Les Amants réguliers
Zwischen politischer Utopie und persönlicher Lebenserfahrung verbringt eine Gruppe junger Pariser gemeinsam die Jahre 1968 und 1969. Ausgezeichnet für beste Regie und Kamera auf den 62. Filmfestspielen Venedig.

Im Dunkel der Nacht liefern sich junge Menschen Straßenschlachten mit Polizisten. Außer den wenigen handelnden Personen bekommen wir nur ein paar Pflastersteine, Straßenschilder und umgekippte Autos zu sehen. Les Amants réguliers präsentiert uns zunächst die Studentenrevolte von Mai 68 verdichtet in einer epischen Nacht. Die Angriffe der Demonstranten und ihre wütenden Parolen verhallen wie die Versuche der verloren wirkenden Polizisten sie zu vertreiben. Am Rande einer kleinen Barrikade schläft François ein und träumt von einer Revolution der Arbeiter. Später im Film träumt er erneut, dann von seiner Liebsten, die er an jenem Abend des Aufbegehrens zum ersten Mal in den Straßen kreuzte.
Philippe Garrels Werk lässt keinen Zweifel daran, dass der Poet François und die Bildhauerin Lilie dessen Protagonisten sind und in den Jahren 1968 und 1969 nichts für sie soviel zählt wie ihre Beziehung, Les Amants réguliers ist aber zugleich ein Ensemblefilm, der das Leben einer Gruppe junger Erwachsener in Paris darstellt. Mit der gleichen Wertschätzung des einzelnen Augenblicks inszeniert Garrel die Szenen des Paares und die der anderen Figuren, die alle ihre Zeit mit Liebe, Kunst, Diskussionen und Drogen verbringen. Die zu großen Teilen aus seiner Schauspielklasse am Pariser Konservatorium rekrutierten Schauspieler erhalten den Raum und die Zeit eine ungewöhnliche über das Authentifizierende hinausgehende Präsenz zu entwickeln, die dem Film einige seiner schönsten Momente beschert. So fügt sich nach und nach, Situation für Situation, mit ungeheurer Leichtigkeit und Präzision, das Bild der Gruppe wie der Zeit um 68 zusammen. Auf diese Weise bettet er den Ausnahmezustand vom Pariser Mai in ein Kontinuum ein, das den Übergang von der politischen Utopie zur persönlichen Lebenserfahrung fast unbemerkt geschehen lässt. Und dennoch verlieren die Straßenkämpfe nichts von ihrer Sonderstellung im Leben der Jugendlichen.

Es ist ein Mythos zu dem Regisseur Philippe Garrel mit der Herausstellung einer schier endlosen Nacht die Revolte überhöht. Ein Mythos, den er in der Deutungsvielfalt seiner Bilder zugleich aufbaut und zerlegt. Die langen Einstellungen der Straßenkämpfe legen dem Betrachter Verschiebungen in seiner Wahrnehmung nahe, von der Faszination des Dargestellten zu dessen Mystifikation, vom Sich-Selbst-Zeigen der Dinge zur Versteinerung des Posenhaften – und umgekehrt. Kategorien, die insbesondere in den sechziger und siebziger Jahren in Debatten über den Sinn und die Bedeutung langer Einstellungen gegeneinander gehalten wurden. Je nach Lager führte deren Beurteilung, meist gemessen am Verhältnis zur Realität, zur Auf- oder Abwertung der Filme. Dass es Garrel nicht um Realismus geht, zeigt schon alleine sein konsequenter Verzicht auf die Etablierung von Räumen und die Ausblendung realitätsgebender Settings. Doch sein Werk passt sich ebenso wenig in die Schablone einer meditativen Mystifikation ein.
Die stark kontrastierten Schwarz-Weiß-Bilder von Kameramann William Lubtchanski, das 4:3 Format und der Einsatz von Kreisblenden sind die auffälligsten Beispiele, für die Reminiszenz an frühe Kinojahre. Erinnerungen an Stummfilme weckt der Film immer wieder durch das regelmäßig die Tonspur dominierende Klavierspiel und die teilweise Ausblendung des Originaltons. In Verbindung mit Elementen des Traumhaften verleihen diese Zeichen von Künstlichkeit Les Amants réguliers seine ganz eigene Stimmung. Trotz seiner historischen Verortung prägt den Film sowohl innerhalb der einzelnen Szenen als auch in deren Montage insgesamt eine Abstraktion von Zeit- und Raum-Koordinaten. Dem scheinbar entgegenlaufend schafft Garrel mit dem Konkreten der Kostüme und des Szenenbilds ein Mittel, direkt die für Träume kennzeichnende Spannung zwischen Konkretem und Abstraktem zu evozieren.

Philippe Garrel findet in dieser filmischen Umsetzung eine Entsprechung für die Situation, der sich gewissermaßen außerhalb der Gesellschaft befindlichen Protagonisten. Er entwirft das Bild einer Gruppe junger Menschen, die sich nach Mai 68 einen Mikrokosmos erschaffen, in dem die einzige relevante Beziehung zur Außenwelt das Beschaffen von Drogen darstellt. Mit Hilfe ihres Mäzens Antoine sind sie dem Zwang, für Geld arbeiten zu müssen, für eine Weile enthoben und können sich ihrer jeweiligen Leidenschaft oder ihrem Wohlsein hingeben. In ihrem Bohème-Leben spielen politische Ideen und Überzeugungen kaum mehr eine Rolle. Ihre häufig phrasenhaft wirkenden Aussagen setzen den Zuschauer zusätzlich auf Distanz zu den mit der Zahl „68“ verbundenen Idealen. Der Kern von Philippe Garrels Vision der Revolte scheint in dem Zwiespalt zwischen dieser Distanzierung und der Erhebung zum Mythos zu liegen. Sein großer Verdienst ist nicht zuletzt die Auflösung der mit Zuschreibungen übersäten Chiffre „68“ in eine Poesie des Augenblicks, die Platz lässt für Komik, Trauer, Identifikation und neue Zuschreibungen. Garrel gelingt dabei ein Werk von historischer Bedeutung und filmischer Durchschlagskraft.
Filmkritik von Frédéric Jaeger
Veröffentlicht am 02.05.2007
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Film-Angaben
Titel: Les Amants réguliers
Deutscher TV-Titel: Unruhestifter
Frankreich 2005
Laufzeit: 178 Minuten
Regie: Philippe Garrel
Drehbuch: Philippe Garrel, Marc Cholodenko, Arlette Langmann
Produktion: Gilles Sandoz
Darsteller: Louis Garrel, Clotilde Hesme, Julien Lucas, Eric Rulliat, Nicolas Bridet, Mathieu Genet, Raïssa Mariotti, Caroline Deruas-Garrel, Rebecca Convenant, Marie Girardin, Maurice Garrel
Copyright Les Amants réguliers
Fotos: © Films Distribution
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