Rammstein: Paris

Allmähliche Intimisierung von Band und Zuschauer: Mit offensichtlichem Montagefetisch und dezenten Griffen in die Trickfilmkiste hat Jonas Åkerlund ein Konzert von Rammstein verfilmt. Das Ergebnis ist ein weiteres Indiz für die Entstehung einer neuen Ästhetik des Rockmusikfilms.

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Till Lindemann wirkt irgendwie schwerfällig, hinterher, aus dem Takt. Die tänzerische Leichtigkeit, die er seinem massiven Körper sonst abringt, scheint ihm in den ersten Minuten von Jonas Åkerlunds Konzertfilm abhandengekommen sein. Geschuldet ist das jedoch, wie spätestens in der zweiten Hälfte von Rammstein: Paris klar wird, nicht den über fünfzig Lebensjahren oder der knapp 25-jährigen Bühnenkarriere als Sänger einer deutschen Metal Band. Vielmehr sind es Åkerlunds Bilder, die Lindemanns Körper aus dem Takt bringen. Im Versuch, mit dem (im wahrsten Sinne des Wortes) Effekte-Feuerwerk der Rammstein’schen Konzertshow mitzuhalten, verwehrt Rammstein: Paris den menschlichen Körpern im Film erst einmal jegliche Dauer. Nach einer einleitenden Sequenz, in der unter einem Geräuschteppich maschinellen Brizzelns, Zischens und Schlagens die gewaltige Bühnentechnik in Stellung gebracht wird und die Band als freakige Gladiatoren-Truppe roboterartig einläuft, wartet die Montage mit einem extrem schnellen Schnitt-Staccato auf.

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Die vor allem im Konzertfilm so offen zutage tretende, verdoppelte Choreographie – die des gezeigten Inhalts, der performenden Körper auf und vor der Bühne einerseits, und die der audiovisuellen Form, der Körperlichkeit des Films selbst andererseits – kippt ganz in Richtung letzterer. Die dritte körperliche Instanz in dieser Anordnung, die des Zuschauers, wird bombardiert, das Auge mag das kaum noch mitmachen. (Jedoch: kein Epilepsie-Warnhinweis weit und breit – wo Rammstein und ein bekannter Musikvideo-Regisseur draufstehen, muss wohl Entsprechendes erwartet werden.) Eigentlich hintereinander geschnittene Bilder werden als Überblendungen, dann aber doch auch immer wieder rhythmisiert wahrgenommen, Åkerlund schneidet sehr konsequent und beinahe durchgängig im Takt der immer wieder von heftigen Stoßsalven heimgesuchten Musik.

Das Pathos technischer Bearbeitung

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Dann aber, nach etwa 20 Minuten, beruhigt sich das Ganze ein wenig. Trotzdem bleibt Rammstein: Paris klar auf Abstand zu dem, was man vielleicht als den klassischen Modus des (Rock-)Konzertfilms bezeichnen kann, der sich vor allem aus den bekannten Namen der 1960er und 1970er Jahre (Monterey Pop, Gimme Shelter, Woodstock, The Last Waltz) speist und dessen Wurzeln eng mit der Direct-Cinema-Bewegung verknüpft sind. Abgesehen von der Naivität und Brüchigkeit dieses Ansatzes ist das auch insofern konsequent, als die Idee, sich der Musik Rammsteins mit Diskursen des Authentischen zu nähern, von vornherein arg abwegig erscheint. Åkerlund, der auch schon für einige Musikvideos der Band verantwortlich zeichnete, orientiert sich denn auch stärker an einem Konzept, in dem Poetik und Pathos immer schon vom maschinell Produzierten her gedacht sind und widmet sich mit viel Hingabe dem technisch Gemachten.

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Auch wenn er den berühmten Performances und teils sketchartigen Körper-Narrationen der auftretenden Band im Laufe des Films mehr Raum (im Sinne ungeschnittener Zeit) gibt, verbindet Rammstein: Paris jeden der 16 Songs mit mindestens einer neuen visuellen Idee. Neben Zeitlupen, Störungs-, Verzerrungs- und (nun ‚tatsächlichen‘) Überblendungseffekten bedient er sich dabei so punktuell wie dezent auch aus dem Fundus des Trickfilms: Lindemann bekommt für kurze Momente eine lange, schwarze Schlangenzunge oder ‚fliegt‘ einige Meter über der Bühne, Blitze gehen auf die Hände des insgesamt prominent inszenierten Keyboarders und Band-Clowns Christian „Flake“ Lorenz nieder. Vielleicht lässt sich an diesem spannenden Gemisch aus Live-Aufzeichnung und narrativisierender Effekte eine neue Ästhetik des Rockmusikfilms ablesen, verfährt doch Nimród Antals 2013 erschienener Metallica Through The Never in einiger Hinsicht ähnlich.

Hin zu Intimität und Schaumparty

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Während Metallica Through The Never jedoch von Beginn an einen externen (Fan-)Protagonisten mit einer zum Konzert parallel verlaufenden Geschichte etabliert, setzt Rammstein: Paris auf eine allmähliche Bewegung der Intimisierung von Band und Zuschauern. Letztere sind zu Beginn als abstrakte, von Lindemann nur allmählich sich dirigieren lassende Masse inszeniert, und wenn überhaupt, dann in extremen und stark nachbearbeiteten Draufsichten zu sehen. Doch Åkerlunds unzählige Kameras haben noch andere Modi zu bieten: Neben den strategisch starr am Boden und an der Decke positionierten Geräten fangen Kameramänner mit Weitwinkel- und Teleobjektiven das Geschehen auf der Bühne vor allem von vorne ein, dazu wurden bei einer Generalprobe ohne Zuschauer extreme Großaufnahmen der Bandmitglieder erstellt. All dies eröffnet dem offensichtlichen Montagefetisch des Regisseurs verhältnismäßig viele Möglichkeiten, die er gekonnt für eine Dramaturgie nutzt – und damit die Musiker den Zuschauern (des Konzerts, aber vor allem auch des Films) nach und nach näherbringt.

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Die Show – beziehungsweise die Shows, denn Åkerlund und sein Team kondensieren zwei Konzerte in der Pariser Bercy Arena zu einem – verfährt mit einer ähnlichen Dynamik, hin zur räumlichen Nähe. Für einige Songs wird auf eine Mini-Bühne mitten im Zuschauerraum gewechselt, so dass es für die dann performten sadomasochistischen Sex-Akte endlich ein bisschen kuscheliger werden kann. Milchiges Wasser spritzt gefühlt minutenlang aus einem Kunst-Penis, dann wird nochmals ordentlich ejakuliert – Schaumparty! Und plötzlich, ganz zum Schluss, ist Rammstein: Paris dann doch einmal mittendrin, enthusiasmierte Zuschauer schreien in die Kamera. Was bleibt, ist der Gedanke, dass man seinen Kinosessel trotzdem nicht (mehr) eintauschen will.

Rammstein: Paris läuft am 23., 24. und 29. März 2017 in verschiedenen deutschen Kinos. Tickets und Termine gibt es hier

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