Mustang

Oscarnominiertes Coming-of-Age am Schwarzen Meer: Fünf Schwestern reißen die Fassade einer Dorfgesellschaft ein und träumen von der Zukunft.

Mustang 02

Mustang ist ein Film, der um seinen eigenen Konflikt kreist. Ein Spiel mit Normen, ein Austarieren dessen, was sich gehört und was nicht. Das Milieu, es ist von Anfang an geschlossen, eindeutig: ein Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste. Für die fünf verwaisten Schwestern Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay (Günes Sensoy, Doga Zeynep Doguslu, Elit Iscan, Tugba Sunguroglu, Ilayda Akdogan) beginnen die Sommerferien. Ausgelassen baden sie im Meer, tollen mit ihren Klassenkameraden herum. Wenig später geifert die Großmutter: Man erzähle sich im Dorf, dass die Mädchen die Jungs aufgereizt, sexuell angestachelt hätten – eine Obszönität in den Augen der Familie. Daraufhin beginnt ihr Onkel Erol (Ayberk Pekcan) die Freiheiten der Schwestern rigoros einzuschränken: Möglichst alle sollen rasch unter die Haube, die Zwangsheirat wird für die ältesten Schwestern schnell zur Realität. Mustang versucht eine kollektive, hoffnungsvolle Leidensgeschichte zu erzählen, einen Passionsweg im wahrsten Sinne des Wortes. Die Härte seines eigenen Sujets verleiht Mustang dabei stets einen aufmüpfigen Grundton, ein Nicht-Abfinden-Wollen mit der Realität, das gleichzeitig mit dem Versponnen-Verträumten, dem Unschuldigen des Erwachsenwerdens eine wechselvolle Verbindung eingeht.

Spielerische Agitation

Mustang 08

Dabei ist Mustang alles andere als ein wertfreier Film. Mit dem Patriarchat (das Männer wie Frauen der Familie im Film gleichermaßen repräsentieren) wird konsequent abgerechnet. Verkrustete Moralvorstellungen und das dörfliche Leben ergeben ein dumpf-repressives Milieu, gegen das sich die Mädchen behaupten müssen. Aber der Film ist stets aus ihrer Sicht erzählt, und daher wird die konservative Vorherrschaft des „Wir machen es so, weil es immer so gemacht wurde“ zumeist ad absurdum geführt. Wenn wegen anhaltender Fan-Randale beim Fußball für die nächsten Spiele ein Männerverbot im Stadion verhängt wird und die Mädchen sich heimlich ins Stadion schleichen, entsteht beim Zusehen eine diebische Freude über den gelungenen Coup. Es ist eine große Stärke des Films, dass er der Aktionen der Mädchen immer wieder auch eine spielerische Note verleiht, den Eindruck einer gewitzten Rebellion. Und so sehr sexuelle Selbstfindung im Film eine große Rolle spielt, so vermeidet er doch gleichzeitig jede Sexualisierung, jegliches exposure der Mädchen: Die unsteten Bewegungen der Bilder verweilen nie zu lange auf den einzelnen Protagonistinnen, so als denke die Kamera immer schon über den nächsten Schnitt nach.

„Ich schlief schon mit der ganzen Welt“

Mustang 01

Der Clash der Moralvorstellungen allerdings ist irreversibel und legt sich wie ein Schleier über die dörfliche Welt. Diese Spannung lässt den Film über nicht nach und hat zur Folge, dass beide Seiten – die Mädchen und der Rest der Familie – ihre Karten offen auf den Tisch legen müssen. Romantische Verrätselung wie bei Sophia Coppolas Film The Virgin Suicides (1999), der sich ebenfalls um das Erwachsenwerden von fünf Schwestern dreht, ist in Deniz Gamze Ergüvens Film kein Thema. Spätestens als die häusliche Gefangenschaft der Mädchen immer offensichtlicher zutage tritt, wird Mustang eher zu einer Art Kriegsfilm, einem Fluchtfilm. Der jugendliche Tatendrang wird vor allem in den geheimen Ausflügen der Hauptfiguren visualisiert: Es wird geklettert, gerannt, gefeixt. Die geteilte Lebenssehnsucht der Schwestern übersteigt allein durch ihre ungestüme Kraft die starre Sittlichkeit, genau diese Tatsache wird über die Bilder verstärkt: Die Statik der häuslichen Szenen steht im Kontrast mit dem agilen Außerhalb, einer großen, grenzenlosen Umgebung. Ece fasst es nach all den Beschuldigungen in einem denkwürdigen Satz zusammen: „Ich schlief schon mit der ganzen Welt.“ Das Begehren wird undurchdringlich, ein Welt-Begehren, das sich nicht unbedingt in etwas Konkretem zeigen muss. Nur Istanbul wird mit der Zeit zum ersehnten, real existierenden Objekt, einem Platzhalter für die sinnlichen Versprechen der Selbstbestimmung, verkörpert durch eine junge Lehrerin, die das Dorf am Anfang des Films in Richtung Bosporus verlässt.

Konfrontations-Logik

Mustang 09

Die namensgebenden amerikanischen Mustangs sind verwilderte Pferde, die ursprünglich von europäischen Hauspferden abstammen. Auch in der Titelsymbolik bleibt Mustang ein Film des Eindeutigen: die Emanzipation vom Elternhaus als Ausbruch, hin zu einem freieren, aber auch unsicheren Leben. Die langsame Befestigung des Hauses dagegen scheint ebenso unaufhaltsam zu sein wie die zunehmende Paranoia von Onkel Erol. Neben ihm und der Großmutter gibt es darüber hinaus keine Figuren, die Einfluss auf die Geschichte nehmen könnten und zwischen den Fronten stehen. Da ist lediglich der langhaarige Lastwagenfahrer Yasin (Burak Yigit), der viel rumgekommen ist, natürlich einen fahrbaren Untersatz besitzt und somit zu einem Gatekeeper für die Fluchtgelüste und Fürsprecher der Mädchen wird. Davon abgesehen folgt der Plot aber letztlich einer Konfrontations-Logik, die in ihrer unbedingten Stringenz beizeiten etwas gezwungen wirkt. Die unverwüstliche Grunddynamik bleibt klar: Zwei Regime begehren gegeneinander auf. Aber die strikte Erzählweise des Films lässt manchmal wenig Luft: Alles wirkt unvermeidlich, ein wenig vorgegeben. Mustang ist ein Film, der einem keine Wahl lässt.

Trailer zu „Mustang“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.