Das Turiner Pferd

Mit seinem vielleicht letzten Film verweigert sich Béla Tarr jeglicher Erzählung und vertraut auf die erhabene Schönheit seiner Plansequenzen.

A torinói ló 01

Mit Filmen wie Die werckmeisterschen Harmonien (Werckmeister harmóniák, 2000) und Der Mann aus London (A Londoni férfi, 2007) hat der ungarische Regisseur Béla Tarr eine markante Ästhetik entwickelt: schwarzweiße Bilder, eine ausufernde Länge – seinen Rekord hat Tarr mit der fast achtstündigen Spielzeit von Satanstango (Sátántangó, 1994) erreicht –, eine auf ein Minimum reduzierte und mysteriöse Handlung, kaum Dialoge und vor allem lange Plansequenzen. In Das Turiner Pferd (A torinói ló) vereint Tarr alle diese Zutaten ein weiteres und laut Eigenauskunft auch letztes Mal.

Die Handlung des zweieinhalbstündigen Films ist schnell erzählt: Ein alter Mann lebt mit seiner Tochter in einer Hütte im endzeitlichen Nirgendwo. Im Stall befindet sich ein Pferd, das seiner Arbeit nicht mehr nachgehen will, und draußen tobt ein beunruhigender Sturm. Unterteilt in sechs Tage, zeigt der Film im Grunde genommen immer wieder das Gleiche: Das Mädchen zieht den alten Mann in der Früh an und am Abend aus, zum Frühstück gibt es zwei Gläser Pálinka, die Tochter holt vom Brunnen Wasser, und schließlich essen sie noch heiße Kartoffeln mit ihren Händen.

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Das bestimmende Gestaltungsmotiv in Das Turiner Pferd ist die Wiederholung. Mit nur leichten Abweichungen wird jeden Tag dasselbe gezeigt, lediglich die Kadrierung und Lichtstimmung ändern sich. Einen Hinweis, wo oder wann das Ganze spielen soll, gibt Tarr dabei nicht, auch wenn die Kleidung und die primitiven Lebensbedingungen auf eine weit zurückliegende Vergangenheit hinweisen.

Technisch und optisch ist Tarr ein beeindruckender Film gelungen. Die Plansequenzen, in denen sich die Kamera nahtlos zwischen Innen- und Außenraum bewegt oder immer wieder neu im Raum positioniert und eine neue, ungesehene Perspektive freigibt, hat der Regisseur ebenso perfektioniert wie die pittoresken Low-key-Bilder (Kamera: Fred Kelemen). Das große Problem an Das Turiner Pferd ist aber, dass sein Minimalismus und seine repetitive Struktur nirgendwo hinführen. Jede Möglichkeit, den Film durch äußere Einflüsse zu dynamisieren, wird bewusst abgelehnt. Tarr macht die Erzählverweigerung auch sichtlich Spaß. Einmal kommt ein betrunkener Mann in die Hütte und hält einen Nonsens-Monolog über das Schicksal des Menschen und eine Zeit, in der sich die Sieger nicht mehr von den Verlierern unterscheiden lassen. Wenn der alte Mann ihn darauf hinweist, dass er Blödsinn redet, kann man dem als Zuschauer nichts mehr hinzufügen.

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Auch an anderer Stelle lässt Tarr Außenstehende in die Lebenswelt seiner Protagonisten eindringen, ohne dass der Film daraus einen Nutzen zieht. So kommt eine Gruppe Zigeuner, möchte Trinkwasser stehlen und wird daraufhin verjagt. Als Vater und Tochter schließlich selbst kein Wasser mehr haben, packen sie ihre Sachen und brechen auf, um dann doch wieder in die Hütte zurückzukehren.

Wirklich ermüdend an Das Turiner Pferd ist die Kombination aus einem Inhalt, der sich beharrlich weigert, etwas zu erzählen, und einer Aufmachung, die ständig Bedeutung suggeriert. Die archaische Geschichte von Vater und Tochter, die romantischen Naturgewalten, die pathetische Musik von Tarrs Stammkomponisten Mihály Vig, die an barocke Malerei erinnernden Bilder und das Nietzsche-Zitat am Anfang des Films, all das wirkt unheimlich monumental und bedeutungsschwanger. Doch letztlich widmet sich der Film nur einer hermetisch abgeriegelten, sinnentleerten Kunstwelt, die auf nichts anderes verweist als ihre eigene erhabene Schönheit.

