Sunrise

Menschenhandel in Mumbai. Partho Sen-Gupta hat einen schauerhaft stimmungsvollen und gleichwohl einfühlsamen Film noir gedreht.  

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Ein Kind wird vermisst. Ist es weggelaufen, wurde es entführt, hatte es einen Unfall? Quälende Fragen und seelische Marter, der Wille zum Wissen und die Ohnmacht der wirklichen Wahrheit. Das sind Gravitätszentren, um die sich in Sunrise (Arunoday) alles dreht. Inspektor Joshi (Adil Hussain) ist Kriminalkommissar in einem der verlorensten, sumpfigsten Polizeiposten im hinterletzten Winkel Mumbais. Seit zehn Jahren ist seine Tochter spurlos verschwunden, ein endloses Trauma, denn immer wieder wird er mit ermordeten und verscharrten oder an Menschenhändler verkauften Mädchen konfrontiert. Ein klassischeres Film-noir-Setting ist eigentlich kaum denkbar und stilistisch gemahnt Sunrise stark an genretypische Konventionen. Und trotzdem ist da von Beginn an noch etwas Anderes, eine Art Sog, eine Direktheit, die das nächtliche Mumbai zur Monsunzeit ungewollt real werden lässt. Über allem liegt eine seltsame Ruhe, fast Stille, die Geräusche der Stadt übertönen die wenigen kargen Dialoge bei weitem, selten zieht sich eine derartige Sprachlosigkeit durch einen Film. Doch schreit uns die traumatisierte Natur der Stadt während Joshis einsamer nächtlicher Patrouillen geradezu an, allein hören tun wir nichts. So übersteigen die verstummten menschlichen Wesen des Films auf bizarre Art und Weise sich selbst, sie sind keine Helden, noch nicht mal Individuen, sondern nur Teile eines größeren Ganzen.

85-minütiges Déjà-vu

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Was allerdings Sunrise für uns Zusehende so besonders macht, ist sein Umgang mit Zeit. Was ist Erinnerung? Was ist wirklich, was existiert im Hier und Jetzt? Der Film entschließt sich stets für eine Grauzone abseits linearer Erzählbarkeit und lädt den Plot gewissermaßen von innen mit einer zeitlichen Spannung auf, die eine gespenstische Aura besitzt. Die traumatischen Ritornelle des plötzlichen Verschwindens, der Gewalt und der Sprachlosigkeit brechen immer wieder hervor. Alles scheint sich zu wiederholen, Vergangenheit und Gegenwart kristallisieren in einer Art ständigem Kreislauf, aus dem es für Inspektor Joshi kein Entkommen gibt. Denn das Verbrechen wird zu einer allgemeinen Qualität: Es gibt keine Täterpsyche, keine Niedertracht, vor allem wird es keine Sühne geben. Die Ermittlungen laufen ins Leere, es gibt keinen Feind. Daher lässt sich Sunrise vielleicht am besten als ein Film ohne Gegenwart beschreiben. Es gibt keine Szene, keinen Moment, der nicht immer schon von Sedimenten der Vergangenheit heimgesucht wäre; Schlingen der Erinnerung, die sich unablässig um Kommissar Joshi ziehen, mal weiten und dann wieder verengen. Was wir erleben, ist so etwas wie ein 85-minütiges Déjà-vu von Orten, Farben, Stimmungen.

Keine Probleme, keine Lösungen, nur Bilder

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Auf diese Weise wird das Thema Menschenhandel in Partho Sen-Guptas Film zu einem allgemeinen, zu einem gesellschaftlichen Trauma, erzählt aus der Perspektive der Opfer, für die es unfassbar bleibt, dass eine Person einfach nicht mehr da sein soll, einfach verschwunden ist. Das ist weit weg vom Ressentiment und in Sunrise gibt es keine moralischen Verurteilungen, die wuchernde Unmenschlichkeit wird nicht etwa gegeißelt, sondern erscheint schlicht als Lebensweise, als eine Möglichkeit unter vielen. Sen-Guptas Film schlägt keine Lösungen vor, wägt nicht ab und (ver-)urteilt nicht. Aber das ist nur konsequent, denn jede Lösung braucht zunächst ein Problem, eine fassbare, vorstellbare Größe, eine Dimension. Der Menschenhandel aber entzieht sich diesen Kategorien, für unseren Verstand bleibt immer ein Rest, der sich entzieht, etwas Unfassbares. Genau das ist es, was eine wirkliche Tragödie ausmacht. Und deshalb ist Sunrise beileibe kein ohnmächtiger Film, keine Kapitulation, sondern ein mutiger Versuch, die Unmenschlichkeit Bilder und Töne, oder – in der Logik eines Film noir – schlicht Licht werden zu lassen anstatt sie erklären oder rationalisieren zu wollen. In Indien verschwinden jedes Jahr 100.000 Kinder spurlos, diese Information leitet schließlich den Abspann ein. Viel mehr als jede Zahl und alle Worte ermöglicht Sunrise eine Vorstellung, sicherlich bestenfalls eine Ahnung davon, was das wirklich bedeuten könnte.

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