Mountains May Depart

Eine Symphonie in drei Sätzen. Ausgehend von einem Liebesdreieck schafft Jia Zhang-Ke in seinem neuen Film eine Allegorie auf ein China in der Identitätskrise.

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Fenyang, eine chinesische Stadt während der Jahrtausendwende. Die junge Tao (Zhao Tao) fühlt sich hier pudelwohl. Mit großen Augen und einem Lächeln, das einem fast ein wenig suspekt vorkommt, flaniert sie durch die Straßen, als stünde ihr die ganze Welt offen – oder zumindest die ehemalige portugiesische Kolonie Macau, die gerade an die Volksrepublik zurückgegeben wurde. China befindet sich in einer Phase des Umbruchs, in der es sich entscheiden muss, ob es weitermachen soll wie bisher oder sich an neuen Idealen ausrichtet. Und auch Tao muss sich entscheiden: Zwei Männer buhlen um ihre Gunst. Der eine, Jang Yinsheng (Zhang Yi), betreibt eine Tankstelle und ist auf den großen Wohlstand aus, der andere, Liangzi (Liang Jin Dong), schuftet in einer Kohlemine. Letztlich ist es die materielle Versuchung, der Tao nicht widerstehen kann. Sie heiratet Jang Yinsheng und bekommt mit ihm einen Sohn (Dong Zijian), der auf den Namen Dollar getauft wird. Ein Vierteljahrhundert und eine halbe Weltreise später ist der neue Film von Jia Zhang-Ke wieder bei Tao in Fenyang angekommen. Mittlerweile ist sie eine alte Frau, die ihre Heimat nie verlassen hat. Das Lächeln aus ihrem Gesicht ist verschwunden – zumindest vorerst.

„Go West“

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Jia hat sich für Mountains May Depart (Shan he gu ren) ein anspruchsvolles Ziel gesetzt. Er will nicht weniger als Chinas Weg in die Moderne nachzeichnen, und zwar nicht so sehr über Einzelschicksale denn über eine ebenso wehmütige wie augenzwinkernde Allegorie. Tao steht mit ihrem leuchtend roten Mantel für China, die beiden Männer, zwischen denen sie sich entscheiden muss, für den neuen Kapitalismus (die Tankstelle) und den alten Kommunismus (die Kohlemine). Sobald seine Protagonisten etabliert sind, schickt Jia sie auf eine Reise, der vom dichten 4:3-Format bis in cinemascopische Breiten führt. Der letzte der drei Teile ist dabei der gewagteste und interessanteste geworden: ein Ausblick ins Australien des Jahres 2025, das für Chinesen wie Dollar zur neuen Heimat geworden ist. Die Häuser und Smartphones sind in der Zukunft zwar transparent geworden, Vater und Sohn können aber nur mithilfe von Google Translate kommunizieren. Nachdem Dollars Ziellosigkeit ihn in die Arme seiner mütterlichen Chinesisch-Lehrerin treibt, steht der Befund endgültig fest: China befindet sich in einer Identitätskrise. Auf der Tonspur drückt sich das vor allem durch zwei wiederkehrende Songs aus. Während für Dollars Eltern das verheißungsvolle „Go West“ von den Pet Shop Boys Ausdruck für die Sehnsucht nach einem anderen Lebensstil war, ist der Junge von einer Ballade der Cantopop-Sängerin Sally Yeh gefesselt, die schon seine Mutter zu Tränen rührte. Dabei vereint die beiden Stücke, dass sie für eine Hoffnung stehen, die unerfüllbar bleiben muss. Schöner ist es eben doch immer woanders.

Leichte Musikalität

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Mountains May Depart ist von einer melancholischen, aber dennoch leichten Musikalität geprägt. Diese schlägt sich nicht nur in dem sich schrittweise weiter entwickelnden Score – der von einer Akustikgitarre über ein Klavier-Violinen-Arrangement bis zu elektronischen Störgeräuschen reicht – nieder, sondern auch in seiner Struktur. Der Film funktioniert wie eine Symphonie in drei Sätzen, ist weniger an geschlossenen Erzählsträngen interessiert als am virtuosen Spiel mit Motiven, ihrer Wiederholung und Variation. Zusammengehalten wird dieser Fluss von der schwebenden Kamera des Kameramanns Yu Lik-wai, der sich nicht nur auf die Darsteller konzentriert, sondern auch auf die Räume und Landschaften, in denen sie sich bewegen. Dabei finden die Figuren mit den Jahren zwar immer mehr Freiheit in den sich ausweitenden Bildern, zugleich vergrößert sich aber auch die Leere, die sie umgibt.

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Die eigenständige ästhetische Dimension von Mountains May Depart ist entscheidend für sein Gelingen. Ohne sie würde die Allegorie drohen, dem Film die Lust abzuschnüren. Wenn sich Dollar etwa in Australien in seine Lehrerin verliebt, scheint diese Figur vor allem die abwesende Mutter und die Sehnsucht nach der fremd gewordenen Heimat symbolisieren zu müssen. Aber Jia verleiht der unglücklichen Auswanderin letztlich doch genug Individualität, um sie nicht auf diese Funktion zu reduzieren, bringt mit ihr vielmehr eine weitere Biografie ein, und damit auch einen möglichen Lebensweg, den Tao hätte einschlagen können. Und mit der Einheit dieser beiden Ebenen hat er nicht nur ein vielschichtiges Porträt seiner Heimat geschaffen, sondern auch ein Herz in sein Zentrum gesetzt, das nie zu schlagen aufhört.

Trailer zu „Mountains May Depart“


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