I'm not a f**king princess

Vom Verzicht einer Haltung: In ihrem teils autobiografischen Debütfilm erzählt Eva Ionesco die Geschichte der elfjährigen Violetta, die im Paris der 1970er Jahre von ihrer Mutter als erotisches Fotomodell missbraucht wird.

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Die Geschichte ist – zumindest in Frankreich und Italien – bekannt und sorgte seinerzeit, Anfang der 1970er Jahre, für Aufruhr: Die Fotografin Irina Ionesco veröffentlichte Aktbilder ihrer elfjährigen Tochter Eva, die seit einem Abdruck im italienischen Playboy zu fragwürdiger Berühmtheit gelangten. Eva Ionesco, die seitdem als Fotomodell und Schauspielerin arbeitet, versucht mit ihrem Debütfilm I’m not a f**king princess (My Little Princess, 2011) eine späte Auseinandersetzung mit der Mutter zu bestreiten und eine eigene Position irgendwo zwischen abgöttischer Liebe und abgrundtiefem Hass zu verorten.

Hannah (Isabelle Huppert) ist exzentrisch. Getrieben vom eigenen Anspruch auf Annerkennung in der Pariser Kunstwelt und geplagt von arger finanzieller Not, beschließt die Fotografin, ihre Tochter Violetta in den künstlerischen Fokus ihrer Kamera zu rücken: eklektische Fotografie, zwischen barockem Pomp und ausinszeniertem Kitsch.  Violetta selbst lebt bei ihrer aus Rumänien stammenden Urgroßmutter Mamie, die sich um die Elfjährige wie eine Mutter kümmert. Ihre karge Wohnung bildet einen Mikrokosmos aus traditioneller Gottesfurcht, Heiligenbildern und ständigen Ermahnungen an die nur besuchsweise auftauchende Hannah, doch etwas Anständiges aus ihrem Leben zu machen und sich endlich um ihre Tochter zu kümmern.

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Die Augenblicke, in denen Violetta vor Hannahs Kamera posiert, sind für das Kind die raren und daher zunächst willkommenen Momente der Zweisamkeit mit ihrer Mutter. Hannah, die mit ihren Fotos des jungen Mädchens in morbiden Settings erfolgreich den Zeitgeist bedient, versucht Violetta immer freizügiger zu inszenieren, ohne Rücksicht und ohne Gespür auf mögliche Schäden, die das Mädchen in seiner Entwicklung nehmen könnte. Schließlich ist es Violetta selbst, die Nacktaufnahmen mit einem britischen Rockstar (Jethro Cave) verweigert und sich im Selbstschutz gegen die Mutter auflehnt.

Die angerissene Thematik ist – neben allen biografischen und, womöglich, selbsttherapeutischen Motiven der Regisseurin – einigermaßen komplex, denn neben das gestörte Mutter-Tochter-Verhältnis und die ewige Frage nach dem Umfang des Kunstbegriffs in Korellation zu Zeitgeist und Mode tritt noch eine konfliktreiche Coming-of-Age-Geschichte.

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Ionesco belässt ihre Handlung im autobiografisch relevanten Zeitraum der ersten Hälfte der 1970er Jahre, wodurch sich die Frage nach der pornografischen Ausbeutung von Kindern unter angeblichen Kunstaspekten zumindest noch thematisieren lässt – anders als heute, wo dergleichen in Zeiten ausufernder Kinderpornografie völlig undenkbar ist. Dabei hat die Regisseurin aber keine soziologische Studie und gesellschaftskritische Wertung im Sinn, ihr Fokus gilt vornehmlich ihrem Alter Ego: der elfjährigen Protagonistin.

Eva Ionesco will in I’m not a f**king princess jedwede moralische Sichtweise vermeiden und die Positionierung dem Zuschauer selbst überlassen. Ein Postulat, das aber nur bedingt aufgeht, denn die Art und Weise, wie die Figuren, allen voran Isabell Huppert als Hannah, agieren, zeigt von Anbeginn deutliche Intentionen bei der Typisierung der Figuren. Hannah ist eine selbstinszenierte Kunstfigur, veräußerlicht, vorrangig definiert durch eine sich unablässig wechselnde Kostümierung im Diven-Look der 1920er und 1930er Jahre, eine entrückte Erscheinung, deren Innenwelt bis auf rare Augenblicke gut camoufliert ist und – auch als die Mutter-Tochter-Beziehung zerbricht – eigentümlich entwicklungsarm bleibt. Mamie (Georgetta Leahu), die grundgütige rumänische Großmutter, betet unablässig und ist außerstande, auch nur ansatzweise zu begreifen, was um sie herum geschieht. Und die Bohèmiens, Galeristen und Gönner Hannahs bedienen stilgerecht das ihnen zugedachte Klischee. Zweifelsfrei die wirkungsvollste Figur bleibt somit die der Violetta – überzeugend dargestellt von der zehnjährigen Anamaria Vartolomei –, denn an ihr lassen sich Etappen einer Entwicklung zumindest ablesen: von kindlicher Neugier über die Spiele der Erwachsenen bis hin zur Entdeckung sowohl der eigenen erotischen Wirkung wie auch der eigenen natürlichen Scham eines pubertierenden Mädchens. Für aus der Tiefe der Charaktere erwachsende Entwicklungen lässt der Film aber keinen Raum. Zu stark wirkt hier offensichtlich das Vertrauen in die vordergründige Missbrauchsthematik und den biografischen Wahrhaftigkeitseffekt.

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So versucht die Inszenierung die Leere und Vereinsamung Hannahs vom Charakterspiel in aufwändige Kostüm- und Ausstattungsdetails zu verlagern, während Jeanne Lapoiries Bilder Nähe und Dichte aufbauen wollen, die sich jedoch nicht so recht in den monotonen, vor allem aus immer lauter werdenden Streitgesprächen bestehenden Erzählfluss einfügen wollen.

Letztlich ist es nur ein Moment, in dem Hannah ihre Maske senkt und einen Blick in ihre Seele zulässt, um sich der Tochter zu offenbaren – doch just hier greift das Drehbuch zu einem enttäuschend konventionellen Griff in den Fundus psychoanalytischer Rechtfertigungsmuster. Schließlich ist es Violetta, die aus der Endeckung ihrer eigenen Schamhaftigkeit die Grenzen zur Mutter ziehen muss. Doch die konstant gewählte Oberflächenoptik des Films lässt keinen Blick auf die Innenwelt des Mädchens zu, sodass Violettas Entwicklung nur vermutet werden kann. Die Rebellion gegen die Mutter verebbt so in ihrer Wirkung (bis auf den rebellischen „deutschen“ Verleihtitel) recht effektfrei.

Das erkennbare Bemühen von I’m not a f**king princess, keine moralischen Bewertungen vorzunehmen, erweist sich zuletzt als ein Mangel an deutlicher Haltung, die jedoch bei dieser gerade in Zeiten von Schönheitswahn und Castingshows hochaktuellen Thematik wünschenswert gewesen wäre. Am Ende bleibt somit ein Film ohne nennenswerte Nachwirkungen.

Trailer zu „I'm not a f**king princess“


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