Die Fee

Nach The Artist erweckt eine weitere französisch-belgische Komödie einen Teil des Stummfilm-Erbes zu neuem Leben: den Slapstick.

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Der Nachtportier nimmt Geld aus der Hotelkasse und überreicht es einem britischen Gast, der es sich leiht, um es umgehend an drei wartende junge Männer weiterzugeben, als Belohnung dafür, dass sie seinen Hund gefunden haben. Die drei Schwarzen fragen, ob der Brite sie mit nach England nehmen könne – als er verneint, drücken sie ihm das eben übergebene Geld wieder in seine Hände, woraufhin er sich doch bereit erklärt, sie über den Ärmelkanal zu schleusen. Erst muss er aber natürlich die Hotelrechnung bezahlen und gibt das Geld daher dem Nachtportier, der es dahin zurücklegt, wo es herkam: in die Kasse. Das ist beste Bewegungskomik und eine der schönsten Szenen aus Die Fee (La fée, 2011).

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Um es gleich zu sagen: Es ist auch eine der subtilsten. Zumeist besteht der Humor von Die Fee nämlich eher darin, dass ein Kellner innerhalb von einer Minute fünfmal gegen dieselbe Wand rennt oder jemand anderes achtmal nacheinander: „Sie hat gesagt …“ japst, um schließlich zu gestehen, dass er sich an den Inhalt des Gesagten nicht mehr erinnert. Man kann das lustig finden – oder auch nervig. Bereits die erste längere Szene des Films ist von diesem Zwiespalt geprägt: Nachtportier Dom (Dominique Abel) wird immer und immer wieder durch Anrufe und Hotelgäste daran gehindert, sein Sandwich zu essen. Das ist anfangs recht amüsant, ob der Witz aber über sieben Minuten trägt, ist zweifelhaft.

Unter den störenden Gästen ist auch Fiona (Fiona Gordon), die sich als Fee vorstellt und Dom drei Wünsche schenkt, wie das Feen eben so tun. Realist Dom nimmt das nicht allzu ernst, ist aber umso erstaunter, als am nächsten Morgen tatsächlich jener Motorroller vor ihm steht, den er sich halb im Scherz gewünscht hatte. Auch der zweite Wunsch, Benzin gratis ein Leben lang, wird ihm erfüllt.

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Die Ärzte aber erklären Fiona dennoch für geistesgestört und weisen sie in die Psychiatrie ein, wo sie gezwungen wird, folgenden Satz auf eine Tafel zu schreiben: „Feen existieren nicht.“ Wie Dom sie aus dem Krankenhaus befreit, die Polizei die Flüchtige verfolgt und wofür Dom seinen letzten Wunsch aufhebt – darin besteht der Spannungsbogen des Films.

Das Verständnis von Komik, auf das sich das Regie-Trio Dominique Abel, Fiona Gordon und Bruno Romy (Rumba, 2008) bezieht, entstammt dem Overacting der Stummfilm-Epoche. Mangels Dialogwitz waren Filme damals vor allem auf (möglichst deutliche) Körperbewegungen angewiesen, auf Situationskomik. In der heutigen Zeit wirkt das natürlich irritierend, weil massiv übertrieben. Wenn dann noch vorhersehbare Witze und viel zu lang ausgespielte Sketche hinzukommen, langweilt das irgendwann mehr, als dass es amüsiert. Der siebenminütige Versuch Doms, sein Sandwich zu essen, ist das beste – oder schlimmste – Beispiel dafür. Dem Film fehlt es an einigen Stellen am Sinn für Timing und Reduktion. Weniger wäre hier manchmal mehr gewesen.

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Andererseits ist der Versuch, genuinen Slapstick ins dritte Jahrtausend zu transferieren, auch mutig und versieht die Arbeit von Abel, Gordon und Romy mit einem Alleinstellungsmerkmal. Und natürlich gelingen dem Film auch einige sehr schöne Szenen. So zum Beispiel, wenn ein übergroßer Mantel von gleich zwei Figuren ausgefüllt wird und dies zu bizarren pantomimischen Effekten führt. Und auch gleich die erste Einstellung ist so packend, dass sie den Zuschauer unmittelbar in die Handlung hineinzieht: Dom rast mit seinem Fahrrad durch das regenüberströmte Werftgelände von Le Havre, vielleicht einen Meter von der Kaimauer entfernt, hinter der es tief ins Wasser geht. Immer wieder springt sein Rad über kleine Hubbel, einmal kommt es bei einer scharfen Bremsung ins Schleudern und rutscht gefährlich nah an den Abgrund. Dieser Husarenritt wird von einer ebenso schnellen Fahrt der Kamera begleitet. Ansonsten aber ist Letztere in Die Fee fast ausnahmslos statisch, was die vielen Bewegungen der Figuren – innerhalb des Bildkaders, aus ihm heraus und wieder herein – umso stärker betont.

Während einer von mehreren Verfolgungsjagden, bei der Fiona einen artistischen Spagat zwischen Auto und Motorroller wagt, setzt der Film die alte Technik der Rückprojektion ein, bei der hinter die im Studio abgefilmte Handlung ein Bild projiziert wird. Die Referenz auf zeitlich überholte Stilmittel der filmischen Sprache zieht sich also durch die gesamte Laufzeit.

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Ebenso konsequent ist der komplette Verzicht auf jeglichen Realismus-Anspruch: Die Fee bleibt dauerhaft in einer Fantasiewelt. Denn nur dort kann man auch unter Wasser noch Ballett tanzen, wie man es in einem der schönsten set pieces des Films sieht (die Idee, mit Plastiktüten Quallen darzustellen, hatte der brillante Kurzfilm Plastic Bag (2009) allerdings schon vorher). Gerade in solchen Tanznummern, die sich als roter Faden durch das Gesamtwerk von Abel und Gordon ziehen, spürt man die besondere Chemie zwischen den beiden. Kein Wunder, sind sie doch seit fast 30 Jahren auch im realen Leben ein Paar.

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