Von Menschen und Göttern

Nach einer wahren Begebenheit erzählt Xavier Beauvois, wie französische Mönche in Algerien zwischen die Fronten von Terroristen und korrupter Armee geraten. Die Inszenierung wird dabei vom ritualisierten Klosteralltag bestimmt.

Of Gods and Men

Von Menschen und Göttern (Des hommes et des dieux) erlebte nach seiner Uraufführung in Cannes ein enormes Medienecho und wurde zuletzt sogar mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Der Grund für diese Begeisterungsstürme schien nicht allein mit dem Film selbst zu tun zu haben, sondern auch mit seinem Sujet. Schließlich ist das konfliktreiche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit nach wie vor ein aktuelles politisches Thema, und diese haben bei Jurys und Presse oft bessere Karten.

Zusätzlich basiert die Handlung von Von Menschen und Göttern auf einer wahren Begebenheit, die sich Mitte der 1990er Jahre in der algerischen Stadt Tibhirine zugetragen hat. Dort lebten Mönche des französischen Klosters „Notre-Dame de l’Atlas“ und leisteten als Ärzte und Lehrer Entwicklungshilfe für die Bevölkerung. Als sich die politische Stimmung im Land zunehmend aufheizt und die Mönche sich wegen ihrer unerfüllten Mission weigern, das Land zu verlassen, werden sie von der GIA – der Groupe Islamique Armé (Bewaffnete islamische Gruppe) – entführt und ermordet. So lautete zumindest lange Zeit die offizielle Version. Momentan laufen Ermittlungen, ob nicht vielleicht doch die algerische Armee für den Tod der Mönche verantwortlich ist. Von Menschen und Göttern berücksichtigt die unsichere Lage der historischen Fakten und setzt während der Ermordung eine Leerstelle.

Of Gods and Men

Regisseur Xavier Beauvois (Eine fatale Entscheidung; Le petit lieutenant, 2005) passt seinen Inszenierungsstil dem asketischen und bedächtigen Leben der Mönche an. Auf eine klassische Spannungskurve verzichtet er und bedient sich stattdessen eines getragenen Erzähltempos und einer zurückgenommenen Dramatisierung. Zunächst schildert der Film distanziert beobachtend den Tagesablauf seiner Figuren. Dazwischen finden sich immer wieder Momente, die zeigen, wie harmonisch das Zusammenleben zwischen christlichen Ordensbrüdern und muslimischer Bevölkerung ist. Höhepunkt ihres ritualisierten Alltags sind die klosterinternen Gottesdienste, denen sich Beauvois ausführlich widmet und sie nutzt, um den Film zu rhythmisieren.

Diese Gottesdienste wirken völlig isoliert von der politischen Realität des Landes. Es ist bezeichnend, dass die Kirche keine Fenster hat und somit hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt ist. Beauvois stellt die Konfrontation zwischen abstraktem Glauben und der konkreten Wirklichkeit militärischer Gewalt in einer eindrucksvollen Szene dar: Während die Mönche eine Messe abhalten, kreist ein Hubschrauber der Armee um die Kirche. Immer lauter versuchen die eingeschüchterten Mönche gegen den ohrenbetäubenden Lärm des klackernden Propellers anzusingen.

Of Gods and Men

Ganz im Zeichen der Askese stehen auch die Bilder, mit denen Beauvois seinen Film erzählt. Die Szenen sind entweder in den dunklen Innenräumen des Klosters angesiedelt oder in das natürliche, warme Licht der Morgen- oder Abendsonne getaucht. Statt auf kompositionelle Extravaganzen setzt Von Menschen und Göttern auf eine bescheidene, überwiegend funktionale Bildsprache. Teilweise lässt gerade diese, durch das porträtierte Milieu legitimierte, inszenatorische Zurückhaltung einen prägnanten gestalterischen Zugriff vermissen. An einigen Stellen kann sich der Film den Verweis auf religiöse Renaissance-Malerei aber nicht verkneifen. Die Verarztung eines angeschossenen Mitglieds der GIA wird als deutliches Zitat von Andrea Mantegnas Gemälde „Der tote Christus“ inszeniert. Obwohl es durchaus subversives Potenzial hat, einen islamischen Terroristen als Jesus zu inszenieren, erschließt sich nicht, warum Beauvois an dieser Stelle auf Mantegnas Bild zurückgreift.

