Stichtag

Ein Ticket für Zwei.

Stichtag 03

Als Steve Martin 1987 mit John Candy im Gepäck quer durch die USA reiste, um pünktlich den Thanksgiving-Truthahn anzuschneiden, benötigte er Planes, Trains and Automobiles, wie der Originaltitel von Ein Ticket für Zwei verriet. Ein Road Movie scheinbar, aber dann doch nicht wirklich. Die USA spielen in dem mittlerweile zum modernen Klassiker avancierten Film von John Hughes keine Rolle.

Anders in Stichtag (Due Date), dem Hangover--Follow-up von Regisseur Todd Phillips und Zach Galifianakis, dem neuen, ultrapräsenten Sternchen am Stand-Up-Himmel der Majors.

Stichtag 02

Ihre neue Komödie entpuppt sich als Road Movie, das ganz der Second Unit und den Location Scouts gehört.

Immer wieder fangen Hubschrauber wunderbare Landschaftspanoramen ein, mal am Mississippi, mal am Grand Canyon. Unterstützt von einem formidablen Soundtrack, der sicher nicht billig war. Wie alles an Stichtag, dem bislang kostspieligsten Film von Phillips. Im Gegensatz zu dessen frühen Extravaganzen wie Road Trip (2000) – auch einem Road Movie – atmet Stichtag durch und durch den Dunst der Großproduktion. Angefangen mit dem Hauptdarsteller Robert Downey Jr., der seit Iron Man (2008) erstmals als waschechter A-Star gilt. Die Konfrontation von Galifianakis und Downey Jr. ist alles, worauf der Film setzt. Seine Nebenfiguren – durch die Bank besetzt mit klanghaften Namen wie Jamie Foxx, Juliette Lewis oder RZA – verkommen zu Schablonen. Sie funktionieren einzig als Gastauftritte auf dem Weg des Protagonisten-Duos. Was spätestens bei Michelle Monaghan problematisch wird, denn sie muss schließlich für die gesamte Motivation der Handlung herhalten. Monaghan spielt hier den Truthahn-Ersatz: die hochschwangere Ehefrau des Downey-Jr.-Charakters. Wobei sie reduziert wird auf einige lustlos inszenierte Telefonate, die sie am Fenster, auf dem Bett, vor der Wand, vor dem Krankenhaus zeigen, nie länger als einige Sekunden, ohne einen einzigen Satz von Relevanz. Großartig dagegen die Eingangssequenz, wo Downey Jr. zwar auch mit ihr telefonieren will, aber nur den Anrufbeantworter erreicht. Das hätte für den ganzen Film genügt, denn einen wirklichen Charakter darf Monaghan nicht spielen.

Stichtag 06

Grundsätzlich könnte man behaupten, Phillips interessiere sich in den meisten seiner Filme nicht für die Charaktere – was dem Gesamtergebnis in den seltensten Fällen einen Abbruch tut. Starsky & Hutch (2004) ist nicht weniger als eine Perle im Komödien-Allerlei jenseits der Apatow-Schule, dem Ferrell-Universum und den Wes-Anderson-Liebenswürdigkeiten, gerade weil sie mit letzteren beiden einige Überschneidungen hat. Der Film lebt von seinem Charme und von der Nostalgie, mit der er sich dem Subjekt nähert. Schon in Hangover wurde das Konzept variiert. Hier trieb ein –  immens gut geschriebener – Gag den nächsten. In einem Tempo, das weitreichendere Figurenzeichnungen und die Kreation eines eigenen hermetischen Kosmos verzichtbar machte.

Stichtag nun geht dieses Tempo ab. Wer den Trailer kennt, ist ohnehin über die zentralen Stationen und Konstellationen der Reise informiert. Phillips will mehr als nur temporeich klamaukig erzählen, und hier – anders als in Starksy & Hutch – scheitert er. Sein neuester Film schneidet vieles an und erzählt nichts wirklich aus. Zwei Männer, geprägt vom Verhältnis zu ihren Vätern, die beide ihre Position im Leben suchen, jeder auf seine Weise. Das hat – so wollen uns die Insignien des Road Movies und die Aufnahmen der Second Unit glauben machen – etwas mit den USA zu tun. Und tatsächlich erfahren die Protagonisten recht eindringlich, dass es nicht ratsam ist, Mexico mit Texaco zu verwechseln. Aber auch diese, stärkste Episode des Films, die mit einem wunderbaren Trip aufwartet, findet keine Verankerung im Gesamtkorsett. Die beiden lassen Mexiko schnell wieder hinter sich, Folgen hat ihr Abstecher keine. Eben noch verfolgt, schlagen sie und der Film einen gänzlich anderen Weg ein. Abgehakt.

Stichtag 01

Stichtag fehlt der Mut zum Infantilen, den Philips bei Hangover bewiesen hat, und ihm fehlt inmitten all der wunderhübschen, kalkulierten Postkartenbilder mit dem passenden Sound und Track die Wärme, die Ein Ticket für Zwei auszeichnet.

So bleibt der Eindruck eines über weite Strecken vordergründigst unterhaltsamen Films mit durchaus großartigen Momenten, der an den Kern des Road Movies, der mythologischen Erzählung einer verletzlichen Nation, genauso wenig rührt, wie an den Emotionen, die Steve Martin, John Candy und John Hughes hinter all dem Klamauk zum Vorschein zu bringen vermochten.

Trailer zu „Stichtag“


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Kommentare


Qualli Bob

Mit hat der Film nicht sehr gut gefallen.
Er bestand im Grunde größtenteils aus Pausen, die von einigen Schockern (zum Beispiel das Trinken eines Kaffees, der aus der Asche eines Menschen gekocht wurde) unterbrochen wurden, auf die wieder Langeweile folgte. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Schocker und habe auch herzlich gelacht, als bei Hangover der nackte Chinese aus dem Kofferraum gesprungen ist, aber hier fehlt sozusagen das "zwischendrin", eine Atmosphäre, der es gelingt, das Warten auf den nächsten Gag mit etwas anderem als dem Ekel vor Zach Galifianakis oder schlichter Langeweile zu füllen. So fällt man als Zuschauer nach jedem Gag in ein Loch und muss dort verharren, bis endlich wieder etwas passiert. Hinzu kommt das Fremdschämen für die charakterlichen Defizite und das Verhalten des "Grizzlys", bei dem man zwischen Mitleid, Hass und Ekel den Film manchmal wirklich nicht ertragen kann.
Was die Szene mit den beiden Kindern soll, ist mir vollkommen rätselhaft.
Ich kann diesen Film nicht weiterempfehlen.






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