Just the Wind

Der ungarische Regisseur Bence Fliegauf greift auf überraschende Weise ein wichtiges Thema auf: die Gewalt gegen Roma in seinem Heimatland. 

Just the Wind

Der Vorspann weist ausführlich auf eine fremdenfeindliche Mordserie an Roma hin, die sich vor einigen Jahren in Ungarn ereignet hat. Es werden die Zahl der Toten, der Verletzten, sogar die der abgefeuerten Schüsse angegeben. Dann beginnt Bence Fliegaufs Film Just the Wind im morgendlichen Halbdunkel, eine Frau steht auf, steckt sich die Haare hoch, füttert den alten Vater, geht zur Arbeit. Tochter und Sohn beginnen ihren Tag wenig später, die eine verlässt die ärmliche Behausung, um zur Schule zu gehen, der andere begibt sich auf Diebestour.

Eineinhalb Stunden lang verfolgen wir nun den Tagesablauf dieser Familie, mit der Kamera immer nah dran an Figuren und sozial prekärer Realität. Der Film zeigt die Verhältnisse, in denen die Roma am Waldrand leben: herumliegender Müll, drogenabhängige, in unaussprechlichen Zuständen lebende Nachbarn, der mal unterschwellige, mal offene Hass, der ihnen entgegenschlägt und der erst im weiteren Verlauf des Films wirklich sichtbar wird.

Just the Wind 1

Erst nach mehr als dreißig Minuten, in denen im dramaturgischen Sinne außer täglicher Routine nichts passiert, kommt der Film auf sein Thema zu sprechen. Aus einem Dialog zweier Polizisten geht hervor, dass am Tag vorher eine Roma-Familie ermordet wurde. Und zwar die falsche, wie einer der beiden meint, denn das waren ja anständige Zigeuner, die „sogar ein Bad hatten“.

Es geht also um den Tag danach. Die nicht nur latente Bedrohung, die auf den Roma liegt, deutet Fliegauf nur an, man versteht sie erst nach dem Gespräch der Polizisten: die Männer, die die Tochter fragen, ob sie ihr Handy dabeihat, und sie ermahnen, es anzulassen. Der ständig gesenkte Blick (die Kamera sieht den Menschen kaum einmal ins Gesicht), die unterschwellige Aggression des Schulhausmeisters.

Indem Fliegauf das Verbrechen vollständig aus dem Bild nimmt und auf die Abstraktion einiger geschriebener Sätze vor schwarzem Hintergrund zu Beginn des Films beschränkt, gestaltet er seine Geschichte so schlicht, wie bei einer Gewalttat dieser Monströsität nur möglich. Just the Wind scheint tatsächlich vor Gewalt zurückzuschrecken, wie auch seine Protagonisten. Zweimal kommt es zu spontanen Ausbrüchen, deren Zeuge einmal die Mutter, einmal die Tochter wird, beide Male machen sie und die Kamera sich schnell aus dem Staub.

Just the Wind 2

Auch die Polizeiarbeit, die Aufklärung der Morde, interessiert Just the Wind nicht. Mit seiner Day-in-the-Life-Struktur macht er sich vielmehr vollständig die Perspektive der Roma zu eigen. Das hat den auf unangenehme Weise berührenden Effekt, dass man diese Menschen sehr gut kennenlernt und ab der Hälfte des Films ahnt, wie es mit ihnen enden wird.

Die Weigerung, die Tat zum Teil der Erzählung zu machen, schafft aber auch viel Raum für eine unerwartete Zartheit in dieser rauen, von Müll geprägten Umgebung. Unter den vielen Schichten von Alltag, die der Film aufeinanderlegt, lassen sich Momente berührender Intimität finden.

Just the Wind 3

Umso schockierender ist dann der letzte, auch nur off camera stattfindende Akt der Gewalt. „Das ist nur der Wind“, sagt die Mutter noch, als alle am Ende des Tages gemeinsam im Bett liegen und von draußen Geräusche zu hören sind. Aber das stimmt nicht. Ein zurückhaltender, starker Film.

Trailer zu „Just the Wind“


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