Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod

Schon Johannes Mario Simmel wusste, dass mit den Clowns die Tränen kommen. In Mad Circus bekriegen sich zwei liebeskranke Vertreter dieser Zunft bis aufs Blut. 

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Ursprünglich waren Clowns dafür gedacht, Kinder zum Lachen zu bringen. Das funktioniert in der Regel mit recht einfachen Mitteln: Etwas weiße Schminke ins Gesicht, ein Paar zu großer Schuhe, und hier und da fällt man ungeschickt auf die Nase. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schien der Clown dann zu grotesk für die Gegenwart zu werden und diente nicht selten als Verkörperung des Bösen. Sei es nun der Joker aus den Batman-Comics oder Pennywise aus Stephen Kings Es, diese Spaßmacher haben nichts Gutes im Sinn. Der Imageschaden war komplett, als in den 1980er Jahren mit der Coulrophobie auch noch ein eigener Begriff für die krankhafte Angst vor Clowns aufkam.

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Der spanische Regisseur Álex de la Iglesia hat seit Beginn seiner Karriere eine Vorliebe für laute und grelle Gesellschaftssatiren. So wie sein Landsmann Pedro Almodovar immer wieder aus dem Fundus des Melodrams schöpft, bedient sich de la Iglesia unermüdlich beim Horror- und Exploitationkino. In Aktion Mutante (Acción mutante, 1992) greift etwa eine Terrororganisation Behinderter und Mutierter die heile Welt der Reichen an, in Allein unter Nachbarn (La comunidad, 2000) zerfleischen sich die Einwohner eines Miethauses um das Erbe eines verstorbenen Nachbarn.

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In diesen makabren Kosmos fügt sich die Figur des gleichermaßen harmlosen wie grausamen Clowns perfekt ein. De la Iglesias neuester Film Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod (Balada triste de trompeta) beginnt im Jahr 1937 während des Spanischen Bürgerkriegs, als ein Clown gewaltsam von Milizen für den Kampf gegen Franco rekrutiert wird. Nachdem er in voller Montur und mit einer Machete bewaffnet unzählige Gegner niedermetzelt, landet er schließlich in Kriegsgefangenschaft. Vierzig Jahre später, kurz vor dem Ende des Franco-Regimes, fängt sein Sohn Javier (Carlos Areces) in einem neuen Zirkus an. Wegen seiner Familiengeschichte hat es bei ihm lediglich zum traurigen Clown gereicht, über den die Kinder nur dann lachen, wenn ihm der lustige Clown eins überzieht. Als sich Javier in Natalia (Carolina Bang), die Freundin seines psychopathischen Kollegen Sergio (Antionio de la Torre), verliebt, wird eine Kette schrecklicher Ereignisse losgetreten.

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Das Besondere an Mad Circus ist, dass er Genreelemente miteinander kombiniert, die eigentlich nichts gemeinsam haben. De la Iglesia schafft es, dass der Schritt vom Historienfilm zum Liebesdrama, von der schwarzen Komödie bis zum Splatterfilm immer schlüssig erscheint. Alles entwickelt sich aus der Gefühlswelt der Figuren. Realismus scheut de la Iglesia dabei wie der Teufel das Weihwasser. Die stilisierte Zirkuswelt wirkt eher wie ein Fantasieland. Wenn die Schminke am Abend erst einmal ab ist, kommt es zu absurden Gewaltausbrüchen und heftigem Sex. Träume und Visionen dringen widerstandslos in die Handlung ein. Die Kamera ist ständig in Bewegung, von der Tonspur lärmen Streicher und Schlagwerk.

Mitunter kann einem diese aggressive Opulenz auch zu viel werden. Letztlich liegt aber gerade in der Maßlosigkeit auch der Reiz des Films. Denn mit zunehmender Laufzeit wird Mad Circus exaltierter und abgehobener, ohne sich je ganz von der Liebesgeschichte zu lösen. Alles basiert auf den sich ständig steigernden Emotionen, die sich vom Inneren der Figuren ihren Weg nach draußen bahnen und sich schließlich in ihre Körperhüllen hineinfressen.

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Am beeindruckendsten lässt sich das bei Hauptdarsteller Carlos Areces verfolgen. Ist er am Anfang des Films noch ein melancholisches und verängstigtes Pummelchen, hechelt er als Liebeskranker später schnurstracks in den Wahnsinn. Mit Säure und einem heißen Bügeleisen brennt er sich die Clownmaske ins Gesicht, wirft sich in ein Priestergewand und ballert sich mit Maschinengewehren den Weg bis zu seiner geliebten Natalia frei.

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Sie ist denn auch die Einzige im Film, die einem konventionellen Schönheitsideal entspricht. Bei ihrer ersten Begegnung mit Javier räkelt sie sich in Zeitlupe an einem roten Tuch herab. Von solchen erotischen Fantasien einmal abgesehen, zelebriert de la Iglesia das Abstoßende und Groteske wie in einem Gemälde von Hieronymus Bosch. Spätestens wenn sich Javier und Sergio – beide mittlerweile körperlich deformiert – am Schluss bis aufs Blut bekämpfen, ist der Film mit seiner Ästhetik des Hässlichen auf dem Höhepunkt angekommen. Ob sich die Metamorphosen nun auf den Wahnsinn der Franco-Diktatur oder auf die zerstörerische Kraft der Liebe zurückführen lassen, kann man zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr sagen. 

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Kommentare


Anika

Eine sehr gute Filmkritik, sehr treffend! Der Film schockiert und regt zugleich zum Nachdenken an. Auf jeden Fall ist er nicht so schnell vergessen und keine leichte Kost, ein großes und großartiges Kontrastprogramm zum üblichen Hollywood-Schnulz.


M

...ein unglaubliches und wunderschönes schauspielerisches Ende. Wahnsinn.






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