Zimt und Koriander

In digital veredelten Bildern zaubert der griechische Regisseur Tassos Boulmetis das Istanbul der 50er und das Athen der 60er Jahre auf die Leinwand und erzählt dabei die Geschichte eines in der Türkei lebenden Jungen, der gezwungen ist, mit seinen Eltern nach Griechenland auszuwandern.

Zimt und Koriander

„Zimt ist bittersüß, wie die Frauen“. Der griechisch stämmige Vassilis (Tassos Bandis), Inhaber eines Gewürzgeschäfts im Istanbul der 50er Jahre, weiht seinen achtjährigen Enkel Fanis (Markos Osse) nicht nur in die Geheimnisse der properen Anwendung von Gewürzen ein. Anhand der Genuss steigernden Mittel vermag er dem Jungen zudem in phantasievollen Allegorien Lebensweisheiten zu vermitteln. Nach Auffassung des Großvaters verschmelzen alle Gewürze zu einem magischen Kosmos, der auf Menschen eine übernatürliche Macht ausüben kann. Wer die Gesetzte dieses Kosmoses versteht, würde im wahren Leben gottgleich die Geschicke leiten können. So könne man etwa mit einem speziell zubereiteten Gericht die Liebe entflammen oder auch im Keim ersticken. Fanis’ Faszination von der Macht der Gewürze hält ein Leben lang an. Als Astronomieprofessor in Athen nimmt Fanis (Georges Corraface), der als Grieche mit seinen Eltern Anfang der 60er Jahre aus der Türkei vertrieben wurde, den bevorstehenden Besuch des in Istanbul zurückgebliebenen Großvaters zum Anlass die vergangenen fünfzig Jahre zu rekapitulieren.

Vergleichbar mit Giuseppe Tornatores Cinema Paradiso (Nuovo cinema Paradiso, 1989), in dem ein kinobesessener Knirps (Salvatore Cascio) und seine großväterliche Bezugsperson, der Filmvorführer Alfredo (Philippe Noiret), im Mittelpunkt der Erzählung stehen, widmet sich der Regisseur Tassos Boulmetis in Zimt und Koriander (Politiki Kouzina) der Geschichte einer lebenslangen Obsession. Fanis’ Leidenschaft für das Kochen stellt jedoch lediglich den Rahmen einer weitergehenden Auseinandersetzung mit Fragen nach Heimat und Identität dar. Wo Tornatore ausgehend von dem Porträt einer sizilianischen Dorfgemeinschaft den Bogen einer Betrachtung der italienischen Gesellschaft spannte, nutzt Boulmetis das Schicksal von Fanis’ Familie um ein halbes Jahrhundert der türkisch-griechischen Beziehungen aus der Sicht der Hauptfigur in unterschiedlichen Alterstufen zu reflektieren.

Zimt und Koriander

Nach eigenen Aussagen ist Boulmetis’ Film autobiografisch geprägt. Dieser Eindruck scheint sich zu manifestieren, indem der lebensnahe Off-Kommentar des erwachsenen Fanis, eine stets unmittelbare und subjektive Betrachtung der Ereignisse liefert. Boulmetis, der auch das Drehbuch verfasste, vermeidet jedoch einen einseitigen Blick auf den Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei, was in der besonderen Positionierung der Familie in beiden Gesellschaften begründet ist. So enttäuscht die neue/alte griechische Heimat Anfangs die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, da die Familie vom Staat und vom sozialen Umfeld als Teil der griechischen Gesellschaft nicht uneingeschränkt akzeptiert wird, was ihr die Integration erschwert. Die griechisch orthodoxe Familie sehnt sich nach der verlorenen Heimat Istanbul zurück. Jedoch hält die Familie auch Distanz zu den türkischen Nachbarn. So wird die osmanische Stadtbezeichnung, die seit 1930 offiziell ist, weder von den Figuren, noch in einer anderen Form im Film erwähnt. Die Stadt am Bosporus wird stets als „Konstantinopel“ bezeichnet. Die Frage nach der Identität einer Familie, die sich im kulturellen Zwiespalt befindet, wird im Film mit deren religiösen Ausrichtung beantwortet. So entscheidet sich Fanis’ Vater (Ieroklis Michaelidis) gegen eine Konvertierung zum Islam, die der Familie ermöglicht hätte in der Türkei zu verweilen. Trotz dieses Bekenntnisses zu den griechischen Wurzeln bleibt vor allem Fanis ein Grenzgänger zwischen beiden Kulturen. Im letzten Drittel des Films macht er sich, einem Heimatlosen auf der Suche nach der eigenen Identität gleichend, auf den Weg nach Istanbul.

