The Dark Knight
Christopher Nolans zweiter Batman-Film ist ein fulminantes Stück Kino, das sich manchmal seiner eigenen Brillanz zu sicher ist. Vor allem aber ist er eine Spielwiese für einen atemberaubend agierenden Heath Ledger.
Der Mann mit dem nachlässig geschminkten Clownsgesicht kommt gemessenen Schritts aus dem Gebäude gelaufen, einem Krankenhaus. Er holt eine handtellergroße Fernbedienung aus der Tasche und drückt auf einen Knopf. Es knallt ein bisschen, Rauch kommt aus den Fenstern, aber das kann doch nicht alles gewesen sein? Der Joker bleibt stehen, setzt einen Gesichtsausdruck auf, den man vielleicht als ironisch besorgt bezeichnen könnte, macht sich noch ein wenig an den Knöpfen zu schaffen, schüttelt den Kopf, schmatzt. Es ist ein Kabinettstückchen des kürzlich verstorbenen Schauspielers Heath Ledger, der diesen Joker mit schier überwältigender Energie spielt. Als, am Ende dieser Szene, endlich der große Knall kommt, nimmt er ihn schulterzuckend entgegen, für das Publikum aber ist die Explosion des Krankenhauses einer der (zahlreichen) Höhepunkte von The Dark Knight. Ein anerkennendes Lachen geht durch den mit Filmkritikern und jungen Batman-Fans besetzten Kinosaal, „Boah“-Rufe werden laut, wie man sie schon lange nicht mehr während einer Filmvorführung gehört hat.
Christopher Nolan hat mit Batman Begins vor drei Jahren eine Neubestimmung der 1989 von Tim Burton begonnenen Serie eingeleitet, und setzt sie mit The Dark Knight konsequent fort. Er führt seinen Helden ein gutes Stück aus dem Comic-Universum sonstiger Superheldenfilme heraus und ein wenig hinein in die wirkliche Welt. Gleich zu Anfang fängt die Kamera demonstrativ die Wunden, Schrammen und blauen Flecken ein, die Bruce Wayne sich bei der ersten Prügelei zugezogen hat. Wie schon im Vorgänger sieht Gotham City auch hier aus wie eine ganz normale Großstadt (wie Chicago, um genau zu sein).
Diesem vermeintlichen Realismus entgegengesetzt sind die außergewöhnlich schnell und unübersichtlich choreographierten Action-Sequenzen. In jedem Kampf, in jeder Verfolgungsjagd – und davon gibt es einige – wird ein Schnittfeuerwerk abgebrannt. Faustschläge kommen aus dem Dunkeln und enden auch dort, Bewegungen werden zerhackt in kaum zu zählende Einzelteile, gefilmt aus absurd vielen Perspektiven. Umso eindeutiger wird hingegen der Diskurs über Terror und die richtigen Mittel zu seiner Abwehr geführt, der mehrfach auf die aktuelle politische Lage verweist – zuweilen mehr als dem Film gut tut.
Ob es um die Frage der Folter geht, um die Überwachung der Telekommunikation oder um die visuelle Nachahmung der schockierenden Geiselvideos aus dem Irak: Nolan überzieht seinen Film mit einem Zeichensystem, das es späteren Generationen leicht machen dürfte, The Dark Knight als Kind seiner Zeit zu interpretieren. Wenngleich das vom Regisseur und seinem Bruder Jonathan verfasste Drehbuch keineswegs so tiefgründig ist, wie es vorgibt zu sein. Es kreist schlicht um die Frage, wieviel Freiheit beim Kampf gegen das Böse auf der Strecke bleibt, und es tut das einigermaßen penetrant. „Du bist kurz davor, die eine Regel zu verletzen“, sagt der Joker einmal zu Batman, als dieser aus ihm herausprügelt, wo seine frühere Freundin Rachel (Maggie Gyllenhaal übernimmt die Rolle von Katie Holmes) und der ebenfalls entführte Staatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart) versteckt gehalten werden. Eine Grenze, die in Batman Begins noch eingehalten wurde, ist hier überschritten – und wird ganz am Ende in einem etwas melodramatischen Moment erneut gezogen, in dem der Glaube an das Gute im Menschen wieder hergestellt wird.
The Dark Knight mag düster sein, hoffnungslos ist er nicht. Auch wenn der Joker das gern hätte. Sein Streben zielt verstörender Weise auf kein eigennütziges Ergebnis (in einer Szene verbrennt er eine absurd riesige Menge Geldscheine, die wie zu einem Scheiterhaufen aufgetürmt sind). Er will auch nicht nur Chaos anrichten. Er will vielmehr beweisen, dass der Mensch schlecht ist. Kern seiner terroristischen Anschläge sind moralische Dilemmata, in die er die Helden bringt, wobei die zwei größten sich in ihrer Anlage sehr deutlich spiegeln – und sogar ziemlich redundant wirken.
