Gigante – Kritik

Der auf der vergangenen Berlinale ausgezeichnete Debütfilm überschreitet Genregrenzen und unterläuft Zuschauererwartungen. Die Geschichte eines sympathischen Stalkers ist ein bedrückend-bezaubernder Film über die Liebe.

Jara (Horacio Camandule) geht ins Kino und muss sich zwischen Gruselstreifen und Liebesschnulze entscheiden. Vor wenigen Wochen hätte der massige Supermarkt-Wachmann im Biohazard-T-Shirt wahrscheinlich den Horrorfilm gewählt. Doch Jara ist neuerdings schwer verliebt und wählt deshalb das Kitschprogramm. Beim folgenden Kinowechsel erlebt er dann eine angenehme Überraschung.

Gigante

So wie wir als Zuschauer Jara nicht eindeutig einschätzen können und von einigen seiner Entscheidungen überrascht werden, wie der gesamte Handlungsverlauf unerwartete Wendungen nimmt und sich einer festen Ausrichtung entzieht, so irrt sich auch der Protagonist im Filmgeschmack seiner Angebeteten. Denn bisher kennt der schüchterne Jara die Putzfrau Julia (Leonor Svarcas) nur aus der Distanz: vom Bildschirm eines Überwachungsmonitors, seinem nächtlichen Arbeitsplatz in einem Supermarkt, und von seinen Gängen durch Montevideo, auf denen er der verschlossenen Kollegin heimlich nach Hause oder zum Strand, in ein Internet-Café oder zu ihrem Karatekurs folgt. Man könnte Jara vorschnell als Voyeur und Stalker abstempeln, aber der 34-jährige argentinische Autor und Regisseur Adrián Biniez ist an Schubladen und Urteilen nicht interessiert. Sein in Uruguay entstandenes Langfilmdebüt Gigante beleuchtet stattdessen mit großer Empathie und Lakonie den schmalen Grat zwischen Liebe und Obsession.

Gigante

Der kindliche Koloss Jara ist ein Voyeur mit einem monotonen Alltag und romantischen Absichten, was ihn mit dem einsamen und obsessiv verliebten Protagonisten Tomek in Krzysztof Kieslowskis Ein kurzer Film über die Liebe (Krótki film o milosci, 1988) verbindet. Dieser beobachtet seine Nachbarin mit einem Teleskop, wendet seinen Blick jedoch ab, als sie einen Mann mit in ihre Wohnung nimmt, um mit ihm Sex zu haben. Als Kollegen von Jara am Überwachungsbildschirm das Hinterteil einer Kollegin heranzoomen, offenbart der stille Wachmann ähnlich wie Tomek ein schamhaftes, unschuldiges Wesen, das ihn von der sexuellen Motivation der anderen Männer und von zahlreichen „Peeping Toms“ der Filmgeschichte abzugrenzen scheint. Einmal sieht Julia direkt in eine Supermarktkamera und ihr unsichtbarer Verehrer schaltet sie verlegen aus seinem Blickfeld, als hätte sie ihn durchschaut.

Gleichzeitig besitzt Jaras zunehmende Besessenheit in Kombination mit seiner kräftigen Erscheinung und vereinzelten Wutausbrüchen ein bedrohliches Potential, das in manchen Szenen vermuten lässt, die Geschichte könnte sich zum Stalker-Thriller im Stil von Eine verhängnisvolle Affäre (Fatal Attraction, 1987) oder Obsessed (2009) entwickeln. Ruhige, überwiegend statische Kameraeinstellungen, ein langsamer Erzählrhythmus und die präzise Zeichnung der Hauptfigur ordnen Gigante dagegen eher einer Charakterstudie zu, die die Obsession des Protagonisten gleichermaßen als Variante von Liebe und als Ausdruck von Unsicherheit versteht und sie nicht zum Fall für Psychiater und Polizei erklärt. Eine der größten Stärken von Biniez’ Debüt ist es, dass es verschiedene Genres und Stimmungen vereint, ohne überladen oder angestrengt zu wirken, und bis zum Schluss unvorhersehbar bleibt.

Gigante

Der Augenblick, in dem sich Jara hinter seinem Monitor in Julia verliebt, ist einer von diversen Szenen in Gigante, in denen Komödie und Drama fließend ineinander übergehen. Zudem ist es der Auslöser für den passiven Beobachter, in das Leben seiner Mitmenschen einzugreifen, was ein wenig an den Stasi-Lauscher in Florian Henckel von Donnersmarcks Drama Das Leben der Anderen (2005) erinnert. Als Julia von ihrem Chef gerügt wird, lässt ihn Jara in eine andere Abteilung rufen, um sie zu schützen. Einer klauenden Kollegin rät er, das Diebesgut zurückzulegen, anstatt sie bei seinem Vorgesetzten anzuschwärzen. Und in einem Moment unkontrollierbarer Eifersucht löst er gar den Feueralarm aus und setzt den Supermarkt unter Wasser.

Gigante

Wiederholt lockert Biniez den ernsten Grundton der Handlung, die karge Schlichtheit der Schauplätze und die wachsende Anspannung der Hauptfigur mit Momenten des comic relief auf. Andere Szenen scheinen vom Regisseur wiederum bewusst so angelegt zu sein, dass man sie nicht darauf festlegen kann, ob sie nun traurig, lustig oder bedrohlich sind. Wenn sich Jara vor dem Spiegel Julias Lippenpflege auf den Mund schmiert und damit eine ferne Assoziation mit dem transsexuellen Frauenmörder in Das Schweigen der Lämmer (The Silence of the Lambs, 1991) wachruft, wirkt dieser intime Akt ebenso albern wie bedrückend, rührend wie beängstigend.

Die komplizierten und ambivalenten Gefühle, die Biniez’ Inszenierung beim Zuschauen auslöst, machen sein souveränes Erstlingswerk zu einer wunderbar vielschichtigen und ungeschönten Liebesgeschichte. In Gigante ist in der Liebe nicht nur vieles erlaubt, sondern bis zum Ende auch alles möglich.

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