Ich, ein Faschist?

Ein Artikel auf Spiegel Online erhebt den Vorwurf, die diesjährige Woche der Kritik habe einen gefährlichen Begriff von politischem Filmemachen. Eine Replik von Nino Klingler gegen den dialektischen Holzhammer, mit dem man heutzutage nicht mehr viel erklären, aber einigen Schaden anrichten kann.

Konferenz Lost in Politics 1  Bild Manuel Schaefer

Huch! Hannah Pilarczyk unterstellt mir in einem Artikel auf Spiegel Online doch glatt Nähe zu faschistischem Denken. Wie konnte das passieren? Anlass war ein Vortrag, den ich auf der Konferenz „Lost in Politics“ zum Auftakt der diesjährigen Woche der Kritik gehalten habe. Bei der Veranstaltung ging es um den Stand des politischen Filmemachens, genauer gesagt um eine kritische Auseinandersetzung mit einer Form von politischem Kino, die auf A-Festivals derzeit hoch im Kurs steht. Filme wie I, Daniel Blake oder Seefeuer, Filme, die stark von ihren Themen und weniger von ihren ästhetischen Ideen her gedacht und diskutiert werden – und mit denen ich Probleme habe. Die ganze Veranstaltung kann man sich hier anschauen.

Wer ihren Artikel liest, merkt gleich, dass Pilarczyk große Probleme mit der Gesamtausrichtung der Veranstaltung hatte – ganz besonders sauer aber aufgestoßen ist ihr ein Teil meines (auf Englisch gehaltenen) Vortrags, in dem ich „straight answers“ auf mir komplex erscheinende politische Realitäten eine Absage erteile. Ich meine, dass Filme zu politischen Themen, die ihre Welt schön simpel in Gruppen, meist in die Guten und die Bösen, einteilen, für mich unbefriedigende Lösungen auf schwierige Fragen anbieten. Sie tragen dazu bei, dass die Gräben tiefer werden.

Pilarczyk hat dazu Folgendes zu sagen:

Wer komplizierte Antworten auf sehr klare politische Konflikte fordert, der setzt der Politisierung der Kunst die Ästhetisierung der Politik entgegen. Und das führt ziemlich direkt zu Walter Benjamin, der in „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ schrieb: „So steht es um die Ästhetisierung der Politik, welche der Faschismus betreibt. Der Kommunismus antwortet ihm mit der Politisierung der Kunst.“

Erst einmal wird mir schwindelig dabei, wie hier dialektisch vom Hölzchen aufs Stöckchen gesprungen wird, aber am Ende steht der Vorwurf da: Wer gegen einfache Antworten ist, betreibt Faschismus.

Konferenz Lost in Politics  Bild Manuel Schaefer

Halten wir uns mal nicht damit auf, dass das Gegenteil von „einfach“ nicht unbedingt „kompliziert“ sein muss – wie wäre es denn mit „schwierig“, „unbequem“, „unerwartet“, von mir aus auch „komplex“? Wenn ich Pilarczyk aber richtig verstehe, dann ist für sie politische Kunst in erster Linie eine, die klar Stellung bezieht und sich deutlich mitteilt. Komplizierte Antworten führen in dieser Logik offenbar zu einer Entpolitisierung der Kunst. Ihr Feindbegriff scheint mir dabei das „L’art pour l’art“ zu sein, dem ich in ihren Augen wohl das Wort redete. Für mich schwingt da implizit ein ästhetikfeindliches Denken mit. Ein Denken, das den Term „kompliziert“ in etwa gleichsetzt mit so etwas wie „ornamental“ oder „verkopft“ – Begriffe, die gerne eingesetzt werden, um vermeintlich schwer zugängliche, „elitäre“, nicht-volksnahe Kunst zu kritisieren. Auch das hat historische Vorläufer.

