The Wire

Die erste Staffel der monumentalen Fernsehserie erscheint endlich auf DVD.

The Wire

Das goldene Zeitalter der amerikanischen Fernsehserie setzt sich einigen Unkenrufen zum Trotz fort. Neuere Formate wie Mad Men oder Breaking Bad, jüngst der Serienstart von Frank Darabonts Zombiesaga The Walking Dead (alle produziert für den Kabelkanal AMC) zeigen das nachdrücklich und verweisen außerdem darauf, dass der Pay-TV-Sender HBO nicht mehr länger die einzige oder auch nur die zentrale Anlaufstelle für „Quality TV“ ist. Eine DVD-Veröffentlichung erlaubt deutschen Zuschauern nun einen Blick zurück in die glorreiche Vergangenheit des Bezahlsenders. The Wire ist neben der Mafiasaga The Sopranos wohl diejenige Serie, die die Versprechungen des neuen, epischen Erzählfernsehens am eindrücklichsten eingelöst hat. Über fünf Staffeln entwickelt Creator David Simon ein Soziogramm sowie eine alternative Kartografie der strukturschwachen ehemaligen Industriestadt Baltimore. Eine Polizeiserie ist The Wire dabei nur nominell, wobei die erste, jetzt auch hierzulande verfügbare Staffel noch am ehesten in diesem Genre einzuordnen ist.

Von Anfang an steht der Kampf gegen das Drogenproblem im Mittelpunkt. The Wire verfolgt in der ersten Staffel diese Auseinandersetzung aus drei Perspektiven: Polizei, Dealer, Süchtige. Den Leiden des alternden Junkies Bubbles wird genau dieselbe Aufmerksamkeit gewidmet wie D’Angelo Barksdale (Larry Gilliard Jr.), einem Drogendealer mit Gewissensbissen, oder dem trinkfesten Polizisten Jimmy McNulty (Dominic West). Dramatische Höhepunkte oder Cliffhanger am Ende einer jeden Folge sucht man vergebens, die einzelne Episode ist Romankapitel, nicht Teaser für die nächste Woche. Der tatsächliche Umfang des Projekts wird erst in der zweiten und dritten Staffel deutlich werden: Eine ganze Stadt wird neu zusammengesetzt. Unter anderem beschäftigt sich The Wire mit einer korrupten Hafengewerkschaft, die zweite Staffel wird zu einem epischen, melancholischen Abgesang auf die amerikanische Arbeiterschaft. Wenn in der dritten Staffel die Karriere eines aufstrebenden Jungpolitikers begleitet wird, offenbart sich endgültig: David Simon geht aufs Ganze in The Wire. Was jetzt in den DVD-Regalen vorliegt, ist also lediglich das Fundament. Aber schon dieses Fundament alleine ist dichter, komplexer und ehrlicher als fast alles, was die Kinoleinwände dieser Welt zu bieten haben.

Erstaunlich ist vor allem der undramatische Erzählmodus. Die Erzählstränge werden in The Wire nie fein säuberlich aufeinander abgestimmt und per Drehbuchkniff zusammengeführt. Mehrdimensional und polyvalent ist die Serie zuerst aus Respekt vor dem mehrdimensionalen und polyvalenten Material, mit dem sie sich beschäftigt. Konsequenterweise verzichtet sie auf erzählerische Extravaganzen wie verschachtelte Rückblenden, Splitscreentechnik oder Ähnliches, womit andere Qualitätsserien der letzten Jahre glänzten. The Wire entwickelt sein urbanes Universum mehrstimmig linear, in gleichmäßiger, vor allen Dingen nie hektischer Geschwindigkeit.

Fernsehen nicht als Spiegel der Gesellschaft, sondern als konstruktivistische Reflexion: The Wire konstruiert soziale Räume von Grund auf neu. Das Baltimore von David Simon und Ed Burns ist keines, das von vornherein gegeben ist und darauf wartet, mit Melodrama und Verbrechen aufgefüllt zu werden. Ganz im Gegenteil: Die Stadt wird erst hervorgebracht durch die Blickkontakte zwischen Dealern und Kunden, durch die Streifenfahrten der Polizisten, durch die Wahlkampfbemühungen der Politiker sowie durch zahllose andere soziale Aktivitäten. Ein ganz und gar synthetisches und gleichzeitig im besten Sinne realistisches Baltimore entsteht Stück für Stück, Folge für Folge, Staffel für Staffel.

The Wire – Die komplette erste Staffel (USA 2002)

Warner

DVD-Verkauf ab: 12.11.2010

 

Kommentare zu „The Wire“


Christy

I bow down hubmly in the presence of such greatness.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.