Kaddisch für einen Freund

40 qm Nahost – in Deutschland.

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Ein heruntergekommenes Mietshaus in Berlin-Kreuzberg, ungefähr jetzt. Dort treffen in Leo Khasins Spielfilmdebüt Kaddish für einen Freund zwei Alis aufeinander: Alexander (Ryszard Ronczewski), russischstämmiger Jude um die 80, lebt dort schon seit 30 Jahren und wehrt sich gegen die Versuche des deutschen Staates, ihn in ein Heim zu stecken, nachdem seine Wohnung verwüstet und mit antijüdischer Hetze vollgeschmiert wurde. Ali (Neil Belakhdar), Sohn libanesischer Flüchtlinge, wehrt sich gegen die Versuche der deutschen Justiz, seine Familie abzuschieben, weil er bei dem alten Juden von oben mit seiner Gang ein bisschen randaliert hat. Nur dank der Intervention seiner findigen Mutter (Sanam Afrashteh) öffnet sich eine Chance: Durch Hilfe bei den Renovierungsarbeiten soll er Abbitte leisten, den Alten vor dem Rauswurf und sich selbst vor einer Anklage bewahren. Der Nahostkonflikt in der deutschen Hauptstadt: Hier treffen zwei Generationen aufeinander, zwei in der Weltwahrnehmung ununterbrochen konkurrierende Lebensentwürfe, zwei Abschnitte deutscher Geschichte.

Kaddisch fuer einen Freund

Kashin, der auch das Drehbuch schrieb, scheint sich viele Gedanken gemacht zu haben über die sozialhistorische Situation Deutschlands und der Welt und will gern maximal viele seiner Überlegungen in die Begegnung zweier Menschen legen, jedoch ohne dieser dabei den Hauch des Zufälligen zu rauben. Dadurch leidet der Film in seiner Anlage stark unter einer didaktisch anmutenden Prämisse, die Figuren drohen, zu Avataren politischer Diskurse zu verkommen, der Plot neigt sich des Öfteren gefährlich ins Beispiel-, ja sogar Parabelhafte.

Doch trotz dieser durchaus ernst zu nehmenden Gefahren überrascht Kaddisch für einen Freund mit unerwarteter Spontanität und emotionaler Aufrichtigkeit. Kashin dampft die großen globalen Konflikte auf die kleinstmögliche Einheit ein und macht die Weltgeschichte persönlich. In den Szenen der Konfrontation des zarten, aber wütenden Ali mit dem von der Vergangenheit und ihren Toten heimgesuchten Alexander findet der Film immer wieder zu sehr intimen, sehr konkreten, sehr überzeugenden Momenten des Hasses, des Misstrauens, der Verständigung und zuletzt der Hoffnung.

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Das liegt einerseits an einer naturalistischen Inszenierung, einer an den Dardennes geschulten Kamera und Lichtsetzung, die sich meist für Grautöne und nahe Einstellungsgrößen entscheidet, für maximale Mobilität und viel Interaktion mit den Schauspielern. Aus der erzwungenen räumlichen Nähe in den engen Zimmern entwickelt sich allmählich eine emotionale Intimität zwischen den Männern. Doch vor allem ist es das Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller, das den Film trägt und auszeichnet. Während Belkhadar seinen Ali als zwischen konkurrierenden Vaterfiguren gestrandeten Träumer verkörpert, verlängert Ronczewski seine Rolle des unantastbaren Mafiapaten aus Im Angesicht des Verbrechens (Dominik Graf, 2010) hier gekonnt ins Schusslige, beizeiten auch Komödiantische. Sprachduktus, Tonlage, Mimik, sogar der Beruf des Schusters: Die beiden Rollen verhalten sich zueinander wie Variationen eines einzigen Charakters.