Solch Inkonsequenz in der Handlung übersieht man, weil Ledgers Vorstellung den gesamten Film überstrahlt. Sein krankhaftes Schmatzen, das Zucken mit dem Kopf, die gelben Zähne, die hervorschnellende Zunge und das Lecken der Lippen – die gesamte brillante Unruhe, die sein Spiel in den Film bringt, führt dazu, dass sogar die Brutalität des Gangsters Beifall erhält. Als der Joker einem Mann einen Stift in den Kopf jagt, gibt es Szenenapplaus. Dieser charismatische Sadismus buhlt förmlich um Aufmerksamkeit. Vielleicht ist der Film in all seiner kalkulierten Verführungskraft selbst eine moralische Falle. Christian Bale gibt Batman wieder als beeindruckend kühl-asketischen Charakter, hat der Spielfreude von Ledger jedoch nichts entgegenzusetzen.
Der Rest ist vor allem anderen eine äußerst geschickte Vereinnahmung bewährter filmischer Konzepte. Fühlt man sich in der Eingangssequenz, einem brutalen Banküberfall, stark an Michael Manns Heat (1995) erinnert, führt aus einer Verfolgungsjagd durch Gotham City eine direkte Achse zu Das Imperium schlägt zurück (Star Wars: The Empire Strikes Back, 1980) und der berühmten Szene, in der Luke Skywalker mit einem Trick eine der riesigen Geher-Kriegsmaschinen zu Fall bringt. Und dann ist da noch der Moment, in dem Police Lieutenant Gordon (Gary Oldman erneut als die Aufrichtigkeit in Person) den Joker verhört. Dessen Gesicht schält sich aus dem Dunkel wie das von Marlon Brando in Apocalypse Now (1979), nur dass statt des dämonischen Glatzkopfes die bekannte schief geschminkte Fratze zum Vorschein kommt. Es ist eine starke Szene, auch deshalb, weil Nolan es nicht beim Zitat belässt, sondern dem Dunkel im Hintergrund seine eigene Rolle zuschreibt, als Heimat des titelgebenden dunklen Ritters.
Kritik von Thorsten Funke
Fotos: © Warner Bros.
Veröffentlicht am 04.08.2008
Film-Angaben:
Titel: The Dark Knight (The Dark Knight)
USA 2008
Laufzeit: 152 Minuten
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
Basierend auf den Batman-Charakteren von: Bob Kane
Produktion: Charles Roven, Emma Thomas, Christopher Nolan
Darsteller: Christian Bale, Heath Ledger, Michael Caine, Gary Oldman, Aaron Eckhart, Maggie Gyllenhaal, Morgan Freeman
Kamera: Wally Pfister
Musik: Hans Zimmer, James Newton Howard
Schnitt: Lee Smith
Kinostart: 21.08.2008
Verwandte Filme:
- Batman Begins - USA 2005; Regie: Christopher Nolan
DVD-Angaben:
Titel: The Dark Knight
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Spanisch, Englisch für Hörgeschädigte, Norwegisch, Niederländisch, Finnisch, Schwedisch, Dänisch, Portugiesisch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 147 Minuten
Extras: Kino-Trailer
auf der Special-Edition und der Collectors-Edition (nur Kauf-DVD, erstere im Steelbook) sind zusätzlich folgende Extras: The Dark Knight - Die IMAX® Sequenzen (Der Prolog, Hongkong, Die Panzer-Verfolgungsjagd, Der Lamborghini-Crash, Das Prewitt Building, The Dark Knight), Fotogalerie: Die Jokerkarten, Konzeptskizzen, Die Kinoplakate, Making Of: GOTHAM TONIGHT (Episode 1: Wahlnacht, Episode 2: Milliardär ohne Ziel, Episode 3: Eskalation, Episode 4: Spitzen-Cop, Episode 5: Cops und Gangster, Episode 6: Gothams Weißer Ritter), Gotham wird enthüllt: Die Entstehung einer Szene (Die Verfolgungsjagd, Die Live-Drehs bei THE DARK KNIGHT, Die Weiterentwicklung des Dark Knights, Dreharbeiten einer neuen Dimension, Der Sound der Anarchie), TV Spots: Anarchy, Alter Ego, Aggressive Expansion, One Rule, Avenge, Madness, Easter Egg
Verleih ab: 22.12.2008
Verkauf ab: 22.12.2008
Kommentare
stefan aus Wien
Montag, 04-01-10 23:45
Bruce Lee
Samstag, 05-09-09 03:20
was vergessen. Hier wurde erwähnt das noch nie eine solche Grossartige Darsterlerische Darbietung wie vom Ledger gesehen wurde. Also wenn Johny depp oder Robert deniro die meiner Meinung nach die wahren Schauspiel Grössen Hollywoods sind den Joker gespielt hätten. dann hätten die dwen Ledger alt aussehen gelassen. Heath Ledger ist meiner Meinung nach ein Mittelständiger Schauspieler gewesen selbst mehr ...
