Über Barbarossaplatz

Ein von destruktiven Kräften geprägtes Liebesdreieck. Jan Bonny katapultiert die seelischen Befindlichkeiten seiner Figuren aus ihren Körpern hinaus. 

Unser Zeitalter ist wie kein zweites von pornografischen Bildern geprägt. Viele von uns dürften in ihrem medialen Leben mehr Geschlechtsteilen begegnet sein als in ihrem realen. Das Kino ist nicht nur Teil dieses Prozesses, es muss selbst die Frage der Repräsentation von Sexualität immer wieder neu klären.

Körper und Sex vs. Barbie und Ken

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Gut fünfzehn Jahre nach Leos Carax’ Pola X (1999) und Patrice Chéreaus Intimacy (2001) hat sich im französischen Arthousekino eine relativ explizite, grafische Darstellung von Sexualität etabliert. Philippe Grandrieux (zuletzt Malgré la nuit) denkt in seinen zum Teil durchaus verstörenden Szenarien nicht nur Traditionslinien von de Sade über Anger und Pasolini, sondern eben auch Abu Ghraib mit. Die Verschränkung von Sexualität und Gewalt ist eines der definitorischen Momente jenes Kinos.

Letzteres – wenn auch völlig anders kontextualisiert – ließe sich ebenfalls über die jüngeren Arbeiten Lars von Triers behaupten, bei dem allerdings häufig Body Doubles zum Einsatz kommen, so wie im nichtsdestotrotz sinnlich-aufregenden Blau ist eine warme Farbe (La Vie d’Adèle, 2013) viel Feuchtes Fake ist. Bei Gaspar Noés Love (2015) hingegen dürfte so manches tatsächlich vor der Kamera stattfinden.

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Im Gegensatz zu genannten und weiteren Teilen des europäischen Kunstkinos ist das US-Independentkino, trotz eines Vincent Gallo, äußerst zurückhaltend in der Darstellung expliziter Sexualität. Dennoch ist mir der Penis von Viggo Mortensen, den ich zuletzt in Captain Fantastic (2016) wieder sah, seltsam vertraut. Gleiches könnte ich über Harvey Keitel sagen. Alles andere als vertraut erscheint hingegen die amorphe Sexualität der Fifty Shades of Grey-Trilogie. In Bezug auf die Literaturadaption ist gerne von Erotikdrama die Rede, das Cinemaxx in seiner grenzenlosen Pragmatik gibt als Genre ein entsprechend unentschlossenes „Drama/Erotik“ an. Wobei es sich recht offensichtlich, wenn überhaupt, um eine Barbie-&-Ken-Erotik handelt. Die ist so scharf wie Michael Changs zweiter Aufschlag in den 80er Jahren.

Und hierzulande? – Trotz relativ ordentlicher Kenntnis der hiesigen Filmlandschaft fallen mir spontan kaum nachwirkende Erotikszenen der jüngeren Vergangenheit ein. Vielleicht Saralisa Volm in Finale (2007) und Hotel Desire (2011), verschiedene Versuche von RP Kahl, dazu Engel mit schmutzigen Flügeln (2009). Woran ich mich allerdings eher filmarchivarisch denn sinnlich erinnere.

Festgebrannt hingegen haben sich zahlreiche Szenen aus Jan Bonnys Über Barbarossaplatz, der seine Premiere beim letztjährigen Filmfest in München feierte – in der Sektion Neues Deutsches Fernsehen. Die ARD strahlt ihn nun aus, am heutigen Dienstag, um 22.45. Was ein äußerst ungewöhnlicher Termin ist, bedenkt man, dass Über Barbarossaplatz als Pilotfilm einer möglichen Nachfolgereihe von Bloch (2002–13) konzipiert und damit ursprünglich für den 20.15-Slot am Mittwoch vorgesehen war. Womöglich hat dies – neben anderem – auch damit zu tun, dass Über Barbarossaplatz durchaus als Erotikdrama gesehen werden darf. Ohne Puppenplaste.

