Im Schatten der Frauen

Falsche Helden und Frauen, die sie als solche erkennen: Philippe Garrel lässt die Liebe wieder strahlen, aus den Körpern heraus, in die Beziehungen hinein.

L Ombre des femmes 03

Das letzte Bild gehört einem unbändigen Lächeln, es wirkt so unkontrolliert, als könnte der Held sein Glück nicht fassen. Es ist ein irreales Glück, weil Pierre natürlich weiß, dass er es nicht verdient. Und weil Manon verstanden hat, dass das keine Rolle spielt. Überhaupt: Was bei Philippe Garrel alles irrelevant ist! Wer will wissen, wer kann nicht ahnen, wie sie dorthin gekommen sind und wohin sie gehen? Körper, Liebe, Beziehungen und ein bisschen Leidenschaft. Mehr braucht Garrel nicht. Da begegnet Pierre (Stanislas Merhar) einer Frau, die Filmrollen transportiert. Sie ist jung, er begehrt sie. Sie müssen die Schuhe ausziehen, um in ihr Zimmer zu schleichen. Als er aus dem Bett ins Off verschwindet, will sie wissen, was wohl schlimmer ist im Bewusstsein: zu pinkeln, wo man duscht, oder zu duschen, wo man pinkelt. Er geht, wird aber immer wieder kommen, in dieses kleine Zimmer mit den vielen Büchern auf der Kommode. Seiner Ehefrau Manon (Clotilde Courau) schenkt er Blumen. Sie lacht ihm liebevoll ins Gesicht und schnippelt Gemüse. Dann lernt auch sie einen anderen kennen.

Herzliches Schwarz-Weiß

L Ombre des femmes 02

Im Schatten der Frauen (L’ombre des femmes) zerrt sanft, aber unmissverständlich das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen an die Oberfläche. Sanft, weil Garrels Blick nie davon lassen kann, das Charisma seiner Darsteller einzufangen und im herzlichen Schwarz-Weiß zu verstärken, auch dann noch, wenn er gerade die Verfehlungen einer Figur beobachtet. Unmissverständlich, weil das Schlichte hier das Grundsätzliche betont: Nicht nur der Film, auch die Protagonisten selbst spielen mit der Einsicht, dass ihr Beziehungsverhalten austauschbar ist. Das Konkrete und das Abstrakte gehen Hand in Hand. Der gekrümmte Rücken von Stanislas Merhar und die toughe Zärtlichkeit der aufrechten Clotilde Courau sind spezifische Ausformungen, auf ihre Weise eigen; ohne Zwang, andere repräsentieren zu müssen, bieten sie sich doch dafür an, dass in ihnen Modelle des Lebens wiedererkannt werden.

L Ombre des femmes 01

Auf der Tonspur hilft die Stimme von Louis Garrel – Philippes Sohn – bei der Einordnung des allzu menschlichen Verhaltens. Selten sind Story, Montage und Off-Kommentar so ineinander verwoben wie hier. Das mokierende Säuseln ist das Bewusstsein des Films, es gibt den Bildern einen inneren Zusammenhang, es ordnet und vereinfacht auf eine raffinierte, weil erfrischend parteiische Weise gegen den Protagonisten Pierre. Während er immer gemeiner wird zu den beiden Frauen in seinem Leben, rückt das Gemachte in den Fokus: Wer er sein darf, das entscheiden die Frauen. Im Schatten der Frauen ist in diesem Sinn feministisch. Dafür muss Garrel keine „starken Frauen“ inszenieren, im Gegenteil: Schwach sein dürfen alle in diesem Film, weil es darum geht, die Paradigmen des männlichen Kinos des Handelns zu hinterfragen, um zu einem Kino des Erkennens vorzudringen. Da hilft es, wenn auch mal arg heruntergebrochen wird, was so die Intentionen eines fremdgehenden Mannes sein mögen und wie er das für sich, aber nicht für sie rechtfertigen kann. Denn er ist ja ein Mann. Und das wird er sich wohl nicht vorwerfen lassen. Warum eigentlich nicht?

Das Geheimnis hüten

L Ombre des femmes 04

Auf den ersten Blick wirken viele Szenen eindimensional: Ob in verlassenen Straßen von Paris, im Bistro oder in der Wohnung, fast immer sitzen oder laufen da zwei und unterhalten sich. Doch die Ebenen, die Garrel in solche zunächst einfachen Set-ups einziehen kann, bieten ein fröhliches Vexierspiel. Die Inszenierung wiegt uns zunächst in der Sicherheit eines intimen Rahmens, um uns dann ein ums andere Mal zu entführen, hinaus in die Welt, in die Perspektive eines heimlich beobachtenden Dritten oder eines trocken urteilenden Erzählers. Das macht Spaß und verweist gleichzeitig auch auf das Unabgeschlossene der Gefühlswelten, die nur ausschnitthaft in den Raum übersetzt werden können. Das Schönste daran ist der Garrel’sche Touch. Diese Staffelungen der Blicke sind auf seine ganz eigene Weise scheu: Die Körper und die Leidenschaft, sie sind da und haben nichts zu verbergen; sie müssen aber auch nichts beweisen und erst recht nichts einander entreißen.

L Ombre des femmes 05

Garrel war bereits früh ein Meister der Reduktion, wie etwa der 1968 entstandene Kurzfilm Acte 1 beweist, den die Quinzaine des Réalisateurs zusammen mit Im Schatten der Frauen bei der Premiere in Cannes zeigte. Proteste, Straßenkämpfe, Polizisten überall – aus dem Fenster gefilmt und aus einem fahrenden Auto. Eine Frauenstimme argumentiert und widerspricht, bis ihr niemand mehr zustimmen kann. Am Ende steht ein Satz, den es zu übersetzen lohnt: „La respiration se passe désormais de visa de censure.“ Das Atmen verzichtet fortan auf seine Zensur.

Garrel zensiert das Atmen nicht, im Gegenteil lässt er erst das Atmen zu seiner vollen Wirkung kommen. Es scheint so einfach und ist doch so selten: Er hütet das Geheimnis der Menschen, denn er weiß, was er da hat, in den strahlenden Gesichtern, dem gekrümmten Rücken, dem aufrechten Gang und dem unbändigen Lächeln.

Trailer zu „Im Schatten der Frauen“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.