Das Lied in mir

Eine junge Deutsche entdeckt in Argentinien eine zweite Familie und das dunkle Geheimnis ihrer Eltern. Der mehrfach ausgezeichnete Debütfilm erzählt manchmal zu wenig, aber mit viel Geschick.

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Maria (Jessica Schwarz) hört auf dem Flughafen von Buenos Aires ein spanisches Kinderlied und verliert daraufhin ihren Reisepass. Das Lied ist Teil ihrer verschütteten Vergangenheit, sein Klang löst bei der 30-Jährigen ein Gefühlschaos aus, das sie sich nicht erklären kann, und führt buchstäblich zu dem Verlust ihrer vertrauten Identität. Obwohl Maria kein Spanisch spricht, kennt sie den Text und die Melodie des Liedes.

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Eigentlich wollte die Profischwimmerin auf dem Weg zu einem Wettkampf in Chile in der argentinischen Hauptstadt lediglich zwischenlanden, doch jetzt sitzt sie alleine in der Millionenmetropole fest. Verzweifelt ruft sie ihren Vater Anton (Michael Gwisdek) in Deutschland an, der kurz darauf in ihrem Hotel auftaucht, seine Tochter erfolglos zur Rückkehr bewegen will und ihr schließlich gesteht, dass sie als Kleinkind adoptiert wurde und bis dahin in Buenos Aires gelebt hat. Ihre leiblichen Eltern wurden zur Zeit der Militärdiktatur verschleppt und zu Tode gefoltert. Zusammen mit dem Deutsch sprechenden Polizisten Alejandro (Rafael Ferro) spürt Maria Verwandte ihrer Mutter auf und muss feststellen, dass ihr Ziehvater noch etwas verschwiegen hat.

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Unter der Diktatur Jorge Rafael Videlas wurden in Argentinien zwischen 1976 und 1983 bis zu 500 Säuglinge und Kleinkinder verschleppter oder inhaftierter Regimegegner entführt und zur Adoption freigegeben. Mehr als 200 von ihnen sollen an Angehörige der Militärjunta oder an regimefreundliche Familien übergeben worden sein. Argentiniens jüngste Parlamentsabgeordnete Victoria Donda zählt zu den bekanntesten Opfern dieser Repressionsmaßnahme und hat ihre Biografie veröffentlicht („Mein Name ist Victoria“, 2010). Zwangsadoptionen wurden aus unterschiedlichen Gründen auch in der ehemaligen DDR und während des Nationalsozialismus durchgeführt. Der in Tel Aviv geborene und multinational aufgewachsene Autor und Regisseur Florian Cossen, der als Gaststudent ein halbes Jahr in Buenos Aires verbracht hat, geht in seinem Langfilmdebüt allerdings kaum auf geschichtliche Hintergründe oder die Details von Argentiniens „schmutzigem Krieg“ ein, sondern konzentriert sich überwiegend auf das persönliche Drama seiner Hauptfigur. Mit Das Lied in mir schildert er eine länderübergreifende Geschichte von der Schuld der Väter, die Maria mit Alejandro verbindet und deren Schauplatz nicht zuletzt an den einstigen Fluchtpunkt von NS-Verbrechern wie Adolf Eichmann oder Josef Mengele erinnert.

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Cossens auf mehreren Festivals preisgekrönter Hochschulabschlussfilm ist ein ungewöhnliches Debüt, weil es im Gegensatz zu manchen überambitionierten Erstlingswerken eher zu wenig als zu viel erzählt und weil der 31-Jährige das „Wenige“ der Handlung, die einiges in der Schwebe lässt, mit einer beachtlichen formalen Sicherheit und Feinfühligkeit inszeniert hat. Die Biografien seiner Figuren offenbaren sich vor allem anhand ihrer Körper: Die athletische und attraktive Sportlerin Maria trifft auf einen übergewichtigen, schleppend laufenden Onkel (Carlos Portaluppi) und auf ihre Patentante Estela (Beatriz Spelzini), deren von Falten und Augenringen gezeichnetes Gesicht von Sorgen und Trauer berichtet.