Of Gods and Men

Da der Regisseur zugleich auch erfahrener Schauspieler ist, wundert es nicht, dass Schauspielführung und eine differenzierte Figurenzeichnung zu den Stärken des Films zählen. Besonderes Augenmerk legt Von Menschen und Göttern auf die weltlichen Emotionen seiner geistlichen Figuren. Die Mönche sind hier keine ätherischen Wesen, sondern lassen sich auch von niederen Emotionen leiten. Sie streiten sich wie kleine Kinder, fluchen, und vor allem werden sie nach der Ermordung zweier kroatischer Arbeiter von einer unehrenhaften Angst um die eigene Unversehrtheit geplagt. Als die Terroristen zum ersten Mal ins Kloster stürmen und sich ihnen Bruder Christian (Lambert Wilson) in den Weg stellt, verstecken sich einige seiner Ordensbrüder feige im Keller.

Unter dem Einfluss einiger Flaschen Wein werden die Mönche dann in einer als letztes Abendmahl inszenierten Szene von ihren unterdrückten Gefühlen übermannt. Begleitet von Tschaikowskys Schwanensee reiht Beauvois Großaufnahmen der lachenden und weinenden Gesichter aneinander. Das ist einerseits ein berührender und kathartischer Moment, weil der Film zuvor sehr spärlich mit emotionalen Augenblicken umgeht. Entgegen den historischen Fakten kommt die Entführung der Mönche für diese aber alles andere als überraschend. In der Abendmahlszene inszeniert Beauvois die Männer als Märtyrer, die wissentlich und für eine gute Sache in den Tod gehen.

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Kommentare


Dr. Ines Lehmann

ein ganz einmaliger, tief beeindruckender Film, über den man lange nachdenken wird


Dr.Wolfgang Voltz, Hamburg

Vom Filmischen ein Meisterwerk. Aber
ein ganz besonderer Flm in seiner Aussage.
Hier wird in verschiedenen Ebenen
Humanität, Miteinander, Glaube, Angst, Mitgefühl aber auch Vernichtung, Intoleranz, Hass, gezeigt. Ohne Gruppen zu stigmatisieren. Vielen Dank für diesen Film


Dr. Florian Bertzbach

Ein beindruckender Film, sowohl vom Thema als auch von der filmerischen Leistung.
Wir werden die Bilder und Gedanken lange im Kopf tragen


Dr. Schlöhmil

Ich kann mich den hier gemachten Aussagen, was die Filmästhetik betrifft, anschließen; als problematisch empfinde ich die hintergrundlose Darstellung der Islamisten und ihre Reduzierung auf das Morden. Wer sich mit dem unmenschlich-bestialischen Verhalten der Franzosen im algerischen Befreiungskrieg beschäftigt, weiß um die Wunden, die teilweise bis heute offen sind. Mir ist natürlich klar, dass diese Thematik nicht Anliegen des Films ist, dennoch bleibt hier für mich ein fader Beigeschmack.


Dr. Gräfe-B

Stimmt. Dieser beeindruckende Film wirft Fragen auf nach Hintergründen, was doch auch einen positiven Effekt darstellt. Filme, die sich selbst restlos erklären, sind doch meistens eher banal und schnell vergessen. Ein Werk, das Fragen eröffnet, zum Denken, zu Recherchen anregt, erzielt dagegen eine nachhaltige Wirkung.
Widerspruch zum vorherigen Eintrag: "die Islamisten" werden nach meiner Wahrnehmung in diesem differenzierenden Film (nicht in Bezug auf Menschengruppen, aber stark hinsichtlich von Individuen) eben nicht auf das Morden reduziert. Der später von der Armee gelynchte Anführer respektiert Andersgläubige gemäß des Korans, aus dem er eine zur Toleranz aufrufende Sure zitiert, angesichts des Weihnachtskults der christlichen Mönche zeigt er vor Jesus (der bei den Moslems als Prophet gilt) deutlich Ehrfurcht.
Dank an Beauvois für diesen sensiblen Film!


