The Namesake
Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Jhumpa Lahiri begleitet Mira Nair in The Namesake eine indische Familie und deren Leben in den Vereinigten Staaten über zwei Generationen hinweg.

Gründe, seine Heimat zu verlassen, gibt es zahlreiche. Politische Flüchtlinge machen dabei nur einen Teil aus, ebenso viele Menschen emigrieren in der Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Perspektiven oder aus persönlichen Beweggründen. Filmwissenschaftliche Forschungen zu einem Kino der Diaspora finden dabei mit wenigen Ausnahmen nicht statt. Der in Armenien geborene und heute in Kanada lebende Atom Egoyan oder die ebenfalls in Kanada arbeitende Inderin Deepa Mehta gehören einem Trend im aktuellen Kino an, den der iranische Filmwissenschaftler Hamid Naficy treffend als „accented cinema“ bezeichnet hat. Die zumeist aus Schwellen- und Entwicklungsländern stammenden und heute im Westen lebenden Filmemacher bringen einen neuen Blickwinkel in ihre Filme ein. Ausgangspunkt ihres Schaffens sind in der Regel persönliche Erfahrungen, und genau wie ein sprachlicher Akzent fallen ihre Werke durch eine filmische Akzentuierung auf.

Mira Nair, mit 19 Jahren von Indien in die Vereinigten Staaten ausgewandert, gehört heute zu den wichtigsten Filmemachern des von Naficy beschriebenen Kinos der Diaspora. Ein immer wiederkehrendes Motiv in ihren Filmen ist dabei das Leben in der Fremde. Begonnen wird Mississippi Masala (1991) mit der Flucht einer indischen Familie aus Uganda. Ihr Ziel: die USA. Dort angekommen treffen sie jedoch auf Rassismus und Ablehnung. Auch in The Namesake greift Nair auf das Thema der Emigration zurück, doch dieses Mal verlassen die Protagonisten ihre Heimat aus beruflichen Gründen.
Kurz nach ihrer arrangierten Hochzeit ziehen Ashoke (Irfan Khan) und Ashima Ganguli (Tabu) von Kalkutta in die Vereinigten Staaten. Das Leben im winterlichen New York ist für Ashima besonders schwierig. Daran ändert auch die Geburt ihrer beiden Kinder nichts. Im Gegensatz zu ihren Eltern haben Gogol (Kal Penn) und seine Schwester Sonia (Sahira Nair) keine Mühe, sich zu integrieren. Die indische Kultur spielt für sie eine nebensächliche Rolle.

Die Mehrzahl der Filme zum Thema der Auswanderung konzentriert sich auf den Konflikt zwischen den Emigranten und der neuen Gesellschaft, in der sie leben. Mira Nair streift diese Ebene nur am Rande und fokussiert sich stattdessen auf die Entwicklung innerhalb der Familie. Die Art, wie die Eltern und ihre Kinder auf unterschiedliche Weise der indischen Kultur begegnen, gibt The Namesake dabei eine ungeheure Dramatik. Sowohl die Hochzeit der Eltern als auch die von Gogol werden traditionell indisch gefeiert, jedoch in einem anderen gesellschaftlichen Kontext. Die Ehe von Ashoke und Ashima wurde arrangiert und die Tatsache, dass beide aus Indien stammen, hielt sie zusammen. Anders bei Gogol: Zur Freude seiner Mutter heiratet er ebenfalls eine Frau aus Indien – den beiden ist jedoch kein Glück beschert. Als sie sich trennen, bemerkt seine Ex-Frau lapidar, dass ihre Herkunft nunmal nicht genug war, um gemeinsam glücklich zu werden.
Besonders eindrücklich ist dabei Nairs Weigerung, ein Urteil zu fällen. Weder eine falsche Nostalgie noch das Anprangern einer angeblich wertelosen Jugend finden im Film Unterschlupf. Stattdessen wird anhand der Figur Gogols die schwierige Suche nach einer Identität aufgezeigt, welche irgendwo zwischen der indischen Kultur seiner Eltern und einer westlich orientierten Lebensweise liegt.

Die lockere Form, in der Nair einzelne Episoden aus dem Leben der Gangulis aufgreift, findet in der visuellen Umsetzung ihre Entsprechung. Für Hamid Naficy ist neben der Thematik und einer offenen Narration besonders ein am Realismus orientierter Filmstil ein entscheidendes Merkmal für besagtes Kino der Diaspora. Fern vom Kitsch des Bollywood-Kinos wird Indien als leicht chaotischer mit Menschen überfüllter Ort dargestellt. Die amerikanischen Vororte wirken dagegen ruhig und überschaubar. Der Sprung mit nur wenigen Einstellungen vom warmen Kalkutta ins trostlose winterliche New York ist nicht nur ein Schock für Ashima, sondern auch für die Zuschauer. Die Einfachheit, mit der nicht nur dieser Wechsel, sondern auch die restliche Geschichte erzählt wird, macht The Namesake zu einem Film, dessen Melancholie und unaufgeregte Erzählweise tief beeindrucken.
Filmkritik von Hannes Brühwiler
Veröffentlicht am 25.01.2007
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: The Namesake
Kanada 2006
Laufzeit: 122 Minuten
Regie: Mira Nair
Drehbuch: Sooni Taraporevala
Produktion: Lydia Dean Pilcher, Mira Nair
Darsteller: Tabu, Irfan Khan, Kal Penn, Zuleikha Robinson, Jacinda Barrett, Sahira Nair
Kinostart: 07.06.2007
DVD-Angaben
Titel: The Namesake
Vertrieb: 20th Century Fox
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte, Türkisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Dänisch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 118 Minuten
Extras: Kommentar von Regisseurin Mira Nair; Nicht verwendete Szenen; Die Anatomie von The Namesake: Ein Klasse an der Graduate Film School der Columbia University; Fox Movie Channel präsentiert: Im Gespräch mit Kal Penn; Musikvideo „Kolkata Love Poem”; Kinotrailer
Verleih ab: 08.10.2007
Verkauf ab: 26.11.2007
Copyright The Namesake
Fotos: © 20th Century Fox
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