Gänzlich schleierhaft ist mir jedoch, wie aus der unterstellten „Entpolitisierung der Ästhetik“ ein implizites Eintreten für eine „Ästhetisierung der Politik“ folgen soll. Das ist so abstrakt und verkürzt, dass es reinste Behauptung wird. Also: Wenn du gegen Dheepan bist, dann bist du pro Leni Riefenstahl. Ich erlaube mir mal eine Gegenfrage: Gibt es denn eine Politik, die keine ästhetische Dimension entfaltet? Oder nochmal anders: Ist denn der Einsatz von Gaming- und Musikclipästhetik in IS-Videos nun Politisierung der Ästhetik oder Ästhetisierung von Politik? Mir scheint, dass man mit diesen Schemata heute nicht mehr weit kommt. Wenn Pilarczyk aber glaubt, unsere heutige Situation sei noch mit den Begriffen der Systemkonfrontation von Kommunismus und Faschismus zu fassen (wobei der Kapitalismus hier eigenartig unerwähnt bleibt), dann ist das gerade die Art von groben Vereinfachungen, die mich unzufrieden zurücklassen.

Was sind denn die unausgesprochenen Implikationen von Pilarczyks Verlangen nach einfachen Antworten auf klare politische Probleme? Wer gibt denn heutzutage einfache Antworten, und wen sprechen sie an?

Ich grüble derweil, wie es zu dieser Anschuldigung gekommen ist. Es wird zumindest nicht dadurch besser, dass Pilarczyk direkt im Anschluss an die hier diskutierte Passage selbst zurückrudert – solch ein Vorwurf, einmal ausgesprochen, bleibt doch stehen. Immerhin erschien der Artikel auf Deutschlands größtem Nachrichtenportal. Es ist auch etwas anderes, an einem Film ein bisschen was gut und einiges schlecht zu finden, und jemanden als ein bisschen faschistisch und dann wieder doch nicht so ganz hinzustellen.

Konferenz Lost in Politics 2  Bild Manuel Schaefer

Zum Schluss: Ja, ich glaube, es gibt eine Gattung ganz klarer, ja selbstverständlicher Antworten auf das politische Tohuwabohu, in dem wir uns gerade befinden. Aber mir scheinen diese momentan eher auf der Ebene des Gefühls, des Affekts aufzuspüren als auf der Ebene der Sprachlichkeit. Schlicht gesagt: Mich frustriert, dass es mir derzeit so unheimlich schwer fällt, moralische Intuitionen und Gefühle in klare politische Aussagen zu überführen. Genau deswegen sind sie vor allem für den Film mit seinen vielfältigen Affizierungsmöglichkeiten wichtig. Ich gräme mich, dass ich darauf in meinem Vortrag nicht eingegangen bin – ich wollte, aber dann wäre es zu lange geworden.

Ich denke, ein Empfinden für Recht und Unrecht, für Falsch und Richtig, entspringt oft einem quasi körperlichen Impuls, den man spürt oder nicht. Und solche Impulse können sich, glaube ich, auf dem Feld der Kunst auf unendlich viele Arten kommunizieren – auf unmittelbare, auf indirekte, unvorhergesehene und meinetwegen auch auf komplizierte. Aber man muss achtgeben, dass diese Anspracheformen des Affekts nicht zweckentfremdet, nicht leichtfertig getriggert werden. Weil das gefährlich ist. Und aus dieser Vorsicht rührt mein vielleicht hoher Anspruch an eine politische Ästhetik.

PS: Beim Schreiben dieses Textes fiel mir eine Szene aus einer meiner Lieblingsserien, der britischen Comedy Yes, Minister, wieder ein. Und siehe da: Ich bin ertappt. Vielleicht bin ich ja ein Mega-Bürokrat wie Sir Humphrey, der sich allein beim Gedanken an „straight answers“ auf politische Fragen windet. Vielleicht verwechsele ich ja die Begriffe von Politik und Verwaltung. Und wer zu viel Bürokratie will, ist schnell verdächtig, oder?

Kommentare zu „Ich, ein Faschist?“


Reini Urban

Oje, bitte einfach ignorieren. Die letzten 2 Absätze im Spiegel wären von jedem kompetenten Editor herausgestrichen worden. Wahrscheinlich hat er geschlafen.






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