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Kommentare


BMGronau

Wenn der Autor schreibt, dass "sich der Film nur einer hermetisch abgeriegelten, sinnentleerten Kunstwelt [widmet], die auf nichts anderes verweist als ihre eigene erhabene Schönheit.", dann verweist seine Kritik auf nichts anderes als die Unfähigkeit oder den Unwillen dieses Autoren, sein menschliches Selbst mit ins Kino zu nehmen und die Kunstform Film, wie jede andere Kunstform als Möglichkeit zu betrachten, sie mit der eigenen Intuition und Erfahrung eben jener Menschlichkeit zu füllen.

Der Autor gleitet daher mit seiner Handwerksanalyse an den archaischen Bildern ab, verkennt den tiefen Existenzialismus, der sich in jeder Handlung des Films spiegelt und findet keine Möglichkeit die Unversalität der Abstraktion für sich in Sinn zu übersetzen.

Dies festzustellen ist nicht nur bedauerlich für den Autor, sondern auch für seine Leser, denen so ein Zugang über die ästhetische Oberfläche hinaus verwehrt bleibt.


suttree

Der Rezensent sollte sich mal den Gedanken stellen, weshalb der Film in "sechs" Tage
aufgeteilt ist - vielleicht kommt dann ja mal der Gedankensprung zur Genesis und dem "Garten Eden"...


alm.seitz

einer besprechung des films im radio entnahm ich, dass es sich bei dem o.g. "nonsens-monolog" um einen ausschnitt aus einem nietzsche-werk handelt. (nein, ich weiß leider nicht, welches.) dass es tarr um weit mehr als die ästhetische oberfläche geht, hätte dem autor klar sein müssen. seine "rezension" greift in jeder hinsicht zu kurz.


Michael Kienzl

@suttree: Also 1. umfasst die Genesis 7 und nicht 6 Tage. Was eine endzeitliche Landschaft und räuberische Zigeuner mit dem Garten Eden zu tun haben soll, leuchtet mir auch nicht ein. Selbst wenn der Film in 7 Tage unterteilt wäre, würde sich mir die Parallele zur Genesis nicht erschließen. Dann kann ich ja jeden Film in 7 Tage unterteilen und behaupten, das wäre ein Verweis auf die Genesis.
@alm.seitz: Was den "Nonsens-Monolog" angeht, muss ich widersprechen. Tarr selbst hat gesagt,dass der Monolog vom Co-Autor des Drehbuchs, László Krasznahorkai, stammt. Nachzulesen unter: http://www.tagesspiegel.de/kultur/kino/berlinale/die-regierung-muss-weg-nicht-ich/3862646.html.


Michael Kienzl

@BMGronau: Danke für das Bedauern. Dass mir der Zugang über die ästhetische Oberfläche hinaus verwehrt blieb, liegt aber, meiner Meinung nach, nicht an mir, sondern am Film. Ich habe jetzt schon viele Rezensionen über "The Turin Horse" gelesen und keine davon konnte mir wirklich sagen, was sich hinter dieser ästhetischen Oberfläche verbirgt, ohne dabei so schwammige Begriffe wie Universalität und Existenzialismus zu benutzen.
Es gibt genügend andere Filme, in denen ich mein menschliches Selbst sehr wohl mit ins Kino nehme und einen Film auch gerne damit fülle. Das sind dann aber - um einmal bei der Berlinale zu bleiben - Filme wie Twenty Cigarettes (auch wenn das sicher keiner von James Bennings besten Filmen ist). Für die interessiert sich dann aber fast niemand, weil sie nicht so aufgeblasen und bedeutungsschwanger daherkommen wie "The Turin Horse".


Matthias Walter

Ein Film, dessen massiver Eindruck bleibt. Zur Deutung: Während der Film abläuft und ein Übel auf das nächste das Ende immer näherkommen lässt, versinkt Nietzsche immer mehr im Dunkeln. Vielleicht will Tarr sagen: Nietzsche hat das Pferd umarmt - und damit Ross und Reiter mit seinem Nihilismus angesteckt.


helmut dinger

bela tarr: quatsch mit so3e. viel so3e. viel viel viel viel viel so3e.


tensin

@Kienzl

ein kritiker, der einen film anhand dessen beurteil, "was sich hinter dieser ästhetischen Oberfläche verbirgt" der hat in meinen augen seinen beruf verfehlt und sollte die kunst kunst sein lassen, was verbirgt sich dahinter, wenn beuys an die wand kackt, wenn warhol sich 8 stunden beim schlafen filmt, wenn brautigan seinen roman "in wassermelonen zucker" nennt, es ist vollkommen unrelevant, seit kafka wissen wir, dass die große kunst jene ist, bei der jeder "was verbirgt sich dahinter"-ansatz zwangsläufig daneben liegen muss, also was stört einen kritiker bitte daran, der sich damit ganz offenbar in ein bildungsmangellicht setzt


H.

@tensin

Ein Fan von l'art pour l'art? Die sind ja heute auch selten geworden.






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