angesammelten Expressionisten und Kubisten arglos in der Ecke verstauben und ausbleichen. Eine zufällige, aber ganz hübsche Klammer zum Gaumont-Emblem vom Anfang. Ging es dort noch um das Versprechen einer offenen Zukunft der Filmkunst, geht es jetzt um die reuelose Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft der Kunst schlechthin – wenn es eine konsistente Bewegung in diesem Film gibt, dann ist es genau diese. Und wenn es die wenigsten bereuen würden, wenn Return to Montauk verstaubte und verbleichte, dann hat sich das dieser Film schon selbst eingebrockt.

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