Attack the Block

Aliens in da hood: In Joe Cornish’s rasantem Regiedebüt Attack the Block verteidigt eine Teen-Gang ihren süd-londoner Sozialbauwohnblock gegen die Invasion aus dem All.

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Mit dem Zombiespektatel Shaun of the Dead gelang 2004 Regisseur Edgar Wright ein Film, der mit subversivem Humor diverse Versatzstücke des Zombiefilms in die gepflegten Vorgärten der britischen Mittelschicht transportierte. Seitdem sind metaphorischer Witz in Kombination mit popkulturellen Referenzen die Markenzeichen seiner Filme, wie Hot Fuzz (Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis, 2007) oder Scott Pilgrim vs. the world (Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt, 2010) – für die sämtlich die britische Produzentin Nira Park mitverantwortlich zeichnete. Zu den Park-Produktionen gehört auch das Darsteller-Duo Simon Pegg und Nick Frost, welches den Filmen – zuletzt Greg Mottolas Paul (Paul, ein Alien auf der Flucht, 2011) mit kultigen Sprüchen und situativer Komik eine unverwechselbare Qualitätsmarke aufdrückte. Wenn es also im Marketing zu Attack the Block heißt „Von den Produzenten von Shaun of the Dead“ – neben Park produzierte hier Wright ausführend mit – dann soll das die „Kult“-Erwartungen mächtig ankurbeln – und das völlig zurecht:

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Denn der Debütfilm des britischen TV-Moderators Joe Cornish, der neben der Regie auch das Drehbuch schrieb, zeichnet sich von der ersten Minute an durch sicheres Gespür für Timing, Dichte und Dramaturgie aus:  Die Krankenschwester Sam (Jodie Whittaker, The Girls of St.Trinian, 2007) will abends eigentlich nur nach Hause, als sie in einer abgelegenen Straße in Süd-London von einer Gang von Jugendlichen angegriffen wird. Doch den Überfall unterbricht ein in ein parkendes Auto krachender Meteorit. Als Bandenchef Moses (John Boyega) das Wrack nach Verwertbarem durchsucht, wird er von einem Außerirdischen angegriffen. Dabei hat das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt einfach nur Pech – denn die Londoner Jung-Gangsta machen kurzen Prozess, erschlagen es und schleifen es als Trophäe nach Hause – in den Block. Der Block, ein monumental in Szene gesetzter Sozialbau, ist Fixpunkt der Welt der Protagonisten, ein Bollwerk gegen die restliche Welt, ein Mikrokosmos mit eigenen Regeln und identitätsstiftender Wirkung. Dabei werden soziale Zustände, Ghettoisierung, Unterschichtenbilder und Geschlechterrollenmuster deutlich, jedoch unaufdringlich und fast beiläufig ins Bild gerückt und bilden so die Basis für den hintergründigen metaphorischen Subtext, der einen wesentlichen Reiz von Attack the Block ausmacht.

Ein anderer Erfolgsfaktor dürfte der recht absurde Humor sein: Für Moses und seine Jungs ist ein Monster aus dem All nichts Besonderes. Der Konsum sämtlicher popkulturell-medialer Bilder der letzten vierzig Jahre durch die jungen Protagonisten wird hier einfach unterstellt – wie sich an einer Ghostbusters-Referenz im Dialog zeigt. Und mit dem dauerkiffenden Ron – in erprobter Manier hier Nick Frost – werden natürlich Pläne geschmiedet, wie man die Trophäe zum sozialen Aufstieg nutzen kann. Doch die Ruhe währt nur kurz, denn einen Augenblick später ist die richtige Alien-Invasion in vollem Gange. Da die zahlreichen zähnefletschenden Monstren offensichtlich nur die Vernichtung der Gang und die Zerstörung des Blocks im Sinn haben, ist Krieg angesagt. Ohne zu zögern, ziehen die Jungs los, um alle Invasoren zu töten.  Aus jugendlichem Übermut wird rasch ein Kampf ums Überleben, denn die Bestien beginnen die Gang zu dezimieren. Was nun folgt ist eine temporeiche,  ausgewogene Mischung aus Thrill- , Gore- und  Slapstickelementen, flankiert von flotten Sprüchen.

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Im Subtext geht es in Attack the Block freilich um noch viel mehr:  die genretypische Verteidigung der Welt gerät hier zur Verteidigung des Blocks und damit zur Verteidigung des Selbstverständnisses einer an sich recht trostlosen Generation von Jugendlichen am unteren Rand des sozialen Spektrums. Dabei gelingt Cornish eine völlig unverkrampfte satirische Bestandsaufnahme dessen, was derzeit Spezialisten bei der Ursachenanalyse der aktuellen Jugendkrawalle in englischen Städten rätseln lässt: Sowohl der anfängliche Überfall auf die Krankenschwester wie auch der Verteidigungskrieg gegen die Aliens können vor allem als Reaktionen auf stigmatisierendes Desinteresse gelesen werden, das die übrige Gesellschaft außerhalb des Blocks den Ghettokids entgegenbringt – hier etwa verdeutlicht durch die Reaktion der Polizei, die Sams Anzeige entgegennimmt. Die Opfer dieser dem reaktiven Aktionismus entspringenden Gewalt sind dabei zunächst beliebig, egal ob wehrlose Frau auf der Straße oder eine Horde von Außerirdischen, die es grundsätzlich erst mal platt zu machen gilt.

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Dass die Krankenschwester Sam – die ebenfalls im Block wohnt – sich mit der Gang zusammentun muss, um zu überleben, ist gut konstruiert, denn durch sie bekommt der Zuschauer einen Blick aus Opfersicht auf die mentale Verfassung der Jung-Ganoven, allen voran auf Gang-Leader Moses, überzeugend gespielt von Schauspieldebütant John Boyega: Denn Moses, der introvertierte, emotional unausgeglichene 15-jährige Kriminelle muss plötzlich die Verantwortung für die Gruppe und den Block übernehmen. Er kann daran wachsen und so beweisen, dass auch üble Ghettokids gute Menschen sein können. Da für diesen Film aber überraschende Twists signifikant sind, bleibt eine so banale Erkenntnis natürlich nicht stehen, sondern wird in Cornish’s Ignoranzkritik eingebunden: Denn in dem Augenblick – soviel sei verraten –, als Moses schließlich die Aliens restlos vernichtet, Freunde und Block gerettet hat und selbst nur überlebt, weil er sich an einen vom Balkon herabhängenden Union-Jack klammert, schlägt die Gesellschaft in Gestalt der Polizei zu, um Moses zu verhaften. Und wer glaubt schon kriminellen Jugendlichen, wenn sie die Spur der Verwüstung damit rechtfertigen, sie hätten die Welt vor einer Alieninvasion gerettet. 

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Doch alle Sozialkritik kann eine Satire nicht tragen, wenn nicht die anderen Elemente – wie hier – ebenfalls stimmen. Die gekonnte, fein austarierte Mischung zwischen coolen Sprüchen, schneller Action, schrägem Humor und seiner subtilen Doppelbödigkeit dürfte für das großartige Gelingen von Attack the Block wesentlich sein. Das Potenzial zum Kultfilm jedenfalls ist da.

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