Eine mikroskopische Analyse schmerzhafter Prozesse

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Hier geschieht etwas, was dem deutschen Fernsehen genuin fremd oder fremd geworden ist: Echte Menschen verhandeln an echten Orten echte Probleme. Bonny etabliert ein Konzept der filmischen Authentizität, das auf allen formalen Ebenen – etwa Ton, Kamera und Dialog – eine Entsprechung findet, eben auch im Spiel. Schon sein Polizeiruf 110: Der Tod macht Engel aus uns allen (2013) hatte ob seiner Tonmischung Irritationen beim Fernsehpublikum ausgelöst. Auch jetzt gibt es wieder eine geradezu Altman’sche Geräuschkulisse – Straßenlärm dringt durch Fenster, überschattet Dialoge; die Menschen verstehen sich untereinander nicht immer. Die Stadt ist laut, sie ist hörbar – und greifbar. Im Polizeiruf hatte der Regisseur München erkundet, ähnlich Dominik Graf, der die Stadt immer wieder neu entdeckt und Schauplätze fernab von Wahrzeichen- und Tourismuslogik findet, die als reale Orte soziale Zuschreibungen treffen (im Übrigen ist ja auch Graf ein großer Ton-Experimentierer). Nun ist es ein pulsierendes Köln, dessen titelgebender Barbarossaplatz die Handlungskreise der Figuren determiniert. Und die werden ganz Fleisch, ganz Körper.

Bonny vermag es – zunächst einmal völlig unabhängig von der erotischen Komponente –, Körperlichkeit zu inszenieren wie kaum ein anderer Filmemacher. Sein Kinodebüt Gegenüber (2007), das in Cannes für Furore sorgte, ist eindringliches, Bauch- und Gliederschmerzen auslösendes Affektkino. Eine systematische, mikroskopische Analyse schmerzhafter Prozesse, die sich von innen nach außen stülpen. Wer jemals mit plakativen Etiketten wie „Schauspielerregisseur“ arbeiten möchte, möge sie doch für Bonny reservieren. Denn nicht nur bekannt exaltierte „Bühnensäue“ wie Lars Eidinger gehen in seinen Filmen an die Grenze – auch ganz anders operierende Mimen wie Matthias Brandt und Joachim Król loten ihr Metier unter seiner Regie neu aus. Król spielt die männliche Hauptrolle in einem von destruktiven Kräften geprägten Liebesdreieck neben Bibiana Beglau und Franziska Hartmann in Über Barbarossaplatz.

Die Enge ihres Büros hält Greta Chameni (Beglau) nicht davon ab, es tanzend zu durchqueren und darin einen Kopfstand zu proben. Auch wenn ihr Geist den Verlust ihres Mannes noch verarbeiten muss, wird sie die kommenden Tage mit Haut und Haaren aufsaugen und durchleben. Es ist ein smarter Zug, ausgerechnet das Format der Pilotepisode einer neuen Fernsehreihe über Psychologen für ein Kino der körperlichen Entgrenzung und Grenzerfahrung zu nutzen. Hier, wo man es am wenigsten erwartet, transferiert und katapultiert Bonny wie in Gegenüber die seelischen Befindlichkeiten der Figuren aus deren Körpern hinaus. Verlust und Verlangen, Liebe und Erotik erlangen hier eine Körperlichkeit und Fleischlichkeit, die ihnen normalerweise in deutschen Produktionen nicht zugestanden wird. Hier dürfen sie sich zurückfallen lassen in Sex und Körperflüssigkeiten.

Fürsorgliche Fernsehanstalt

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Es geht dabei um alles andere, als auf Teufel komm raus explizit zu sein. Anders als etwa Noé, der Sexualität unter anderem als audiovisuell betörend arrangiertes Tableau inszeniert, in dessen Zentrum Erektion, Penetration und Ejakulation stehen, ist die Körperlichkeit in Über Barbarossaplatz, den Figuren und ihrem Umfeld entsprechend, eine geerdete. Sie entspricht immer der Situation – der Spontaneität oder Erwartung, der sie entspringt.

Viel ähnlicher ist Bonny dann doch Grandrieux, da Sexualität, als eine Spielform der Körperlichkeit, häufig im Kontext von Gewalt auftritt. Erotisches Spiel schlägt in Gewalt um, sie forciert Frustration gerade da, wo sie als Spiel erkenntlich wird. Hier suchen Menschen eine Ausdrucksform, in ihrer Körperlichkeit suchen sie etwas zu veräußern, das sich nicht anders artikulieren lässt. Die einzig adäquate Inszenierungslogik einer Reihe über Psychologen.

Weil das ins Mark trifft, weil hier wirklich Erotik und Drama vorherrschen, schützt die ARD uns und unsere Lieben vor so viel Direktheit, indem sie Über Barbarossaplatz in der 23-Uhr-Schiene versteckt. In einer Zeit, in der Pornografie und Fifty Shades of Grey um die Repräsentationshoheit von Sexualität streiten, besonders bedauerlich.

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