La Pivellina

Die Faszination am Beiläufigen: In ihrer reduzierten Doku-Fiction erzählen Tizza Covi und Rainer Frimmel aus dem Leben fahrender Zirkusleute in einer Wagenburg am Rand der Gesellschaft.

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Patti und Walter sind fahrende Leute. Artisten, deren Wanderzirkus außerhalb der Hochsaison pausiert und deren Wohnwagen still irgendwo am Stadtrand von Rom steht. Hier leben sie in einer Wagenburg mit anderen Schaustellern am Rand der Gesellschaft. Das Nomadendasein und die Ausgrenzung sind verinnerlicht, und die Bürde, den Alltag zu meistern, ist allgegenwärtig. Eines Tages findet Patti auf einem Spielplatz ein ausgesetztes zweijähriges Mädchen. Die Mutter werde es abholen – irgendwann, verkündet ein beigelegter Brief. Patti nimmt das Kleinkind mit und integriert es in ihr Leben.

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Das italienisch-österreichische Filmemacher-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel hat einen Blick für den Realismus des Alltags. In ihrem Dokumentarfilm Das ist alles (Österreich, 2001) beobachteten sie das Zusammenleben von zwangsumgesiedelten Russlanddeutschen, Russen und Armeniern in einem Dorf nahe dem russischen Kaliningrad. In Babooska (Italien/Österreich 2005) begleiteten sie ein Jahr lang eine junge Artistin, die mit ihrer Familie einen Wanderzirkus betreibt. Covi und Frimmel kommentieren nicht. Ihre O-Ton-Stücke sind dokumentarische Aufzeichnung des Alltags mit einer spürbaren Faszination am Beiläufigen, am Zyklischen, an den unausgesprochenen emotionalen Stimmungen der Protagonisten. Dynamik und Tempo scheinen sich situativ zu ergeben, vordergründig-manipulative Eingriffe werden vermieden. So erreichten ihre bisherigen Filme einen beachtlichen Grad an authentischer Wirkung und Wahrhaftigkeit.

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Mit La Pivellina, ihrer dritten gemeinsamen Arbeit, beschreiten Covi und Frimmel Neuland: Ihren dokumentarischen Blick beibehaltend, beobachten sie diesmal eine fiktionale Handlung. Den Impuls hierfür erklärt Tizza Covi damit, die Richtung selbst vorgeben zu wollen und den Film nicht – wie in ihrer bisherigen Arbeit – dem von der Kamera erfassten Geschehen folgen zu lassen.

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Das Authentizitätspostulat folgt dabei primär aus der Selbstdarstellung der Laienschauspieler – derjenigen Zirkusleute übrigens, die bereits bei Babooska zum Teil vor der Kamera standen. Das Buch von Tizza Covi setzt nur Outlines – situative Rahmen, in denen die Darsteller frei agieren dürfen, um so szenische Vorgänge, Beziehungen und narrative Dynamik entstehen zu lassen. Und das Konzept geht auf, denn alle Beteiligten wissen prätentiöses Spiel und somit jegliche Künstlichkeit zu vermeiden. So entsteht eine als unvorhersehbar empfundene Eigendynamik der Erzählung, die kombiniert mit dem primär Dokumentarischen den Reiz dieses Reality -Spiels ausmacht. So gelingt das beabsichtigte Porträt von Menschen, die inmitten von gesellschaftlicher Ausgrenzung eine starke solidarische Verbundenheit und ungebrochenen Lebensmut zeigen.

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Asia, das ausgesetzte Mädchen, bringt neben allerhand praktischen Problemen vor allem Freude in die Wagenburg. Das Kind fungiert dabei nicht etwa als ein kontrapunktischer Lichtblick zum sonst so tristen Randexistenzenleben, sondern als Bereicherung, über die sich der Blick auf den Alltag von Patti, Walter und dem 14jährigen Nachbarsjungen Tairo, einem Scheidungskind, eröffnet. Der gesetzte Handlungsrahmen dient somit nur als katalytischer Trigger für Selbstreflexion, Momentaufnahmen des Alltags oder natürlich komische Situationen, etwa, wenn der 14-jährige Tairo seiner gleichaltrigen Freundin verkündet, er müsse sie verlassen, weil sie keinen Sinn für die Bürde des Babysittens habe.

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Dass dieser pseudodokumentarische Blick in die Innenwelten beeindruckend glaubwürdig ist, verdankt der Film zudem der konsequent kargen Ästhetik der 16mm-Bilder von Rainer Frimmel, die ohne effekthascherische Kadrierung, ohne Zusatzlicht und ohne Stative auskommt. Auch auf jegliche musikalische Ausschmückung der Tonspur wird verzichtet.
Schließlich verweigert Tizza Covi ihrem Drehbuch die übliche filmische Handlungsdramaturgie und setzt sich so vollständig von manch unerträglichem Voyeurformat des sozialpathologischen Reality-Fernsehens ab, in welchem Laienspiel in Kinodramaturgien gepresst wird. La Pivellina erzählt keine Geschichte, sondern bleibt vor allem intrinsische Zustandsbeschreibung dessen, was sich mit rein dokumentarischen Mitteln oder auch rein fiktionaler Narration nur schwer erreichen lässt: eine realistisch anmutende und emotional wirkungsvolle Momentaufnahme.

Trailer zu „La Pivellina“


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Kommentare


Rominka

Danke für die Kritik mit vielen Infos über die Vorgeschichte der Macher, die ich noch nicht kannte. Jetzt kehre ich mal die "feminine Seite" raus und füge Deinem recht rationalen Urteil mein Erstaunen über diesen großartigen, starken Film hinzu.
Selten haben mich kleine Details in der Entwicklung einer neuen Lebenslust, die sich im Laufe des Films bei den Protagonisten beobachten lassen, so berührt. Schön, dass ihr den Film mit einer Kritik würdigt !






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