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Der Regisseur zeigt seine getriebene und suchende Protagonistin häufig beim Schwimmen oder beim Laufen durch die vollen Straßen von Buenos Aires, das leicht grobkörnig in einem gelb-grünlichen Licht erscheint. Die emotional aufgeladenen Szenen zwischen Vater und Tochter werden von einer beweglichen Kamera eingefangen, die fließend und unaufdringlich zwischen den Figuren hin und her wandert und sich den Regungen der Darsteller anpasst. Bedeutsame, für die Charaktere einschneidende Momente wirken, als wären sie unfokussiert und etwas zeitverzögert gefilmt worden, mit Musik untermalt, aber ohne Realton, etwa wenn sich Estela und Anton im Treppenhaus des Hotels nach langer Zeit und mit neuem Wissen wieder begegnen.

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Das Lied in mir ist ein universelles Vater-Tochter-Drama über Identität, Schuld und Vergebung, das trotz seines sehenswerten ästhetischen und schauspielerischen Vermögens die spezielle Konstellation von einer Deutschen, die in Argentinien auf die verschwiegene Vergangenheit ihrer Familien stößt, nur in Ansätzen und Andeutungen thematisiert. Zudem bleiben Marias leibliche Eltern zu sehr Randerscheinungen des Geschehens, die Umstände ihrer Ermordung zu sehr im Dunkeln, um die Verbrechen der Militärjunta stärker ins Licht zu rücken, als es hier der Fall ist. Am Ende läuft Maria erneut durch die Straßen von Buenos Aires. Vielleicht sucht sie weiter nach Informationen, und was sie herausfindet, das hätte man als Zuschauer auch gerne erfahren.

Kommentare


Peter R.

Ein bewegender Film der viele Fragen offen lässt. Die Schauspieler bringen das Geschehen sehr glaubhaft auf die Leinwand. Ein wenig Hntergundswissen über die Diktatur in Argentinien kann man sich nach dem Film anlesen, es hilft für das Vertsändnis. Die Idee der Story erinnert sehr an "Drei Minuten mit der Wirklichkeit" von Fleischhauer - nur in dm genannten Roman ist di Handlung noch um einiges komlizierter.


Martin Zopick

Ein leiser Film, bei dem Mitdenken angesagt ist, denn die Begebenheit, um die es hier geht, liegt Jahrzehnte zurück und die Fakten werden zwischen den Zeilen in den Dialogen nur angedeutet. In starken Bildern wird Marias Vergangenheit enthüllt.Gemäß dem Titel beginnt alles mit einem Kinderlied, das Maria hört. Jessica Schwarz und Michael Gwisdek liefern sich ein eindrucksvolles Kammerspiel. Trotz Sprachschwierigkeiten entscheidet sich Maria für ihre neue, alte Heimat und gegen ihren 'Ziehvater', der wohl damals Schuld auf sich geladen hat. Unter einer Militärdiktatur ergriff er die Gelegenheit zu einer Tochter zu kommen. Und die – jetzt erwachsen – sucht selbst nach ihren Wurzeln. Eine interessante Parallele tut sich auf: die Frage an ihren One-Night-Stand-Lover und Polizisten 'Hast du nie deinen Vater gefragt, was er damals gegen die Militärs gemacht hat?' kontert der mit der Gegenfrage 'Hast du nie deinen Vater gefragt, was er gegen die Nazis gemacht hat?' Eine interessante Story mit starken Schauspielern und beeindruckender Kameraarbeit. Selten hat man so nah und so gut einen Kraulstil gesehen. Ganz zu schweigen von den Aufnahmen aus der Vogelperspektive, bei denen der eigene Standpunkt ins Wanken gerät. Chapeau für ein Erstlingswerk!






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