Die feine Gesellschaft

Sprechen in einer Sprache, die keiner spricht, Betonen, wie es keiner tut, Gehen, als hätte man es völlig verlernt: Die feine Gesellschaft ist Körperschauspiel auf Amphetaminen und Sedativen zugleich.

Ma loute 02

Vieles sieht man so zum ersten Mal in Bruno Dumonts Kino. Aber einen direkten Vorläufer für seine Kostümkomödie Die feine Gesellschaft (Ma Loute) gibt es: Der Film legt dort ab, wo der Regisseur mit seiner Slapstick-Serie Kindkind (Le P’tit Quinquin, 2014) angekommen war, und sucht das weite Meer. Obwohl Dumont zuvor schon mit einem Star in Camille Claudel 1915 (2013) zusammengearbeitet hat, so etwas wie hier hat er noch niemand machen lassen. Fabrice Luchini, Valeria Bruni Tedeschi und Juliette Binoche scheinen gerade erst das Gehen und das Sprechen zu lernen. Oder vielmehr: es einfach nicht lernen zu wollen. Sie spielen drei Mitglieder der Familie Van Peteghem, reich, verstört und exzentrisch. Das Haus in Frankreichs Norden, hoch oben mit Blick auf einen Küstenabschnitt, in dem sie den Sommer 1910 wie jedes Jahr verbringen, ist ihnen Heim und Widerstand: Hier laufen sie gegen Wände und fallen sie von Stühlen. Ganz in der Nähe finden sich die Strände, wo in letzter Zeit mehrere Fremde verschwunden sind. Eine alteingesessene Fischerfamilie, für die Reichen sind sie „pittoresk“, ist schnell im Verdacht, die beiden Inspektoren Machin (auf Deutsch: Dingsbums) und Malfoy sind aber völlige Kretins.

Ein nicht abreißender Strom an Slapstick

Ma loute 01

Didier Desprès, der schon einen kleinen Auftritt in Kindkind als Frittenverkäufer hatte, verkörpert Machin. Was wörtlich zu verstehen ist, denn die Rolle ist ein einziges Spiel mit dem gigantischen Körper, der den Mann nicht zuletzt daran hindert, sich zu bücken. Als Machin ein kleines rotes Fähnchen im Sand begutachten will, vermutlich ein Ort, an dem eines der Opfer verschwunden ist, landet er schnurstracks komplett in der Horizontalen. Und aus Angst, den Abhang einer Düne nicht hinabsteigen zu können, rollt er sie einfach hinunter. Dumont hat einen nicht abreißenden Strom an Slapstick parat, für den Machin das Paradebeispiel wird. Gegenspieler in physischer Hinsicht ist der titelgebende Ma Loute, ältester Sohn einer Fischerfamilie, hager und mit durchdringendem Blick. Wenn er nicht gerade übelgelaunt Muscheln sammelt, trägt er die reichen Urlauber über die Flussmündung von einem Strand zum nächsten. Seine Begegnung mit Billy, dem Sohn – oder ist es die Tochter? – der Van Peteghems, sorgt für Verwirrung romantischer, abenteuerlicher, möglicherweise sogar bedrohlicher Natur. Das will aber niemand ernst nehmen, zu sehr sind alle hysterisch mit sich selbst beschäftigt.

Lebendig, aber gemacht

Ma loute 6

Bruno Dumont hatte schon immer ein Händchen für die Besetzung von Typen, von eigenartigen Männergesichtern, bei denen Mimik und Haltung eins sind. In diese Visagen zu blicken, ob in Das Leben Jesu (La vie de Jésus, 1997), Flandern (Flandres, 2006) oder Humanität (L’Humanité, 1999), das konnte eine menschliche Verbindung zu existenziellen Ängsten, unkontrollierten Trieben und zur Erhabenheit des Seins gleichzeitig heraufbeschwören. Die Körper dieser Laiendarsteller wurden durch die Bilder, durch Licht, Perspektive und Landschaft, zu dynamischen Skulpturen – lebendig, aber gemacht. Dass Dumont in den oft kruden, harten, gewaltsamen Darstellungen auf Entfremdung setzte, war nur möglich aufgrund der gleichzeitigen Präsenz dieser Männer (und Täter). Aus dieser Schlucht zwischen Entfremdung und Präsenz entstand die Magie seines Kinos. Schuld und Sühne als Motive der Erkenntnis über den Zuschauer und seine Empathiefähigkeit, nicht die der Dargestellten. Das mag ein wenig nach Michael Haneke klingen, nur dass Bruno Dumont sich in keiner noch so erhaben wirkenden Einstellung über den Zuschauer stellt und diesen verurteilt. Er will stattdessen etwas mit ihm teilen.

Die Bodenhaftung sehenden Auges verlieren

Ma loute 04

Das Teilen verfolgt Dumont in Die feine Gesellschaft, dem zweiten offensiv komödiantischen Werk nach seiner Fernsehserie, weiter. Die Bodenhaftung verliert er dabei sehenden Auges und mit großem Elan. Die sozialen Milieus, die er skizziert, sind Parodien, die eher nicht irgendwie lose und durch Überzeichnung mit tatsächlichen Milieus von 1910 zusammenhängen. Dieses Nordfrankreich mit der Betonfassade an der Villa im angeblich ägyptischen Stil ist eine Parallelwelt, die voll auf Effekte getrimmt ist. Neben dem unglaublichen Spaß, der sich aus Sprache, Körpern und Situationen ziehen lässt, faszinieren auch die vielen Einfälle und mit Bedeutung aufgeladenen Settings. Dass Dumont neben den Stars weiter mit Laiendarstellern arbeitet, ist nicht nur für den Clash der verschiedenen Milieus sehr produktiv. Sie verleihen Die feine Gesellschaft seine Dringlichkeit, die nicht immer, aber hin und wieder durch den Lack der Exzentrik hindurchscheint. Und sie sind der emotionale Hafen des Films, der zwar die größten Gefühle in den Gesichtern der Stars wunderbar bis zum Äußersten und weit darüber hinaus gespielt sieht, aber nicht anders kann, als sich von den Laien viel stärker angezogen zu fühlen. Narrativ will sich Die feine Gesellschaft das nicht eingestehen und sucht immer neue Abzweigungen für die Fortschreibung einer neuen Handschrift, die frei und froh und irgendwie sogar friedliebend ist. Aber zumindest Letzteres muss man ja nicht ernst nehmen.

Andere Artikel

Trailer zu „Die feine Gesellschaft“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.