Doch hat Kaddisch für einen Freund auch seine nicht zu leugnenden Schwächen. Neben den oben genannten Problemen inhaltlicher Überambitioniertheit enttäuscht vor allem, dass der Film letztlich genau gegenüber den Problemen ratlos bleibt, deren Lösung er mit der unwahrscheinlichen Freundschaft zwischen dem alten Juden und dem jungen Moslem vorzuschlagen versuchte. Denn die Konstruktion einer hoffnungsvollen zwischenmenschlichen Verbindung, einer – dieser Anspruch wird hier klar geäußert – kleinen sozialen Utopie funktioniert nur über eine Verschiebung des Freund-Feind-Schemas von Ali vs. den Juden auf Alis Gang vs. alle.

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Der Film verweigert den chauvinistischen, gewaltgeilen Jungs um den messerschwingenden Anführer Bilal (Cemal Subasi) eine Alis aufgefächerter Charakterzeichnung auch nur nahekommende Komplexität, aus der hinaus sich Räume für Veränderung und Auswege aus seiner vorgeschrieben scheinenden sozialen Rolle erschließen. Stattdessen ist die Gang nur ein Rudel schlicht und ergreifend böser junger Männer, Klischeebilder jener U-Bahn-Schläger und Sarrazin’schen Spukgespenster, die zu hinterfragen und auszutreiben die wirklich bedeutsame Aufgabe für einen deutschen Spielfilm wäre. Die Rettung des einen, zarten, talentierten Asylantenkindes funktioniert nur, weil Ali „anders“ ist als die ganze Masse der schwer unterscheidbaren Prügel-Kids „mit Migrationshintergrund“. Sie alle hat der Film von Anfang an schon aufgegeben.

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Doch vielleicht ist es zu viel verlangt, vielleicht auch unmöglich angesichts der noch immer sehr hitzig geführten Debatten zur Jugendkriminalität, in nur neunzig Minuten etwas substanziell Neues zu dieser Problematik beizutragen und die Gemüter zu erden. Es wäre unfair, den Film für dieses Unvermögen zu verurteilen und seine starken, überraschenden Momente dabei zu übersehen. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass Kaddisch für einen Freund für eine märchengleiche Geschichte tausende weniger schöne mit Missachtung straft.

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Kommentare


Peter

Der Kommentator ist genauso oberflächlich wie seine kritik, blasiert und abgehoben bedient er die gewünschten Klischees, im Film repräsentiert durch die dämliche Richterin sowie den nach 1945 erzogenen Staatsanwalt.

Im Film menschelt es und es wird gezeigt wie Menschen manipuliert werden, durch die Medien, verlogene Politikerinnen und selbsgerechte Richterinnen und Staatsanwälte!


Martin Zopick

Wie sich der alte russische Jude Alexander (eindrucksvoll Ryszard Ronczewski) und der junge Palästinenser Ali (genauso gut Neil Balakhdar) als Nachbarn in der Platte treffen ist gut eingefädelt. Dem einen droht bei Straffälligkeit die Abschiebung, dem Anderen bei Unfähigkeit die Abschiebung ins Heim. Und wie aus der Feindschaft eine menschlich anrührende Freundschaft wird ist nicht schlecht gemacht. Beide bewegen sich in einem sozialen Umfeld, das genauso ist, wie man es kennt. Ist das noch Klischee oder bereits Alltag? Für die Integration ist es durchaus von Vorteil. Regisseur Leo Khasin findet keine überzuckerte Lösung. Dafür ist Alexander zu kantig und Ali zu emotional echt. Auch die deutsche Justiz wird recht passabel ins Bild gesetzt. Sie beharrt auf ihrem Recht und findet ein vernünftiges Urteil. Alis Eltern reagieren eigentlich realistisch: die Mutter hat Verständnis, der Vater braucht ein bisschen länger. Überraschender sind da schon die Vertreter des Sozialamtes, die hier für Komik und Frohsinn zuständig sind.
Der Realismus mit einem emotionalen Touch plus leiser Komik ist das Erfolgsrezept des Films. Die authentischen Darsteller haben einen erheblichen Anteil daran, dass man sich mit den Figuren identifizieren kann. Auch wenn man am Ende mit Ali nicht das Äquivalent von ‘Großer Gott wir loben dich‘ auf Jiddisch mitspricht.






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