H. Weigel

Absolut sehenswerter Film mit überzeugender Bildsprache.
Unverständlich allerdings die schlampige deutsche Bearbeitung: asynchrone Untertitelung, völlig unglaubhafte Synchronstimmen der Araber sind noch verzeihlich. Weshalb aber die Texte der Choräle, die Reflexionen der Mönche strukturieren hierbei ausgespart bleiben, ist unverständlich.
Man darf sich also auf das Erscheinen der französischen DVD freuen!


Dr.Torsten Schmidt-Branden

Erschüttert war ich von dr Rolle des Abtes Christian, der seine wahre Fürsorgepflicht gegenübr seinen Mönchen vernachklässigt, indem er fundamentalitisch und selbstherrlich (narzisstisch mit Jesus identifiziert) sie theologisch zu einem kollektiven Selbstmord verführt, obwohl er sie mehrfach hätte retten können. An einer Stelle wird (unbewusst?) von den einbrechenden Muslimen gefragt: "Wer ist hier der Papst?" - und das trifft den Punkt: Christian macht sich zum Stellvertreter Christi.


Inge Blatt

Der Film hat mich tief beeindruckt. Vergebens habe ich im Internet nach Informationen zu den beiden Überlebenden gesucht. Der eine lebt ja noch. Ich würde gern wissen, ob er vom Filmemacher befragt wurde.


Dr. Wilke

In der Tat fragt man sich, ob es nicht auch hätte Christenpflicht sein dürfen, sich der Gefahr brutaler Ermordung durch Ortswechsel zu entziehen. Trotz dringender Ermahnung der politischen Führung, das von radikalen Muslimen terrorisierte Land zu verlassen, in der tödlichen Gefahr zu verharren, ja sich ihr bewusst auszusetzen, könnte man auch als unverantwortlich ansehen, auch unter dem Aspekt christlicher Fürsorge für Schwache.
Der Film zeigt eine in tiefem katholisch-christlichem Glauben verankerte Liebe gegenüber Andersgläubigen, die bis in die Feindesliebe reicht.


I. Kaiser

Ein wunderbarer Film, der mich in Gedanken seit Wochen begleitet, bewegt, erschüttert, demütig macht; der ob seiner wunderbaren Bilder und Darsteller nicht vieler Worte bedarf. Vielen Dank an Xavier Beauvois.


Frank Schürer-Behrmann

Die Gemeinschaft widersteht der Gewalt in zweifacher Hinsicht:
1) Sie fliehen nicht vor ihr und bleiben bei den Menschen im Dorf, mit denen sie leben wollen.
2)Sie weigern sich, die Islamisten zu dämonisieren und versuchen, sie als Menschen anzusehen, und sie verzichten auf den "Schutz" duurch die Waffen des Militärs.
Der Film zeigt gerade sensibel, wie die Mönche zu der Entscheidung in einem geistlichen Prozess kommen. Man muss nicht so entscheiden, aber ich kann nicht verstehen, dass man das als kollektiven Selbstmord diffamiert.
Und die Emotionen, die der Rezensent als "weltlich" bezeichnet, sind "geistlich", wenn man das überhaupt so trennen will - Angst und Zweifel gehören zum Glauben dazu, wie der Glaube zum Leben dazugehört. Ein Gottvertrauen, das sie nicht kennt und nicht immer wieder durcharbeitet, ist zwar vielleicht beneidenswert, aber nicht wirklich erwachsen und kann andren nicht wirklich helfen, weil es sie nicht verstehen kann.
Schließlich: ich denke, im Französischen würde deutlich, dass die Gottesdienste gerade nicht vom Geschehen abgekoppelt sind, sondern dass die Texte das Geschehen spiegeln und reflektieren.
Da sind wir in Deutschland meistens weit entfernt von so einer reifen Spiritualität, die die Kraft zu solcher Solidarität gäbe, wie sie die Mönche ohne große Worte leben.


Blumrich

Stehe auch wie Dr. Schlöhmil skeptisch zu dem Film, denn rational wäre es gewesen, das Kloster zu verlassen, bis sich die Lage stabilisert. Wären dort aus humanitären Gründen 8 Mitarbeiter des französichen Roten Kreuzes aktiv gewesen. niemand hätte ihnen Feigheit vorgeworfen, hätten sie sich vorübergehend zurückgezogen. Die Entscheidung dort zu bleiben ist irrational, wie eben Glauben überhaupt, ob christlich oder islamistisch.






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