Tao Jie - Ein einfaches Leben

As large as life. In ihrem Drama über einen Filmproduzenten und seine Ersatzmutter verwechselt Ann Hui Menschlichkeit nicht mit Sentimentalität.

Cameos werden oft als kleine Spektakel inszeniert. Die kurzen, mit einem deutlichen Augenzwinkern versehenen Gastauftritte von Prominenten sollen dabei vor allem eines: nicht übersehen werden. Es gibt aber auch Cameos, die mit ihrem Understatement kokettieren. Wenn der taiwanesische Filmemacher Tsai Ming Liang in Der Fluß (He liu, 1997) eine Filmregisseurin bei der Arbeit zeigt, erkennen wohl nur Insider, dass es sich hierbei um Ann Hui handelt, die Grande Dame des Hongkong-Kinos. Seit über dreißig Jahren dreht Hui nun schon Filme, die sich eindeutigen Genrezuschreibungen entziehen und sowohl größere Studioproduktionen, als auch kleinere Independentfilme umfassen. Und so unaufdringlich wie ihr Cameo sind häufig auch ihre Regiearbeiten inszeniert.

Eine Beziehung, die über Essen funktioniert

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In ihrem letzten Film Tao Jie – Ein einfaches Leben verhält es sich nun genau umgekehrt. Diesmal ist es Hui, die gleich mehrere Filmgrößen aus Hongkong sich selbst spielen lässt. Und auch hier wird auf großes Tamtam verzichet. Vielmehr entwickeln sich die Gastauftritte großer Regisseure wie Tsui Hark und Sammo Hung organisch aus der Handlung. Legitimiert werden sie durch den pragmatischen Versuch, das Arbeitsumfeld des Protagonisten authentisch darzustellen. Basierend auf den Erinnerungen des Produzenten Roger Lee erzählt Hui von der innigen Beziehung zwischen dem ewigen Junggesellen Roger (Andy Lau) und dem Hausmädchen Ah Tao (Deannie Yip), das seit über sechzig Jahen im Dienst seiner Familie steht. Im Gegensatz zu seinen Eltern ist Roger nicht in die USA gegangen, sondern in Hongkong geblieben, wo er sich immer noch regelmäßig von seiner Angestellten bekochen lässt.

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Die Beziehung zwischen den beiden funktioniert zunächst vor allem übers Essen. Kulinarische Wünsche werden geäußert, ausgefeilte Menüs gekocht und die Kreationen anschließend stumm verschlungen. Und die Köchin hat natürlich zu allem eine Meinung. Ochsenschwanz möchte sie Roger beispielsweise nicht zubereiten, weil man das ja nur isst, wenn man Probleme mit den Gefäßen hat. Auch als sich Ah Tao nach einem Schlaganfall zur Ruhe setzen will und in ein Wohnheim für Senioren zieht, besucht sie der „Patensohn“ regelmäßig, um mit ihr mal mehr, mal weniger befriedigende kulinarische Ausflüge zu unternehmen. Für jede Stimmung und jede Lebenslage scheint es das richtige Essen zu geben. Die täglichen Mahlzeiten sind in Tao Jie ein elementares gesellschaftliches Ritual, bei dem man zur Ruhe kommen kann, und mitunter sogar ein aufrichtiger Liebesbeweis. Nachdem der Erzählton des Films etwas ernster wird und Roger eine schwerwiegende Entscheidung treffen muss, tut er dies bezeichnenderweise, während er einen Becher Instant-Nudeln verzehrt.

Das Leben, an den Rändern der Handlung

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Nicht nur wenns ums Essen geht, beweist Hui ein leidenschaftliches Interesse für vermeintliche Nebensächlichkeiten. Nicht minder ausführlich widmet sie sich auch dem lebhaften Treiben im Seniorenheim, den präzise gezeichneten Nebenfiguren, die hinsichtlich der Handlungsökonomie eigentlich keine Funktion haben, oder den ungewöhnlich entspannten Geschäftstreffen, die eher informelle Plaudereien mit – natürlich – reichlich Essen sind. Die Handlung ist für Hui kein luftdicht verschlossenes Konstrukt, sondern lässt an den Rändern auch das Leben hinein. So weist Tao Jie zwar Züge eines Melodrams auf, entzieht sich dieser einengenden Zuschreibung aber immer wieder, weil er naheliegende dramatische Zuspitzungen vermeidet. Hui wirkt wie ein Fels in der Brandung des Arthouse-Mainstreams, wenn sie versucht, ihre Geschichte jenseits des Formelhaften zu erzählen. So werden etwa Roger und Ah Tao, die beide trotz fortgeschrittenen Alters keinen Lebenspartner haben, von einer spürbaren, wenn auch nicht pathologischen Einsamkeit verbunden. Und obwohl es so scheint, als wäre ein rüstiger Schürzenjäger das perfekte love interest für Ah Tao, sieht der Film seine Aufgabe nicht darin, die Protagonisten unter die Haube zu bringen. Tao Jie passt sich den Bedürfnissen seiner Figuren an, nicht geläufigen dramaturgischen Anforderungen.

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In den falschen Händen wäre so ein Film wohl schnell zum wehleidigen Rührstück verkommen. Aber Hui verwechselt Menschlichkeit nicht mit Sentimentalität und erzählt stattdessen auf sehr zarte Weise, wie man in Würde altern kann. Die unerfreulichen Begleiterscheinungen dieses Prozesses wie die qualvolle Erkenntnis, dass ein geliebter Mensch langsam abbaut, inszeniert Hui nicht als große Ungerechtigkeit der Natur, sondern als eine Entwicklung, die zwar schmerzvoll ist, an der wir aber nichts ändern können. Deshalb lehnen sich ihre beiden Protagonisten erst gar nicht gegen die Zeit auf. Selbst wenn Ah Tao bewegunglos im Rollstuhl sitzt und ihr der Kopf schon zur Seite wegkippt, bleibt der Optimismus des Paares ungebrochen.

Eine fragile soziale Ordnung

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Interessant ist die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren auch, weil sie trotz des Klassenunterschiedes auf Augenhöhe stattfindet. Das hat auch damit zu tun, dass die gesellschaftliche Ordnung in Tao Jie sehr fragil ist. Die tatsächliche Herkunft lässt sich oft nicht feststellen, weil sich die Figuren absichtlich oder unabsichtlich einer sozialen Maskerade bedienen. Während Ah Tao im Altenheim aus Scham ihren wahren Beruf verheimlicht, wird der erfolgreiche Filmproduzent Roger aufgrund seines legeren Kleidungsstils mit dem Klempner verwechselt. Dass die Menschen nicht immer das sind, was sie scheinen, lässt sich bezüglich des Hauptdarstellers sogar auf eine selbstreflexive Ebene übertragen. Seine erste größere Rolle spielte Andy Lau in Huis Boat People (Tau ban no hoi, 1982). Heute ist er als Sänger, Schauspieler, Produzent und Moderator einer der größten Superstars Asiens. Da erscheint es wie eine leise Ironie, dass in einem Film voller Cameos ausgerechnet das bekannteste Gesicht inkognito ist.

Trailer zu „Tao Jie - Ein einfaches Leben“


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