Zimt und Koriander

In einem intim anmutenden familiären Rahmen, unter Aussparung einer detaillierten Beleuchtung der politischen Hintergründe des lange währenden türkisch-griechischen Konfliktes, gelingt Boulmetis bisweilen das charmante und humorvolle Porträt einer Emigrantenfamilie. Die anfängliche Stärke von Zimt und Koriander, der lebensnahe Blick auf seine Figuren, wird jedoch aufgrund der anhaltenden mangelnden Distanz in der Darstellung derselbigen zum Schwachpunkt des Films. Eine Sentimentalisierung, die mit der Idealisierung der Figuren einhergeht, lässt sie schnell als karikaturhafte Überzeichnungen erscheinen. Boulmetis verfehlt somit die Gratwanderung zwischen einer, als persönliches Familienporträt angelegte, Aufbereitung eines historischen Konfliktes und einer Auseinandersetzung mit identitätsstiftenden Fragen. Zu offensichtlich versucht er mit seinen betont liebenswerten Figuren die Sympathien der Zuschauer für sich zu gewinnen, was letztlich zur Folge hat, dass der Regisseur das Interesse an Fanis’ Schicksal nicht durchgehend aufrechterhalten kann.

Kommentare


Ilse Hawa

ich bin auf der Suche nach George Maiinas aus Santorini, da bin ich einfach falsch gelandet


Volker Kuhnert

Sehr geehrter Herr Gaertner,
so sehr Sie Recht haben mögen, möchte ich Sie doch auf einen Punkt hinweisen, der aus Sicht eines Cineasten irrelevant sein mag, das gemeine Publikum umso mehr interessiert: Statt diesen Film mit einem in italien spielenden Film zu vergleichen, hätten Sie sich lieber damit auseinandersetzen müssen, warum der Regisseur Sympathie für den einen oder anderen Charakter zu wecken versucht: Im Vordergrund stehen die heutigen Gemeinsamkeiten zwischen Türken und Griechen. Seien Sie nicht so streng mit Ihrer Kritik, lassen Sie die Kirche und/oder Moschee im Dorfe!


Selma

Ich weiß es nicht, warum die Griechen sich mit ihren großen Philosophen, Mathematikern, mit den faszinierenden Göttern nicht zufrieden stellen?

Warum müssen sie immer wieder besser als die Türken sein wollen?

Die Griechische Küche ist mit besten Willen nicht zu bestaunen.
Ausgerechnet ein griechischer Film sucht mit der Hilfe von der Kulinarischen, Kochkunst eine sinnliche Erzählung.
Türkische Dolma wird Dolmakis, baklawa, Baklawas, Sarma, Sarmakis…somit eben die Türkische Gerichte klingen wie Griechisch!
Türkisch heißt Dolma : „Gefüllte“. „doldurmak“ heißt = füllen. Gefüllte Paprika oder Wein Blätter…Weinblätter sind gewickelt, daher heißt es dies Mal “Sarma“ . Türkisch „wickeln“ heißt: “sarmak“….es geht so weiter.
Baklawa kommt wahrhaftig aus Arabischen Raum.

In Istanbul, auch damals, hat der Türke sicherlich nicht seine Gewürze vom Griechen gekauft, sondern der Grieche vom Türken.

Die osmanische und heute die türkische Küche ist einer der vielfältigsten Küchen der Welt.
Sie ergänzt sich durch Arabischen, Persischen, Asiatischen, Russischen Köstlichkeiten.
Aber nicht mit der Griechischen! Umgekehrt, die griechische Küche ist durch die türkische Küche bereichert worden, inkl. dem türkischen Kaffee.

UND DER BÖSE TÜRKE! der seinen Sohn nicht mit dem Enkelkind des Ladenbesitzers spielen lässt, aber doch dort einkauft, war der peinlichste Höhepunk des Filmes. So eine Szenerie ist alles andere als harmlose Kommentare der Geschichte! Es ist versteckte Feindlichkeit. Die beide Bevölkerungen haben sie sich wohl gut verstanden.

Einen einseitigen Blick auf den damaligen Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei.
Die griechische Familie distanziert sich offensichtlich zu den türkischen Nachbarn. Eben die osmanische Stadtbezeichnung ist, weder von den Figuren, noch in einer anderen Form im Film erwähnt. Die Stadt am Bosporus wird nur als „Konstantinopel“ bezeichnet. Wie soll diesen Film wie behauptet, über Gemeinsamkeiten zwischen Türken und Griechen erzählen?

In Wirklichkeit, ist ein hinterhältiger, griechischer Propagandafilm entstanden.
Schade.


Starsky

Dieser Film ist wunderschön und pure realität!

