Love Exposure
Love Exposure (Ai no mukidashi) war ein heimlicher aber lauter Kritikerliebling bei der diesjährigen Berlinale. Noch während des Festivals verkündete Rapid Eye Movies nachvollziehbar stolz, dieses Juwel ins Programm genommen zu haben.
Der Choral, nimmt gar kein Ende. Irgendwann geht er in Ravels „Bolero“ über. Den werden wir noch öfter hören. Die locker halbstündige Exposition von Love Exposure lockt lustvoll und genüsslich auf die falsche Fährte. Tod, Trauer, düstere Kirche und flackernde Kerzen. Alles bedächtig und doch irgendwie schwer. Aber dann geht es erst so richtig los. Waise Yu kann nur noch über die Beichte mit seinem verwitweten katholischen Vater kommunizieren. Als Beinahe-Heiliger hat man da nicht viel zu erzählen, was den elterlichen Priester erzürnen lässt. Also erfindet der brave Sohn zunehmend Verfehlungen, was aber nur die halbe Miete ist. Das wahre Sündigen ist ein erster Schritt, vervollkommnet wird die Aktion im pornographischen Gestus: Nach einem genreparodistischen buddhistisch gefärbten Kung-Fu-Training avanciert Yu zum akrobatischen König der Spanner-Fotografen. Unter dem Rock liegt das Motiv.
Einmal auf moralischen Abwegen, offenbart sich das Dasein in all seinen unvorhersehbaren Verzweigungen. Das Banden-, Familien- und Geschlechtsleben ist ohnehin schon rasant und komplex; wild und ungebremst entfaltet es sich, als eine kriminelle religiöse Sekte und eine kämpferische Traumfrau in Jungfrauengestalt auftauchen.
Der Regisseur Sion Sono, hierzulande vor allem durch Exte – Hair Extensions (2006) auffällig geworden, sprüht nur so vor Ideenreichtum, Phantasie und Übermut, hat es sich vor allem offensichtlich von keinem Produzenten und Verleiher nehmen lassen, einen Autorenfilm im besten Sinne zu drehen. Der Rhythmus ist mehr als eigenwillig, die Länge exorbitant und einzelne Szenen – allen voran eine wunderbare Kastrationssequenz, über alle Maßen unkonform, eher positiv über das Ziel hinaus geschossen.
Mit Love Exposure hat Sion Sono einen so eigenwilligen wie beeindruckenden Kinobeitrag geschaffen, der im bisherigen Filmjahr absolut einsam an einem sehr attraktiven Rand steht.
Kritik von Sascha Keilholz
Fotos: © Phantom Film
Veröffentlicht am 03.03.2009
Film-Angaben:
Titel: Love Exposure (Ai no mukidashi)
Japan 2008
Laufzeit: 237 Minuten
Regie: Sion Sono
Drehbuch: Sion Sono
Produktion: Umekawa Haruo
Darsteller: Nishijima Takahiro, Mitsushima Hikari, Ando Sakura, Onoue Hiroyuki, Shimizu Yutaka, Nagaoka Tasuku, Hirosawa Sou, Genkaku Yûko, Nakamura Mami, Watanabe Makiko, Watabe Atsuro
Kamera: Tanikawa Sohei
Musik: Harada Tomohide
Schnitt: Ito Junichi
Kinostart: 13.08.2009
DVD-Angaben:
Titel: Love Exposure
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Japanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 237 Minuten
Extras: Laufzeit Bonusmaterial: ca. 45 Minuten Dokumentation zum Film; Deleted Scenes; Kinotrailer; Booklet
Verleih ab: 27.01.2010
Verkauf ab: 05.02.2010
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als ich hörte die Filmlänge beläuft sich auf beinahe 4 Stunden (auf die uncut Version von 6h wäre ich aber auch gespannt)dachte ich mir "Na dann aber Prostmahlzeit". Positiv überrascht stellte ich fest, dass der Film keines Falls langatmig gewesen ist. Klischeehaft betrachtet entspricht der Movie schon genau dem, was ich vom asiatischen Kino erwartet habe - ein durchgeknallter, sehr facettenreicher mehr ...