Outrage

Cleverness auf dem Grund des Blutsees: Outrage von Takeshi Kitano ist nur für Hartgesottene von Relevanz.

Outrage

Takeshi Kitano macht es seinen Zuschauern sehr schwer, Outrage nicht grundsätzlich abzulehnen. So unbedingt konzentriert er sich hier auf die Darstellung von  Gewaltakten jeglicher Couleur, dass viele Nuancen der Inszenierung und die Cleverness im Script schlicht abgeschlachtet werden. Es ist nicht so, dass es Outrage an Substanz mangelte, ganz im Gegenteil. Aber das Themen- und Motivfeld Gewalt ist hier so übermächtig vertreten, dass es sich vor alle anderen Aspekte des Filmes drängt. Vielleicht trifft Kitano damit einen Nerv, vielleicht macht er eine sehr konkrete Aussage, aber diese geht zu Lasten aller anderen Rezeptionshaltungen. Anders gesagt: Man kommt um die Gewalt nicht herum bei Outrage.

Outrage

Strukturell betrachtet ist Kitanos Rückkehr ins Yakuza-Genre eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit dem Verhältnis Kollektiv – Individuum. Outrage ist ein Ensemblefilm in der strengsten Bedeutung des Konzepts: dezentral, ohne klare Hauptfiguren und Sympathieträger. Die Story ist noch minimaler als gewohnt: Mehrere Yakuza-Familien schlachten einander in einer immer schneller wirbelnden Rachespirale ab. Die mittelpunktslose Organisation erlaubt Kitano, das Konzept der „Familie“ und die Zwänge ihrer Ehrverteidigung überindividuell in die Figuren einzuschreiben. Nach der ersten Beleidigung folgt streng genommen nur noch eine Reaktion der nächsten: auf Beleidigung folgt Entschuldigung folgt Zurückweisung folgt Mord folgt Folter folgt ... Keine Entscheidung ist im Individuum verankert, persönliche Animositäten werden rigoros der Ehre des Clans untergeordnet.

Outrage

Auch Kitanos Kreuzung von Wiederholung und Variation ist bemerkenswert. Das Yakuza-Setting ist bekannt aus seinen frühen Werken, ebenso er selbst als wortkarger, pragmatischer Mann der mittleren Ränge. Die übrigen Gesichter jedoch sind neu, und es wird viel mehr geplappert. Die japanische Kultur kennt aus dem Erbe des Zen-Buddhismus die Konzeption der Wiederkehr, die meditative Qualität der Widerholung, die allmähliche Perfektionierung durch Übung. Sei es in Küche, Kampfsport oder eben Kino. Kitano erweist sich als Genrefilmer per excellence, auf der Suche nach allmählicher Perfektionierung der Form, ohne sich zu verrennen. Nach zehnjähriger Absenz mit Arbeiten in den Genres Melodram (Dolls, 2002) und Samurai-Film (Zatoichi, 2003) ist allein die Rückkehr ins Yakuza-Fach eine Ansage, ein Anknüpfen und ein Neuanfang.

Auch die Organisation der Handlung reflektiert das Verhältnis von Wiederholung und Veränderung. Der Oberboss aller Familien spielt diese gegeneinander aus, das Abschlachten geht weiter, bis es ihn selbst hinrafft und ein neuer Boss in den gleichen Kleidern auf der gleichen Terrasse sitzt. Ist das ein Kreisschluss oder eine Spiralbewegung? Die Antwort kann nur lauten: beides. Übrigens sind eben jene Kostüme der beiden Bosse, des alten und des neuen, kleine Sticheleien in Richtung des japanischen Erzfeindes Nordkorea: Kim Jong-il könnte sich nicht besser kleiden. Die gleiche Sonnenbrille, das gleiche Khaki mit hochgeschlossenem Kragen oder, alternativ, der Trainingsanzug.

Outrage

All das ist nur eine kursorische Auswahl der Qualitäten von Outrage. Man könnte weiter machen, etwa das starke Sounddesign, das den Rhythmus der Rachegewalt in der Rhythmik der Geräusche reflektiert, erwähnen oder die fantastische Choreografie der Ensembleszenen. Aber irgendwann wird all das ertränkt in Blut.

Spätestens wenn die Familie des von Kitano gespielten Charakters einer nach dem anderen hingerichtet wird, fragt man sich nach der Richtung, in die das alles deutet. Soll auch durch Variation der Gewalttaten, der Sterbemöglichkeiten über oben erwähnte Thematik nachgedacht werden? Man kann es tun, und auch gewinnbringend: Kann Gewalt rational sein? Kann Gewalt komisch sein? Aber kann man das nicht auch mit anderen Mitteln fragen?

Outrage

Die Sequenz der Hinrichtung des Otomo-Clans erinnert frappierend an Alan Clarkes Elephant (1989). Dort sehen wir eine zusammenhanglose Aneinanderreihung von Erschießungsszenen, wortlos, erklärungslos, ohne Musik und Story. Man erlebt hier Gewalt in einer unnatürlich reinen, essenziellen Form, fern jeder Kontextualisierung und Erklärbarkeit. Man könnte auch an Takashi Miikes Izo (2004) denken, den niemand mir Bekanntes je zu Ende geschaut hat. Dort wird versucht, Gewalt als Urprinzip, das alle Epochen, Menschengruppen, Religionen und Weltgegenden durchläuft, zu verstehen. Beide Filme erkaufen sich ihre Sinnkonzentration durch extreme Abstraktion von einer spezifischen Wirklichkeit, sei es aufgrund von Beliebigkeit oder der Überzeichnung ins Groteske. Outrage bleibt zwischen diesen beiden Polen stecken, denn alles hier geschieht durchaus in einem mit Sinn erfüllten Universum, eben dem der Yakuza-Welt des Films, und zwar ist vieles grotesk, aber alles mit extremer Hingabe ans Detail inszeniert, jedes Knacken, Brechen, Wummern ist geplant. Alles ist vollkommen realistisch, wenn auch dies ein Realismus der schwärzesten Ecken der Wirklichkeit ist.

Also lässt sich die Frage nach dem Warum nur unbefriedigend beantworten, Outrage bietet wenige Rechtfertigungen an. Und das ist der Preis der Gewaltdarstellung: Ihre Verwendung muss gerechtfertigt werden durch Gehalt und Form des Filmes, andernfalls darf man getrost das Kino verlassen. Aber Menschen haben unterschiedliche Hemm- und Toleranzschwellen, und wer Gewalt als ein Element von vielen der Filmkultur ansieht, das keine Sonderstellung beanspruchen kann, der kann an Outrage viel Freude haben.

Trailer zu „Outrage“


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Kommentare


Politischandersdenkender

Die Altesfreigane ab 18 ist für diesen Film völlig übertrieben.






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