Wild Tales - Jeder dreht mal durch!

Poetik der Eskalation: Ein Kurzfilmprogramm bewirbt sich um die Goldene Palme.

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Wild Tales besteht aus gleichmäßigen Crescendi. Eine simple Ausgangssituation, ein Moment, der die berühmte Kette von Ereignissen in Gang setzt, bis alles eskaliert. Sechsmal exerziert Damián Szifron diese Formel durch. Sein Beitrag zum Wettbewerb von Cannes ist eigentlich eher ein Kurzfilmprogramm. Aufstände lauter kleiner Wutbürger, die bis zum Äußersten gehen. Genüsslich wirft Szifron seine Figuren – mal auch nur seine Kamera – in den Kampf gegen die Mächtigen und Selbstgerechten. Mafiöse Politiker, arrogante Manager, die starre Bürokratie und die korrupte Justiz bekommen es nacheinander mit Helden des Alltags zu tun, die sich dem Lauf der Dinge in der argentinischen Gegenwart verweigern. Dieses lose Motiv verknüpft die Geschichten.

Mathematik der Extreme

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Als schwarzhumorige Sozialsatire schließt Szifron mit seinem Film dabei an den diesjährigen Berlinale-Beitrag History of Fear an, der ebenfalls soziale Widersprüche und das berühmte Pulverfass Gesellschaft jenseits von Realismus thematisierte. Wo Benjamín Naishtat sich dabei eher ins Allegorische zurückzog, nutzt Szifron die Sprengkraft der Kinomaschine. Parkplätze explodieren, auf Bonzenautos wird im wörtlichen Sinne geschissen, Politiker werden vergiftet. Ein solcher Film mitten im Wettbewerb von Cannes, das ist zugleich angenehm erfrischend und doch etwas unbefriedigend. Denn für ein nachhallendes Kino-Erlebnis bietet Szifron zu wenig Reibung, ist sein Film zu kalkuliert. Die meisten Episoden werden von durchaus interessanten Figuren getragen, doch ordnen sich diese stets dem Effekt der Episode unter. Die Stellen zum Lachen sind fett markiert, der den kleinen Erzählungen zugrunde liegende Mechanismus bald bekannt. Und doch steckt die Schönheit des Films gerade in der Sturheit, mit der Wild Tales immer wieder von Ausgangssituation X zur Extremsituation X’ gelangt. Die Verbindung zwischen diesen beiden Punkten mutet dabei stets unendlich lang an, und doch benutzt Szifron niemals dramaturgische Kniffe, um den Weg abzukürzen. Fast meint man, er habe sich immer wieder neue Kombinationen von Anfangs- und Endpunkt ausgesucht, um sich dann der Herausforderung anzunehmen, eine möglichst gerade Linie zu ziehen.

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In dieser reduzierten Form schlägt sich nicht zuletzt die argentinische Tradition der Kurzgeschichte wieder, die vor allem mit dem Namen Borges verknüpft ist. Doch Referenz für Szifron sind eher die Erzählungen Julio Cortázars, die mit einem sehr ähnlichen Prinzip arbeiten: dem Einbruch eines Unfassbaren in scheinbar gewöhnliche Situationen. Was Regisseur und Schriftsteller dabei vereint, ist die explosive Kreativität, die aus sehr wenig sehr viel macht, dabei stets unglaubliche, aber doch nachvollziehbare Entwicklungen erschafft. Für Cortázars präzises, das Unmögliche wahrscheinlich machendes Erzählen findet Szifron eine gelungene Entsprechung. Wo es bei dem Autor meist das Fantastische ist, das sich Bahn bricht, sind die Motoren der Eskalation bei Szifron ganz und gar von dieser Welt. Cortázar wird vom Kopf auf die Füße gestellt, der Bruch steht im Dienst nicht des Fantastischen, sondern ganz materieller Rachefantasien.

Pointenreiche Materialschlachten

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Dass die Episoden vor allem als pointenreiche Gedankenspiele und Radikalisierung sketchartiger Situationskomik funktionieren, heißt jedoch nicht, dass sie ohne filmischen Mehrwert wären. Szifron hat eine durchaus stringente Form für seine überbordende Fantasie gefunden, breitet seine Ideen auch visuell aus und verdichtet die ohnehin auf ihre Essenz reduzierten Plots mit der Konstruktion einer streng funktionalistischen filmischen Architektur. Dabei beeindrucken vor allem die für einen im Ansatz eher bescheidenen Film doch sehr beachtlichen Production Values. Szifron beschränkt sich nicht auf dialogische Komik, greift für seine Pointen auf das ganze Repertoire filmischer Vermittlung zurück und beweist – wie schon in seinem letzten Spielfilm On Probation (Tiempo de valientes, 2005) – sein inszenatorisches Geschick und Gespür für Timing, gerade in den Actionsequenzen. Was die besten Episoden dann auch abhebt vom Großteil ähnlich angelegter Kurzfilme, ist die Leidenschaft, mit der sich Szifron in der materiellen Welt austobt. Wenn ein Bonze auf der Landstraße mit Hupe und Stinkefinger ein heruntergekommenes Auto überholt und nur wenig später einen Platten hat, dann ist zwar klar, was kommen muss. Bei Szifron aber führt die Situation zu einem großartig inszenierten Zweikampf auf Leben und Tod, in dem auch die beiden Autos irgendwann zu Waffen werden. Es ist dieses physische Element des Films, das – verstärkt durch ein grandioses Sound Design – am meisten Spaß macht, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des oftmals körperlosen argentinischen Festivalkinos der letzten Jahre.

Mit einer großartigen Einstiegsepisode – mit der Szifron die Erwartungen an seinen Film fast etwas zu hoch steckt – versieht der Regisseur die Struktur seiner Wild Tales mit einem passenden Kommentar zur häufig gehörten Kritik, Episodenfilme tendierten zur Beliebigkeit. Dort müssen Passagiere in einem Flugzeug erkennen, dass sie nicht durch Zufall alle in derselben Maschine sitzen. Was sie verbindet: Jemand hat ein Hühnchen mit ihnen zu rupfen. Das ist vielleicht die passendste Beschreibung für das, was Szifron in diesem Film macht: Er rupft mit der argentinischen Gesellschaft gleich einen ganzen Hühnerstall.

Trailer zu „Wild Tales - Jeder dreht mal durch!“


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