Wrong Elements

Der Schriftsteller Jonathan Littell hat einen Film über die Lord’s Resistance Army in Uganda gedreht. Eine monumentale Dokumentation, die das Grauen des Krieges ganz beiläufig entstehen lässt. 

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Geoffrey, Michael, Nighty und Lapisa sind vier ehemalige Kindersoldaten der Lord’s Resistance Army (LRA). Der enigmatische Name hat einen langen Nachhall: Gegründet von Joseph Kony als Widerstandsbewegung gegen den damaligen Präsidenten von Uganda, Yoweri Museveni, verschleppte die sich als christlich-spirituell verstehende Organisation ab 1989 in großem Stil Kinder aus zahllosen Dörfern im Norden des Landes. Die Jungen wurden zu Kindersoldaten gemacht, die meisten Mädchen sexuell missbraucht. Über 60.000 Kinder verschwanden innerhalb von 25 Jahren, nur die Hälfte davon kam lebend zurück aus dem Busch. Bis heute ist die LRA in Zentralafrika aktiv und terrorisiert die Zivilbevölkerung in mehreren Ländern. Ihre Anführer werden bis heute vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht.

Nicht über Krieg sprechen, sondern sprechen lassen

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Jonathan Littell, seit seinem Roman Die Wohlgesinnten 2007 weltberühmt, hat in den letzten Jahren die journalistische Dokumentation weltweiter Kriege zum Zentrum seines Schaffens gemacht. Nun hat er seinen ersten Film gedreht. Littell arbeitet die brutale Geschichte der LRA auf und befragt die Nachwirkungen der Gewalt. „Krieg soll alle falschen Elemente in der Gesellschaft beseitigen“, so heißt es im Vorspann. Das titelgebende Zitat stammt von Alice „Lakwena“ Auma, einer der geistigen Führerinnen aus den Anfangstagen der LRA, Ende der 1980er Jahre. Littells Film allerdings ist kein Rückblick, sondern steht zunächst im Hier und Jetzt. Eine Tendenz zur behutsamen Aufarbeitung zeichnet die Sprache des Films aus, eine bedächtige Dokumentation mit einem starken Gespür und Interesse für die Zwischenräume der menschlichen Erinnerung. Das Ungesagte, Ungedachte sichtbar zu machen, mit dieser Ambition entfaltet sich ein Panorama über die nicht mehr auszulöschenden Spuren, die der Krieg hinterlassen hat.

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In jedem Bild ist das unbedingte Bemühen Littells spürbar, sich seinen Film nicht zu eigen zu machen, nicht über Krieg zu sprechen, sondern nur sprechen zu lassen: Fast zweieinhalb Stunden erzählen Geoffrey, Michael, Nighty und Lapisa. Sie besuchen die Orte ihrer Kindheit ein zweites Mal. Und somit die Schauplätze der Verbrechen, die an ihnen begangen wurden. Sie durchschreiten dorniges Gestrüpp, felsige Brachen und dichten Wald – erzählend, gestikulierend. Ähnlich wie in Claude Lanzmanns Monumentalwerk Shoah (1985) entsteht das Grauen vor allem in der Abwesenheit jeglicher expliziter Bebilderung. Die Narration wirkt gerade durch diese Leerstelle umso voller, entfaltet so erst einen Raum der Vorstellung. Diesen auszufüllen obliegt nicht den Protagonisten, sondern den Zusehenden. Die allumfassende Dimension menschlicher Gewalt wirkt gerade dadurch ungemein präsent und wird zum Dreh- und Angelpunkt.

Krieg als Lebensmodus

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In Zwischenszenen von Wrong Elements steht ein Kriegsverbrecher vor dem Tribunal: Dominic Ongwen wurde als ehemaliger LRA-General in Den Haag angeklagt. Sühne und Gerechtigkeit werden hier zu vagen Vorstellungen. Die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs erscheint als verzweifeltes Stochern in der Undurchdringlichkeit. Die vier Protagonisten sprechen über den Prozess, keiner will ernsthaft Strafen für die damaligen Häscher einfordern – die „Natürlichkeit“ des Krieges, die sie hier gar kein außergewöhnliches Verbrechen sehen lässt. Sie lachen lieber und erzählen ihre Geschichte. Freude erscheint als unbedingt heilsam, eine Kur, eine Wiederkehr der Menschlichkeit, die allein den Krieg überdauern kann. Die Frage der Unschuld ist ebenso zentral: Keines der verschleppten Kinder hat jemals freiwillig zur Waffe gegriffen. Der permanente Kriegszustand ist der einzige Lebensmodus, den sie damals kennengelernt haben. Das Grauen erlangt auf diese Weise eine erschreckende Beiläufigkeit, die sich in den Gesprächen nach und nach festigt und dann wieder aufgelöst wird. Die Protagonisten verweilen nur kurz, dann laufen sie weiter, wechseln das Thema. Ein festes Bild entsteht nicht, eine Bewertung bleibt aus – Littells Stil enthebt die Möglichkeit zur Empörung ihrer Grundlage. Die longue durée des Krieges spricht selbst laut genug und lässt Begriffe wie Mitleid oder Menschenrechte obsolet erscheinen.

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Die barocke musikalische Untermalung ist das einzige wiederkehrende Stilelement, das Littell bewusst setzt. Und im Grunde sein einziges offenes Statement: Nur die universelle Sprache der Musik eignet sich zum filmischen Surplus – die klassisch europäischen Kompositionen emotionalisieren das Gezeigte sehr behutsam und lassen den Sinn hinter all dem erspüren, dem Ungekannten, Unbewussten, das Littells Werk durchzieht: die Tragödie des Menschen. Zu dieser Perspektive findet der Regisseur Littell letztlich, allein dieser Zugang erlaubt es der außenstehenden Kamera überhaupt, sich einzulassen, einen Standpunkt einzunehmen, eine Aussage zu treffen, die die Diversität der Geschichten zusammenfasst und in einen größeren Zusammenhang stellt. Wrong Elements muss als Beitrag im größeren Werkgefüge der Bearbeitung des Krieges gesehen werden, dem Littell momentan seine ganze Energie und Aufmerksamkeit widmet.

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