The Happiest Girl in the World

Auch wenn der ganz große Durchbruch ausgeblieben ist, erfreut sich das rumänische Kino weiterhin großer Beliebtheit. Und das völlig zu Recht, wie Radu Judes kleiner, aber wirkungsvoller Film beweist.

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Gleich zu Beginn ein Kontrast, der erste von vielen. Die Titelschrift, The Happiest Girl in the World, dann der Blick auf Delia, wie sie auf der Rückbank eines Autos liegt, alles andere als glücklich. Dabei hätte sie jeden Grund dazu: Die 18-Jährige, wunderbar intuitiv gespielt von Andreea Bosneag, hat beim Gewinnspiel einer Orangensaft-Marke ein brandneues Auto gewonnen. In der Anfangsszene von Radu Judes Film fährt sie mit ihren Eltern nach Bukarest, um das Auto in Empfang zu nehmen und einen kurzen Werbespot zu drehen, in dem sie ihren rumänischen Mitbürgern erzählen soll, dass sich das Mitmachen beim Gewinnspiel lohnen kann. Doch Delia liegt unglücklich auf der Rückbank, weil sie selbst keinen Führerschein hat, weil sich weder sie noch ihre Eltern einen leisten können und weil die Familie deswegen ausgemacht hat, das gewonnene Auto sofort wieder zu verkaufen, um den Erlös als Startkapital in eine Familienpension zu investieren.

Der Hauptteil dieses kleinen, aber feinen Films, der bereits 2009 im Forum der Berlinale gezeigt wurde, spielt am Set dieses Werbedrehs. Ein weiterer Ort der Kontraste mit herumwuselnden Technikern, herumschreienden Assistenten und einem angestrengten Regisseur, und mittendrin Delia, die noch nicht einmal Auto fahren kann und jetzt dazu genötigt wird, sich freudestrahlend ans Lenkrad zu setzen, einen riesigen Schluck Orangensaft zu trinken und ihre auswendig gelernten Sätze in die Kamera zu sagen. Einfache, glückliche Leute erklären ihren Mitbürgern stolz, wie leicht es ist, ein Auto zu gewinnen. So haben es sich die Manager der Firma ausgedacht, die Delia am Set immer wieder zu einem breiteren Lächeln und zu einem größeren Schluck aus der Flasche Orangensaft ermutigen. Ein Blick in die Vita Radu Judes verrät den autobiografischen Hintergrund dieses Settings: Der Rumäne hatte selbst bereits über hundert Werbedrehs hinter sich, bevor er seinen ersten Kurzfilm drehen konnte.

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Mit seinem ersten Langspielfilm verarbeitet er diese Erfahrungen und dekonstruiert die große Lügenmaschinerie Marketing auch inszenatorisch. Jeden Take des Werbedrehs zeigt er aus einer anderen Perspektive, während uns der fertige Spot verborgen bleibt. So erweist sich der dokumentarische Stil des Films als stimmiger Kontrast zum durchgeplanten, manipulativen Dreh des Werbespots. Die Absurdität dieser artifiziellen Produktwelt erfahren wir gerade dadurch, dass Jude sich den Mechanismen der dargestellten Branche verweigert und den Dreh durchweg realistisch und distanziert beobachtet. Wie zufällig wird der Zuschauer zum Zeugen eines besonderen, aber für unsere Zeit wohl auch typischen Ereignisses: Während Schauspieler in der Maske sitzen und Produktanpreisungen auswendig lernen, bemüht sich ein riesiges Filmteam darum, eine Flasche Orangensaft ins richtige Licht zu setzen. Vor jedem Take wird die Ware eingesprüht, damit sie in die Kamera strahlt wie Delia, und als dem Produzenten die Flüssigkeit zu gelb erscheint, wird kurzerhand ein Schluck Cola hineingefüllt, um den Orangensaft orange zu machen.

Doch auch wenn der Film an einigen Stellen zum Schmunzeln einlädt, beutet Jude die seinem Stoff innewohnende Komik nie aus. Hinter Delias Geschichte verbirgt sich ein Drama, von dem der Zuschauer erst langsam und beiläufig erfährt. Das Mädchen verweigert sich nämlich der unternehmerischen „Vernunft“ und entzieht sich im Laufe des Drehtages der Abmachung, das Auto sofort wieder zu verkaufen. Auch vom vermeintlich rationalen Argument, dass man mit dem langfristigen Gewinn aus der Pension doch ein neues Auto kaufen könne, lässt sie sich nicht überzeugen. So enthüllt sich langsam die gesamte Tragik der Figuren: Das gewonnene Auto scheint mehr Fluch als Segen, und der unverhoffte Gewinn bringt nicht Glück und Reichtum in Delias Familie, sondern vorerst nur die Logik des Kapitalismus. Weil das Auto nicht ohne Delias Unterschrift verkauft werden kann, entwickelt sich die Diskussion zwischen Vater und Tochter zu einer absurden geschäftlichen Verhandlung, in der väterliche Liebe und familiärer Zusammenhalt zu bloßen Argumenten verkommen, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken.

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Während Cristian Mungius stilistisch ähnlicher Film 4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage (2007) die eisige Kälte der Ceausescu-Diktatur porträtierte, geht es bei Radu Jude um das neue, um das moderne Rumänien. Und auch wenn Judes Bilder bunter, lebendiger, eben moderner sind, ist die Wirkung seines Films nicht weniger pessimistisch. Die schreckliche Zeit der Diktatur ist einer postkommunistischen Gesellschaft der Kontraste gewichen. Am Beispiel eines kleinen Ausschnitts aus dem alltäglichen Marketing-Irrsinn enthüllt Jude die inneren Widersprüche der Ordnung, die das Erbe jenes düsteren Kapitels rumänischer Geschichte angetreten hat, um das es in Mungius Meisterwerk ging. Indem Jude sich dessen Ernsthaftigkeit bewahrt und die schöne neue Welt des Kapitalismus ebenso realistisch-distanziert darstellt wie Mungiu die Schrecken der Diktatur, rettet er den kritischen Geist des rumänischen Films in die Gegenwart. Anders als die Werbemanager lässt er sein „Produkt“ weder in falschem Glanze erstrahlen, noch peppt er es mit fremden Zutaten auf, weil den Kontrasten der Gesellschaft mit diesen Mitteln nicht beizukommen ist. Der Saft ist immer, wie er sein soll, das Kino aber ist, wie es ist.

Trailer zu „The Happiest Girl in the World“


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