Die heutige Türkische Küche ist die Küche der Byzantiner ein vielvölkerstaat Armenisch, Griechisch, syrisch, Häbreisch, Arabisch,etc.
Die Osmanen ( Türken) kamen viel später und haben alles übernommen.
Die Griechen gibt es über 3`500 jahre in kleinasien. Das heutige Istanbul gibt es seit ca. 85 jahren früher his es Konstantinopel und noch früher wahr es ein kleines Griechisches Fischerdorf namens Byzanz, und noch was Ist an bul ist Griechisch und bedeutet hinein in die Stadt.


dessislaw

Ich hab mich bemüht aus dem griechischen Originalton "Konstantinopel herauszuhören, aber für mich klang es immer nach "Stambol".
Was die Küchen der südosteuropäischen Länder angeht, so hat die Tatsache dass alle zum osmanischen Imperium gehört haben zu einer McDonaldiserung auf hohem Niveau geführt. Sollten ein Grieche und ein Türke über ihre "Küchen" streiten, dann müßte nur noch ein Araber dazukommen und er Streit wäre perfekt (Stichwort: Erfindung der Baklawa)
Die ausgewisesenen Griechen erkennt man im Film daran, dass sie türkische Gerichte bei deren türkischen Namen nennen. Von guter Grieche, böser Türke kann nicht die Rede sein.
Fast im gegenteil: Die Repression von griechischer Seite wird detaillierter gezeigt, als jene von türkischer: Die Gängelung der Eltern durch griechische Priester, Lehrer, Polizisten.
Wehmütig traurig: Fanis kehrt inb seine Geburtststadt zurück und kann nicht mehr türkisch...slebst mit seiner Jugenbdliebe spricht er Englisch....


Nilgün Tasman

manche Kommentare sind so voller Nationalstolz. Diese Menschen haben noch nicht begriffen, dass es in diesem Film um Menschen, Liebe, Freundschaft und Verständnis geht. Das Politiker Menschen mit ihren Entscheidungen spalten und schaden. Es ist ein wunderbarer Film! Und welches Gericht von wem stammt spielt keine Rolle! Ich liebe Türkei als meine Heimat aber ich liebe die Griechen und Griechenland auch sehr!


AETOS

Meiner Ansicht nach ist der Film sehr gelungen. Ich glaube nicht, dass er im Sinn hat irgendwelche Menschen zu diskreminieren. Ich konnte diesen Film gut verstehen und ich muss sagen mir sind Tränen in die Augen gekommen, weil meine Familie in der gleichen Situation war. Der Film will den Schmerz ausdrücken die eine Familie erleiden muss, nicht nur weil sie aus ihrer Heimat (Konstantinopel gehörte seit 1453 Osmanisch, Osmanen ist ein Vielvölkerstaat. Immerhin lebten bist 1923 kleinasiatische Katastrophe 400000 Griechen in Konstantinopel) flüchten muss, sondern weil sie sich nirgendwo auf der Welt ein neues Zuhause bauen kann. So war es auch in Meiner Familie. Manche sind in Istanbul geblieben manche nach Griechenland und manche nach Australien( melbourne). Der Film bringt den Schmerz und die Melancholie´, die Liebe zur Heimat zum Ausdruck. Im Film wird auch ganz klar gezeigt wie Griechen und Türken in dieser Traumhaften Stadt leben konnten. Und irgendwelche Gerichte auszuführen und damit zu begründen ja das ist Propaganda ist ein bisschen zugespitzt. Immerhin haben die Oströmische Kaiser auch Kafe getrunken. Ich bin RUM jeder sollte sich mit diesem Begriff beschäftigen, dann kann er den Film besser verstehen und auch für die Zukunft lernen. Ich habe sehr viele türkische Freunde und es ist einfach schön die gleiche Tradition teilen zu können.Die Tradition teilen zu können, dass ist wichtig.


Heinz

Sultan mehmet der konstantinopel erobert hat, hat die byzantinischen traditionen beibehalten (essen, musik ,kleidung etc.)


Martin Z.

Die Bilder sind schön anzuschauen und auch der politische Hintergrund: die Vertreibung der Griechen aus der Türkei wäre ein Anlass zum Film. Es werden auch ansatzweise vereinzelt recht gute Szenen gezeigt mit interessanten filmischen Ideen. Wahrlich keine lustigen im Sinne einer Komödie. Aber unterwegs kommt irgendwie Regisseur und Drehbuchautor der Rote Faden abhanden. Alles wird zerfleddert und löst sich in Langeweile auf. Die Familiengeschichte wird unübersichtlich, versinkt gar in langen Monologen im patriotischen Sumpf, was eher pathetisch daherkommt. Und wenn man durchgehalten hat und am Ende wenigstens auf eine erfüllte Liebesgeschichte hofft, wird man bitter enttäuscht. Trotz der Auszeichnungen kann mich dieser Film überhaupt nicht überzeugen. Schade.






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