Bruce Lee
Samstag, 05-09-09 03:06
Bale der wohl schlechteste Batman denn ich gesehen hab. Der beste ist und bleibt Michael Keaton. Heath ledger, hat, so seh ich es nur nach seinem Tod so einen Ehrung bekommen. Nicholson war für mich der bessere Joker. Der Film versucht Krampfhaft Real zu wirken. Es scheint aber eher ein thriller zu sein als eine Comic Verfilmung. Zur Story will ich nichts sagen war meiner Meinung nach fürn Arsch. mehr ...
genial2
Samstag, 07-03-09 03:57
Doch noch was vergessen (auch wenn ich glaube dass das hier eh keiner mehr liest fühl ich mich verpflichtet^^) ICh muss einfach noch die einwandfreie "GEschichtenerzählung" loben! In 150 min!! habe ich nicht einmal den Faden verloren oder mich gelangweilt. Dabei war die Gefahr sehr groß es gab schliesslich massig Figuren ich zähle allein 4 (Batman, Gordon, Dent, Joker) Hauptpersonen die gegenseitig mehr ...
genial
Samstag, 07-03-09 03:45
Ich habe den Film erst jetzt im Billigkino gesehn, bereue es aber zutiefst. Für diesen Film hätte ich seid lange mal wieder gern (für einen Aktonfilm) 10 Euro bezahlt um seiner filmischen Qualität gerecht zu werden. ICh verstehe ja durchaus die Ansätze die hier in der Kritik vorkamen und in den KOmmentaren (Bsp Dents "plötzliche" Entwicklung) jedoch sollte jedem klar sein das es immernoch eine mehr ...
laZee
Montag, 08-09-08 01:12
Ines: In der genannten Szene kommt der Applaus schon wegen einer Kombination von Umständen. Es ist der erste echte Auftritt vom Joker, man sieht endlich Heath Ledger in seiner letzten Rolle, man erwartet irgendwas von der Figur und die erste, echte Aktion ist der "Zaubertrick" mit dem Stift-verschwindenlassen. Hier wird die Brutalität zusammengeführt mit Humor und dem ersten großen Heath Ledger mehr ...
rene
Dienstag, 02-09-08 14:14
ich fand den Film bisweilen ein wenig problematisch. Habe eine ganz gute Kritik gefunden der ich recht zustimmen musste. Vor allem was diese moralisch/politische Komponente des Films anbelangt... hier kann man sie nachlesen
Lutz aus Berlin
Sonntag, 31-08-08 23:51
Hab das auch erst als Widerspruch empfunden, was Jens da anspricht. Aber inzwischen denk ich, dass der Joker einfach gern mit Worten jongliert und etwas selbstverliebt ist und dass es ihm weniger um die "Pläneschmiede und das Chaos" geht als vielmehr um die Frage, ob die Moral in Extremsituationen versagt, ja oder nein. Er will wohl aus irgendeinem unerfindlichen Grund (in der Frage wirkt die ganze mehr ...
Jens Berger
Montag, 25-08-08 02:20
Toller Film, mich quält jedoch ein widerspruch, natürlich in der figur des joker. Am Krankenbett von Harvey Dent gesteht er jeglicher Planbarkeit und Berechenbarkeit entgegen zustehen, denoch wirken alle seine Aktionen (der Banküberfall am Anfang, die Fährenaktion, Harvey Dents Fall) genaustens geplant. Ich weiss nun nicht wie ich das in der Fidur des Jokers unterbringen soll. Ist dieser Monolog mehr ...
Stephan aus Luxemburg
Donnerstag, 07-08-08 09:17
Treffende Kritik. Ich bin der Meinung, dass Batman nicht die nummer 1 von IMDB.com sein sollte, weil der Film nur bedingt eigeninspiriert ist. Trotzdem, eine Performance wie die des Jokers, der es schafft gefürchtet zu werden und uns zu faszinieren, der krank genial ist, und so was von gefährlich, hebt den Film doch sehr, sehr vom Hollywood-Allerlei ab. Ich war begeisterter von Shawshank Redemption, mehr ...
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Christian Bale der schlechteste Batman?! Bei allem Respekt,User Bruce Lee, der schlechteste Batman war George Clooney gefolgt von Val Kilmer! Ich bin schon Batman-Fan seit Kindheitsbeinen an, und die neuen Batman-Filme unter der Regie von Christopher Nolan haben endlich wieder das düstere Element, dass zu Batman gehört! Die schlechtesten Batman-Filme waren die Filme von Joel Schumacher mit mehr ...